Eine Krippe spricht das Herz an

Dachau - Winst wurde sie verboiten, weil sie als „unnötig“ erachtet wurde. Doch heutzutage ist sie mit dem Weihnachtsfest so eng verbunden wie der Christbaum: die Krippe. Die Dachauer Sparkasse hat ihr eine Ausstellung gewidmet.

Mit den Jesuiten kamen die Krippen in die Kirchen, mit dem aufgeklärten Absolutismus wurden sie daraus vertrieben. „Wie andere unnöthige Dinge, also auch die Kripperln, aus den Gotteshäusern wegbleiben“, verordnete etwa der Salzburger Erzbischof Hieronymus Colloredo 1782. Aufklärung ist Vernunftsgebrauch, und vernünftig im rationalen Sinne sind Krippen nicht: Denn sie sprechen das Herz an.

Der Betrachter soll nicht nur zuschauen, sondern als Akteur in das Geschehen hineingezogen werden. Die Geburt Jesu wird mit der Krippe gewissermaßen aus der Geschichte genommen: Sie ereignet sich im Hier und Heute. Glücklicherweise sind die Krippen schon längst wieder in die Kirchen und sogar in die Wohnzimmer zurückgekehrt. In einer Ausstellung unter dem Motto „Dachauer Krippen, Dachauer Krippenbilder, Dachauer Krippensammler“ sind in der Sparkasse Dachau derzeit die verschiedensten Krippen zu bestaunen. Wir stellen vier vor:

-Kirchenkrippe von St. Johann:

1945 schaffte der spätere Prälat Pfanzelt für St. Johann eine Krippe an. Vom Krippenkünstler weiß man nur den Namen „Ketter“, der eher nach Norddeutschland weist. St. Johann wurde 1956 Filialkirche der neuen Pfarrei Mariä Himmelfahrt und wird heute von der griechisch-orthodoxen Gemeinde genutzt. Mit der neuen Nutzung kam die Krippe in den Schrank. Der etwa ein Vierteljahrhundert dauernde Dornröschenschlaf ist jetzt von der Pfarrgemeinde Mariä Himmelfahrt beendet worden: Die Krippe kann nun, frisch restauriert, wieder bewundert werden.

Es handelt sich um ein Schnitzwerk in Holz, farbig gefasst, bei einer Figurengröße von 20 cm. Zwei weibliche Figuren tragen die Dachauer Tracht, interessanterweise die der unverheirateten Frauen (Maria, „Gänsebäuerin“). Die Hirten sind in bäuerliche Arbeitskleidung gewandet. Ein kleines Mädchen trägt ein zeitgenössisches Kleidchen, die Buben tragen Lederhosen. Die Könige (vier!) und ein Elefantentreiber sind orientalisch gewandet. Krippenlandschaft war das Dachauer Moos mit der Stadt Dachau im Hintergrund. Die originale Stadtsilhouette ist nicht erhalten. Sie war der Erinnerung nach gemalt oder halbplastisch gearbeitet.

Es ist eine künstlerisch hochwertige Arbeit von mehr als lokaler Bedeutung. Der unbekannte Krippenkünstler muss bildhauerisch, schnitztechnisch ausgebildet gewesen sein. Künstlerisch findet er interessante Lösungen. Er zeigt Sinn für Humor und psychologisches Einfühlungsvermögen. Affekte werden treffend geschildert: Mütterlicher Stolz und Fürsorge bei Maria, Neugier bei den kleinen Engeln, Erschrecken und Staunen beim knienden Hirten. Die künstlerische Darstellung ist aber nicht süßlich, wie es dem Zeitgeschmack entsprochen hätte, sondern realistisch, herb, in der Tradition des Expressionismus. Große Krippenkunst.

-Rössler-Krippe:

Die Rösslers gehören zu den alten Dachauer Familien. Michael Rössler zog 1765 aus Neustift bei Freising zu und betrieb wie seine Nachkommen das Gerberhandwerk. Das heutige Schuhhaus Rössler in der Pfarrstraße steht in dieser Tradition. Die gezeigte Familienkrippe im orientalischen Stil könnte aus der Zeit des 1813 geborenen Jakob oder seines 1851 geborenen Sohnes Franz Xaver Rössler stammen. Die sehr aufwändig gearbeitete Krippe stammt möglicherweise aus Italien. Dafür sprechen stilistische Gründe, wie der anatomische Realismus, die Gestik der Figuren und die Gewandung in leimgetränkte Textilien. Ein Bezug zu Italien ließe sich auch aus der für die damalige Zeit für einen Dachauer Bürger sicher ungewöhnliche Reiseleidenschaft von Franz Xaver Rössler herstellen.

-Guha-Krippe:

Der 2010 verstorbene Fredl Guha, vielen von Ihnen als Mitglied des Dachauer Dreigesangs bekannt, hat seine Familienkrippe dem Museumsverein vermacht. Es handelt sich um eine sogenannte “Heimatkrippe“, das heißt das Krippengeschehen findet im Dachauer Moos statt mit einem Stadtprospekt, der Dachau von der Eisenbahnbrücke über die Amper gesehen wiedergibt. Schenken Sie bitte vor allem dem Torfstich und der Torfhütte, die das heilige Paar beherbergt Ihre Aufmerksamkeit. Das alles ist mit großer Liebe zum Detail gemacht. Ein Modell für den Heimat- und Sachkundeunterricht in der Schule! Eine Besonderheit darf ich Ihnen aber nicht verschweigen: Unter den Tieren der Mooslandschaft befinden sich auch Exoten wie das indische Buckelrind und der Wasserbüffel. Von Bethlehem aus gesehen also ein doppelter Anachronismus. Aber bei der häuslichen Privatinszenierung der heiligen Geschehnisse ist die Sicht des Regisseurs entscheidend.

-Wagner-Wolf-Krippe:

Die vierte Dachauer Krippe ist von dem Dachauer Wagner Josef Wolf geschnitzt. Josef Wolf aus der äußeren Augsburger Straße ist 1947 gestorben. Die Krippe ist in seinen späteren Lebensjahren entstanden. Die Krippenfiguren sind bekleidet und seit 1945 in einem gläsernen Krippenkasten ausgestellt. Die Krippe kann für die vielen alten Dachauer Hauskrippen stehen, für die beim Kripperlschauen in der Weihnachtszeit die Wohnungstüren für schaulustige Kinder und Erwachsene geöffnet wurden.

Die Ausstellung:

Die Dachauer Krippen-Ausstellung ist noch bis zum 5. Januar am Sparkassenplatz 1 während der Öffnungszeiten zu sehen.

(dn)

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