Am Ende ein gebrochener Mann

Sulzemoos - Als einer der größten Politiker der bayerischen Nachkriegsgeschichte ist Professor Dr. Joseph Baumgartner bei einer Gedenkveranstaltung der Bayernpartei in Sulzemoos gewürdigt worden.

Vor genau einem halben Jahrhundert verstarb der frühere Vorsitzende der Bayernpartei.

Baumgartner habe sich zeitlebens für ein freiheitliches, demokratisches und selbstständiges Bayern, das seine christlichen Wurzeln nicht verleugnet, eingesetzt, so Pfarrer Hartwig Obermüller aus Baisweil, der die Messe in der Sulzemooser Pfarrkirche zelebrierte. „Seine christliche Weltanschauung hat ihm Kraft gegeben, um gegen die NS-Diktatur zu kämpfen.“ Im Jahr 1942 war Baumgartner deswegen für acht Wochen in Gestapo-Haft gewesen.

Nach der Bayernhymne, die den Abschluss des Gottesdienstes bildete, folgte die Kranzniederlegung an dem mit weißblauen Fahnen geschmückten Grab von Joseph Baumgartner, der vor 66 Jahren der Bayernpartei beigetreten war. Dabei würdigte Bezirksrat Florian Weber, Landesvorsitzender der Bayernpartei, nochmals die großen Leistungen und Verdienste des Verstorbenen und bezeichnete ihn als bayerischen Patrioten. Baumgartners politisches Ende sei von Infamie und Lüge geprägt gewesen. So etwas habe niemand verdient. „Doch seine Idee von Heimatverbundenheit und Toleranz lebt weiter“, sagte Weber. Im Anschluss zogen alle Teilnehmer gemeinsam mit den Fahnenabordnungen der Bayernpartei und der Sulzemooser Veteranen zum Baumgartner-Denkmal neben der Kirche und widmeten dem einstigen Vorsitzenden eine Gedenkminute. Danach gab es in der Schlossbrauerei Odelzhausen ein gemeinsames Mittagessen mit einer Ansprache von Generalsekretär Hubert Dorn zur aktuellen politischen Lage.

Joseph Baumgartner kam am 16. November 1904 in Sulzemoos zur Welt. Er hätte eigentlich Geistlicher werden sollen, weshalb ihn seine Eltern in die Klosterschule nach Scheyern schickten. Bis 1925 besuchte er das Gymnasium Freising, aber für den Priesterberuf entschied sich der temperamentvolle Bub nicht. Vielmehr studierte Baumgartner Philosophie, Geschichte und Nationalökonomie. Zur NS-Diktatur blieb er auf Distanz und schlug sich als Versicherungsvertreter durch.

Danach ging er in die Politik, gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Begründern des Bayerischen Bauernverbandes und der CSU.

Bald schaffte er den Sprung in den Bayerischen Landtag und wurde zweimal zum Bayerischen Landwirtschaftsminister ernannt. 1948 verließ der Hochschulprofessor die CSU und trat der neu gegründeten Bayernpartei bei. Dort wurde er gleich zum Vorsitzenden gewählt. Bis 1952, dann wieder von 1953 bis 1959 bekleidete er dieses Amt. Von 1954 bis 1957 war er zudem stellvertretender Bayerischer Ministerpräsident unter Wilhelm Hoegner.

Nach einem Meineidverfahren im Zusammenhang mit einer Untersuchung über die Vergabe von Spielbankkonzessionen wurde Dr. Baumgartner vom Landgericht München I wegen Meineids zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Das Urteil wurde nie rechtskräftig, denn Baumgartner war bei der Neuauflage des Prozesses verhandlungsunfähig.

Am 21. Januar starb er nach einem Schlaganfall im Alter von 59 Jahren. Bis zum letzten Tag beteuerte er seine Unschuld. In einem Nachruf schrieb der Münchner Merkur: „Daß man dem ,Bepperl’ Fallen stellte, daß ein Urteil, das man sich bis heute scheute, rechtskräftig zu machen, ihn politisch, gesellschaftlich und letzten Endes auch gesundheitlich vernichtete, daß er ohne den von ihm mitgeschaffenen Verdienstorden sterben musste - das haben andere mit ihrem Gewissen auszumachen.“

Als Baumgartner zu Grabe getragen wurde, geschah es, dass durch die Unvorsichtigkeit eines Totengräbers der Sarg mit dem Kopf voran in die Grube fuhr und fast senkrecht im Grab steckenblieb. Es war eine gespenstische Szene, die jeder ungewollt als ein letztes Zeichen des Toten empfinden mochte, vor allem aber die zahlreich versammelte politische Prominenz, die Baumgartners politischen Sturz gewollt und dadurch seinen frühen Tod mit verursacht hatte. Einer seiner Gegner aus den Reihen der CSU, Landwirtschaftsminister Dr. Alois Hundhammer, hatte den größten Kranz niedergelegt. Als ihn ein Pfarrer fragte: „Is jatz besser, weil er drunt liegt?“, verließ Hundhammer wortlos den Friedhof. (cst/pb)

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