Fahrraddiebstahl oder freundliche Geste?

Dachau - Ein 24-jähriger ist vom Amtsgericht Dachau wegen Unterschlagung zu einer Geldstrafe von 1800 Euro verurteilt worden.

Spätnachts ist ein junger Mann mit einem Freund unterwegs nach Hause, zu Fuß. Er erspäht ein Fahrrad im Gebüsch liegend, und meint, das gestohlene Fahrrad eines Bekannten wiederzuerkennen. Er hebt es aus dem Gebüsch, bringt es nach Hause und stellt es im Garten ab. Am nächsten Tag ist das Fahrrad weg.

So lautet die Geschichte des 24-jährigen Sebastian M., die er vor dem Amtsgericht Dachau vorbrachte. Er musste sich aufgrund des Fahrradfunds wegen Diebstahls in einem besonders schweren Fall verantworten.

Richter Stefan Käsbohrer und die Staatsanwältin schienen der Version des Angeklagten wenig aufgeschlossen gegenüber zu stehen. Denn auf der Anklagebank saß kein unbescholtener Bürger, sondern ein ehemaliger Drogenabhängiger mit neun Vorstrafen im Register – Beschaffungskriminalität und Drogendelikte. Allerdings führt Sebastian M. seit Jahren ein geregeltes Leben, wohnt bei seinem Eltern, ist in Therapie.

Von Beginn an hatten der Richter und die Staatsanwältin für die Ausführungen des mehrfach Vorbestraften kaum mehr als ein müdes Lächeln übrig. „Ich glaub' Ihnen einfach nicht“, sagte Käsbohrer mehrmals während der Verhandlung. „Sie denken doch: Es kann einfach nicht sein, dass jemand, der substituiert ist, etwas in guter Absicht tut“, meinte der ehemalige Drogenabhängige resigniert. „Dabei ist bei mir alles in bester Ordnung.“

Da ein Diebstahl dem Angeklagten in keinster Weise nachzuweisen war, drehte sich der Fall letztendlich nur noch um eine Unterschlagung. Dabei aber konnten Richter und Staatsanwältin die „gute Absicht“ des Angeklagten nicht nachvollziehen. Der Angeklagte jedoch erklärte mehrmals, dass ihm keineswegs bewusst gewesen war, eine Straftat zu begehen, da er das vermeintliche Rad eines Freundes mitnahm.

Sebastian M. erklärte zudem, dass er gerne einen neuen Verhandlungstermin hätte, bei dem alle Beteiligten zu Wort kommen könnten. Auch hatte er einen Freund mitgebracht, der bei dem Fahradfund dabei gewesen war. Seine Aussage hielten aber weder Richter noch Staatsanwältin nötig. „Ein neuer Verhandlungstag könnte darauf hinauslaufen, dass sie wegen Diebstahls verurteilt würden, und dann müssten Sie die Kosten der beiden Verhandlungstage tragen“, wies die Staatsanwältin den Vorschlag ab.

Auf Richter Käsbohrers mehrmaligen Vorschlag hin, „den Vorsatz der Unterschlagung“ einfach einzuräumen, lenkte der Angeklagte schließlich resigniert ein. Im Urteil erklärte der Richter schließlich, er dürfe dem Angeklagten „den Diebstahl gedanklich nicht in die Schuhe schieben“. Zweifel an dieser Aussage des Richters blieben jedoch.

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