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Ein Fest ganz ohne Förmlichkeiten

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Neue Freunde: Ruth und Steve beim Fest. foto: cb
Neue Freunde: Ruth und Steve beim Fest. foto: cb

Indersdorf - Wie heißt man Neuankömmlinge willkommen? Am besten mit einem Fest. Haben sich die Indersdorfer gedacht. Und dabei nicht nur Menschen zusammengebracht - sondern auch glücklich gemacht.

Deborah reißt ein kleines Stückchen weißes Klebeband ab, fragt: „Wie heißt Du?“ - „Susanne“, sagt die Frau mit den grauen Haaren. Deborah schreibt den Namen auf das Band und klebt es auf das Kleid der Dame. Susanne Kersten ist  79 Jahre alt, Deborah Diehl ein zehnjähriges Schulmädchen - aber heute gibt es keine Förmlichkeiten. Denn heute steigt ein Fest, bei dem es darum geht, zusammen zu kommen. Vielleicht auch darum, neue Freunde zu finden.

Deborah steht am Eingang zum Indersdorfer Forche-Saal, drinnen tanzt ihre kleine Schwester Ruth ausgelassen mit Steve, einem der jungen Flüchtlingen, die zur Zeit in und um Indersdorf untergebracht sind.

Für sie steigt das Fest heute - für sie und alle, die sich so für die jungen Männer engagieren. Grund für das Fest war eigentlich ein Schreibtisch. Herbert Forche senior hat ihn nicht mehr gebraucht, wollte ihn den Flüchtlingen in der Tennishalle schenken. Doch die dürfen keine Möbel annehmen. Also überlegte Forche, was er sonst tun könnte - da fiel ihm ein Fest ein. „Wo sich jeder ungezwungen kennenlernen kann, wo endlich Berührungsängste abgebaut werden“, sagt Christoph Stocker, Forches Neffe. Sein Onkel stellte Essen, Getränke und den Saal, ums Rahmenprogramm kümmerten sich vor allem junge Mädels aus Indersdorf.

Sara und Rehana Rana (28) haben die Männer schon oft in der Tennishalle besucht, haben für sie gekocht, waren mit ihnen bowlen. Rehana weiß, wie sensibel sie sind. Wenn Rehana über die Afrikaner spricht, sagt sie immer: die neuen Indersdorfer. Nicht: Asylbewerber. Sie stellt mit ihrem Freund Musik zusammen - Reggae aus sechs verschiedenen Ländern. Mit einer neuen Freundin, Pinar Bayram, malt sie die Heimatflaggen der neuen Indersdorfer, als Dekoration für das Fest. Sie hat Pinar bei der Arbeit im Helferkreis kennengelernt. Das Fest verbindet nicht nur Flüchtlinge mit Indersdorfern, sondern auch Indersdorfer untereinander.

„Anfangs hatten wir ein bisschen Angst, dass sich Grüppchen bilden“, sagt Rehana Rana. Aber von wegen. Grauhaarige Indersdorfer, Kinder, Nigerianer, Senegalesen - über 150 Leute sitzen wild durcheinander an den Tischen und tauschen sich aus. Egal ob in gebrochenem Deutsch, Englisch, Französisch - oder mit Händen, Füßen, und einem Lächeln.

Manuel Duda, ein Jugendlicher, der die Afrikaner schon aus dem Jugendzentrum kennt, tut sich noch hart mit dem Englisch reden - aber er hat einen neuen Freund aus Mali gefunden. Völlig ins Gespräch vertieft, bekommen die beiden gar nicht mit, wie alle um sie herum tanzen. Die Afrikaner haben sich die Trommeln geschnappt, die der Helferkreis besorgt hat.

Seit September wohnt der Nigerianer John (29) in der Indersdorfer Tennishalle. Sein Stockbett und sein Spind stehen zusammen mit denen von 28 anderen Afrikanern in einem kleinen, mit einem Bauzaun abgegrenzten Teil der Halle. Privatsphäre gibt es hier nirgends. Jetzt sitzt John an einem Tisch im Forchesaal, ein kühles Bier vor sich, und beobachtet seine Freunde beim Tanzen. „Ich fühl mich hier zu Hause. So herzlich wie hier ist man mir noch nirgends begegnet.“

Rehana Rana weiß, dass die Männer Schicksale hinter sich haben, die viele ihrer Freunde zu Tränen rühren. Einer der neuen Indersdorfer lief auf seiner Flucht über 2000 Kilometer zu Fuß, ein anderer sprang als Teenager über einen Grenzzaun - Familien haben nur noch wenige unter ihnen.

Mittlerweile ist es kurz vor zwei Uhr morgens, Manuel Duda auf dem Heimweg. Angetrunken, aber glücklich umarmt der große Mann seinen neuen Freund. Er hat Tränen in den Augen. „Weißt Du, dass ich seit zehn Jahren nicht mehr so glücklich war wie heute?“ Englischschwierigkeiten hin oder her, Manuel hat alles verstanden. Nicht nur die Worte, sondern auch, was sie bedeuten. Auch Manuel weint jetzt fast. Aber sowas passiert schon mal unter neuen Freunden.

Christiane Breitenberger

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