Sie sind ein Wunder, die sieben Babys, die im KZ Kaufering zur Welt kamen: Ibolya Kovács mit Agnes, Sara Grün mit Jossi, Eva Fleischmannová mit Marika, Magda Schwartz mit Judit und Elisabeth Legmann mit Georg (von links). Repro: cse

Geboren im Konzentrationslager

Dachau - Die Nazis haben 1,5 Millionen Kinder ermordet. Im Außenlager Kaufering sind sieben Babys zur Welt gekommen. Was wie ein Wunder klingt, war eiskalte Berechnung der SS: Einzelne Täter wollten ihre Haut retten - deshalb durften diese Kinder leben.

Eva Fleischmanová liegt auf der harten Holz-Pritsche. Sie schreit. Die Schmerzen in ihrem Bauch sind unerträglich, wie Messerstiche. Die 20-Jährige kämpft mit ihren Wehen. Neben ihr steht der jüdische Häftlingsarzt Ernö Vadász. Er hat nichts: keine ärztlichen Instrumente, keine Schmerzmittel. In der Ecke der verdreckten Häftlingsbaracke knistert Brennholz. Auf dem kleinen Ofen steht ein Topf. Wasser dampft, doch die faulige Luft im Raum ist eiskalt. Es ist Winter im Außenlager Kaufering I.

Plötzlich weint ein Säugling. Eva vergisst alles um sich: die Leichen im Lager, die SS, die über das Leben ihres Babys entscheidet. Eva hält ihre Tochter Marika im Arm. An einem Ort, wo jeder zweite Mensch stirbt und sich die Toten stapeln, kommt ein Kind zur Welt. Ein neues Leben im KZ-Außenlager Kaufering. Unvorstellbar.

Bis vor kurzem kannte niemand die Geschichte von Eva Fleischmanová. Angefangen hat alles mit einem Bild, aufgenommen von amerikanischen Soldaten am Tag der Befreiung. Es ist eines von hunderten auf den grauen Infotafeln im Museum der Gedenkstätte Dachau: Fünf jüdische Frauen, darunter Eva Fleischmanová, sitzen auf einem Holzbett in einer Häftlingsbaracke. Stolz halten die Mütter ihre Babys in die Kamera. Sie lachen. Die kleine Marika in dem weißen Strampelanzug sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter Eva. Es ist ein Wunder.

Eva Fleischmanová ist 20 Jahre alt, als der NS-Terror ihr kleines Heimatdorf in Ungarn erreicht. Die Juden werden in Ghettos gesperrt oder wie Vieh in Zügen nach Auschwitz deportiert - zur größten Tötungsfabrik der Nazis. Auch Eva sitzt in einem dieser Züge. Sie ist im dritten Monat schwanger. „Ich habe das schon gewusst. Meine Schwägerin hat mir geraten, ich solle mir das Baby wegmachen lassen, doch es war schon zu spät“, erzählt sie heute.

Eva hat Angst. Sie tauscht ihr Kleid gegen ein größeres, versucht immer ihren Bauch zu verstecken. Zwei Mal muss sie beim Appell vor den SS-Arzt Josef Mengele treten. Unzählige Juden sind bei seinen perversen medizinischen Experimenten in Auschwitz krepiert: „Er hat mich in die Brüste gezwickt, ob ich schon Milch habe. Er muss etwas geahnt haben“, erzählt Eva. (...)

Christoph Seidl

In der Mittwochs-Ausgabe der Dachauer Nachrichten finden Sie eine Sonderseite über die im KZ geborenen Babys sowie ein Interview mit Georg Legmann. Er ist eines der sieben Kinder, die im KZ Kaufering zur Welt kamen.

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