Ein Lächeln gegen die größten Katastrophen: Heilwig Weger (rechts) im Gespräch mit Monika Lücking, der zweiten Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Dachauer Zeitgeschichte. foto: kra

Heilwig Weger ist das Lebensbornkind 364

Dachau - Im Rahmen der Wanderausstellung „Der Lebensborn“ berichtete Heilwig Weger, Lebensbornkind 364, aus ihrem Leben. Es wurde ein beeindruckender und bedrückender Abend - ohne Happy End.

Dachau - Wie mag es sich anfühlen, wenn man vor wildfremden Menschen über die Katastrophen des eigenen Lebens und die Verstrickungen der Eltern reden muss? Die 75-jährige Dame, die vorne auf dem Podium der Dachauer Kulturschranne sitzt, begegnet dieser Situation mit Haltung, mit Würde - und mit einem Lächeln.

Selbst wenn Heilwig Weger berichtet, wie sie als Zwölfjährige ihrem Adoptivvater Oswald Pohl, ein SS-General und Himmler-Vertrauter, im Jahr 1951 eine Zyankalikapsel ins Landsberger Gefängnis schmuggelte, lächelt sie. Nicht weil irgendetwas am dem Vorgang amüsant wäre. Im Gegenteil. Mit dem Lächeln wirbt sie wohl um Verständnis für die unfassbaren Ereignisse ihres Lebens, das Lächeln schafft Distanz und bietet Schutz. 1952 wurde der SS-Funktionär als Kriegsverbrecher hingerichtet.

Weger ist von der Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Dachauer Zeitgeschichte als Zeitzeugin eingeladen worden. Denn sie wurde 1938 als Lebensbornkind 364 in Steinhöring (bei Ebersberg) geboren, wo die SS ihr erstes und eines der größten Lebensborn-Internate errichtet hatte. Seit dem 8. Juni ist eine Wanderausstellung zu diesen Einrichtungen im Ludwig-Thoma-Haus zu sehen (wir berichteten).

In den Lebensborn-Häusern - neun in Deutschland, rund 20 in den annektierten Gebieten - wurden „rassisch wertvolle“ Kinder erzogen, die wie Weger unehelich aus SS-nahen Kreisen stammten oder ihren Eltern in den Kriegsgebieten geraubt wurden - sofern sie den NS-Idealen entsprachen: groß, blond und blauäugig. Wegers Mutter Eleonore war eine verwitwete von Brüning, eine Familie, die zu den Besitzen des Chemieunternehmens Höchst (vor dem Krieg Teil der berüchtigten IG Farben, inzwischen im Sanofi-Aventis-Konzern aufgegangen). Ihrem leiblichen Vater, ein verheirateter Wehrmachtsoffizier, trat sie erstmals in den 50er-Jahren gegenüber. SS-Chef Heinrich Himmler lernte Mutter und Kleinkind in Steinhöring kennen und machte sie mit seinem Mitarbeiter Oswald Pohl bekannt. Der KZ-Organisator heiratete Eleonore von Brüning nach wenigen Monaten und adoptierte das kleine Mädchen. „Er war ein sehr liebevoller Vater“, erinnert sich Weger. Wie so jemand für Massenvernichtungen verantwortlich sein konnte, will ihr noch heute nicht in den Kopf.

Die 75-Jährige berichtet von den schwierigen Nachkriegsjahren, die sie und ihre Mutter in Rosenheim verbrachten, stigmatisiert als NS-Verbrecherfamilie; Weger erzählte von ihrer Internatszeit und den vielen Krankheiten, mit denen ihr Körper auf die psychischen Belastungen reagierte: „Ich wurde alleine zehnmal an der Wirbelsäule operiert.“ Sie bleibt sehr gefasst, zurückgenommen, den ganzen Abend.

Wegers Mutter versuchte die Vergangenheit mit Schweigen zu begraben, ihre Tochter wollte es ihr gleichtun. Und doch hatte die mittlerweile glücklich verheiratete Frau und Mutter dreier Kinder immer mit Schuldgefühlen zu kämpfen: „Ich habe mich immer gefragt, wie das Leben meiner Mutter verlaufen wäre, wenn ich nicht geboren worden wäre.“ Eleonore Pohl setzte ihrem Leben Anfang der 60er-Jahre ein Ende.

Erst als Wegers eigene Kinder das Erwachsenen-Alter erreicht hatten, machte sie ihre Geschichte öffentlich.Vor sechs Jahren erschien ein Buch über die Biographie ihrer Familie, verfasst von der Historikerin Dorothee Schmitz-Köster. „Hat Sie die Aufarbeitung ihres Lebens von Ihren Schuldgefühlen befreit?“, fragte sie in der Schranne einer der Zuhörer, ein Psychologe. „Nein“, lautete Wegers kurze Antwort. Nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu: „Ein bisschen vielleicht.“ Sie lächelte dabei. (kra)

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