Die Lösung der Verkehrsprobleme: Helmut Zech, Johannes Kneidl und Ottobahn-Softwareentwickler Niklas Radina (v.l.) in einer der futuristischen Gondeln. Foto: cst
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Die Lösung der Verkehrsprobleme: Helmut Zech, Johannes Kneidl und Ottobahn-Softwareentwickler Niklas Radina (v.l.) in einer der futuristischen Gondeln.

Landkreis-Politiker testen Schienen- und Gondelkonzept eines jungen Unternehmens

In der Ottobahn entlang der A 8 schweben

Die Verkehrsprobleme im Ballungsraum München beschäftigen auch die Politiker des Landkreises. Hier kommt mit der Ottobahn eine Möglichkeit ins Spiel, an der die West-Allianz Interesse zeigt.

Landkreis – Staus, überfüllte Straßen und nervige Parkplatzsuche – geht es nach dem jungen Unternehmen Ottobahn, können Verkehrsteilnehmer dieses Problem bald hinter sich lassen. Oder besser gesagt: unter sich. Denn das Unternehmen hat ein Schienen- und Gondelsystem entwickelt.

Und so funktioniert es: Die von Stützen getragenen Schienen befinden sich fünf bis zehn Meter über dem Boden, vorwiegend über oder parallel zu bereits vorhandenen Straßen. Die Gondeln bieten Platz für bis zu vier Passagiere oder zwei Europaletten. Sie werden von einem Elektromotor angetrieben, der oberhalb der Schiene in einem Antriebsmodul sitzt. Die autonom fahrenden Kabinen steuern nicht Bahnhöfe oder Haltestellen an, sondern können mittels einer App gerufen werden. Die Gondeln werden durch eine Hebevorrichtung auf den Boden abgesenkt, nehmen Passagiere auf und fahren zum ausgewählten Ziel.

Der Energieverbrauch soll trotz Hebemechanismus nur ein Zehntel des Verbrauchs eines Elektroautos betragen. Die Stromversorgung erfolgt vollständig über erneuerbare Energien. Die Dächer des Streckennetzes werden mit Solarzellen ausgestattet. Im urbanen Umfeld werden mit dem System Geschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometer pro Stunde erreicht. Zwischen Städten und Gemeinden könnten die Gondeln auch als Konvoi mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde unterwegs sein.

Dass die Idee im Kleinen funktioniert, davon konnten sich jetzt eine Reihe von Politikern aus dem Landkreis, Verkehrsexperten aus dem Landratsamt und die Geschäftsführer von MVV, MVG und der Münchner S-Bahn bei einer Vorstellung des Prototyps in der Firmenhalle im Münchner Süden selbst überzeugen. Sie durften auf der Teststrecke, einem Oval von rund 36 Metern Länge, mit der Akku-getriebenen Gondel eine Runde drehen. Der Spatenstich für eine Außenteststrecke soll laut dem Unternehmen zeitnah erfolgen. Ab 2023 möchte Ottobahn in den kommerziellen Betrieb gehen.

Landrat Stefan Löwl zeigte sich von der Ottobahn beeindruckt: „Ein interessantes, kostengünstiges und flexibles Konzept, auch insbesondere für die Verbindung entlang der A8 oder auf dem Korridor Dachau-Karlsfeld-München“, findet er. Denn im Rahmen einer Bürgerbefragung, an der sich im vergangenen Jahr 3400 Menschen beteiligt hatten, wurden eine Seilbahntrasse entlang der Autobahn A8 zwischen München-Pasing und Augsburg-Gersthofen sowie ein Anschluss von Dachau über Karlsfeld an das U-Bahnnetz im Münchner Norden nach Feldmoching oder Moosach als sehr attraktiv bewertet.

Bei den Kosten hat Ottobahn die Nase vorn. Das Unternehmen kalkuliert rund 5 Millionen Euro pro Kilometer, da die bestehende Infrastruktur nur noch aufgestockt werden muss und alles kleiner dimensioniert ist. Zum Vergleich: Eine U-Bahn kostet etwa 50 Millionen Euro pro Streckenkilometer und eine Seilbahn zwischen Dachau und Moosach laut einem Gutachten zwischen 325 und 390 Millionen Euro, das entspricht etwa 25 bis 30 Millionen Euro pro Kilometer.

Auch der stellvertretende Landrat Helmut Zech ist dem neuen Transportsystem gegenüber sehr aufgeschlossen. Für ihn muss jedoch eine Voraussetzung gegeben sein: „Entscheidend ist bei aller Begeisterung, dass die Firma das System zur Marktreife bringt“, betont Zech. Der Sulzemooser Bürgermeister Johannes Kneidl hält das Konzept „eine geniale Idee“. Kneidl ist auch Vorsitzender der West-Allianz München, ein Zusammenschluss der Gemeinden Bergkirchen, Gröbenzell, Karlsfeld, Maisach, Odelzhausen, Pfaffenhofen an der Glonn und Sulzemoos mit insgesamt 70 000 Einwohnern. Für Kneidl wäre vorstellbar, dass die erste Ottobahn entlang der A8 verläuft. „Von Pasing über Bergkirchen nach Sulzemoos, über Odelzhausen und mit einer in diesem System unkomplizierten möglichen Anbindung von Pfaffenhofen an der Glonn bis nach Dasing oder Gersthofen.“ Die West-Allianz sei mit dem Vorhaben einverstanden und werde das Thema unter Einbindung politischer Mandatsträger weiterverfolgen.

CHRISTIAN STANGL

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