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Blasius Thätter hat  über Jahrzehnte als CSU-Politiker die Entwicklung der Gemeinde Erdweg und des Landkreises Dachau

Zum 80. Geburtstag

Interview Blasius Thätter: Ein Tausendsassa, ein Multitalent

Großberghofen - Er hat über Jahrzehnte als CSU-Politiker die Entwicklung der Gemeinde Erdweg und des Landkreises Dachau mitgestaltet. Heute wird Blasius Thätter 80. Das Interview:

-Herr Thätter, Sie sind umgangssprachlich gesagt, ein Tausendsassa, ein Multitalent: Altphilologe, Lehrer, Zimmerermeister, Betonbaumeister, Politiker, Geschichtenschreiber. Welche dieser Tätigkeiten ist und war Ihnen die Liebste?

Das kann man so gar nicht sagen. Eigentlich hätte ich ja Bauingenieur werden sollen. Aber da war mein Vater zu gutmütig und hat dem Ortspfarrer nachgegeben, der mich mit 11 Jahren auf ein Internat in Schäftlarn geschickt hat. Damit war ich auf einem humanistischen Gymnasium. Über eine Bekannte bin ich zum Altphilologiestudium gekommen. Aber Altphilologie und Germanistik, das ist halt ein langes Studium. 1961 hab ich dann heiraten wollen, hab schnell meine Prüfungen gemacht und bin ganz normaler Volksschullehrer geworden anstatt Gymnasiallehrer. Wir sind sofort alle aus dem Jahrgang außerplanmäßige Lehrer geworden 1964, weil es damals keine gab, haben aber schlecht verdient. Weihnachten 1966 ist mein Vater gestorben. Ich musste aber noch die zweite Lehramtsprüfung machen. 1968 hab ich aufgehört und den Witwenbetrieb weitergeführt. Aber nach einiger Zeit sind Anzeigen gekommen, dass einer ohne Ausbildung ein Geschäft führt - wir hatten ja über 30 Leute. Da konnte ich nicht mehr aus und hab 1976 und 77 die beiden Meister gemacht. 1970 wurde unter meiner Beteiligung der Bahnverband gegründet, weil damals die Stilllegung der Linie ziemlich massiv betrieben wurde. Wir alle haben ziemlich gekämpft und dadurch war ich fast ein bisschen prädestiniert, mich für den Gemeinderat 1972 aufstellen zu lassen. Aber auch die Arbeit im Betrieb hat mir sehr viel Freude gemacht, obwohl ich dem zuerst aus dem Weg gegangen bin. Aber ich bin ganz ungern weggegangen von der Sonderschule, als ich 1994 in den Landtag gewählt wurde.

-Wie haben Sie das alles überhaupt hingekriegt? Sie hatten ja auch schon Familie.

Man war schon eingespannt. Als ich noch Lehrer war, bin ich einmal pro Woche zum Schafkopfen gegangen. Wie ich dann noch den Betrieb hatte, bin ich ein paarmal unterm Karten spielen eingeschlafen - mit den Karten in der Hand. Aber ich hatte Glück mit der Firma. Ich hatte zwei Brüder meines Vaters, der Georg und der Karl. Beide waren Vorarbeiter. Und auch meine Frau hat sich wahnsinnig reingehängt. Aber zum Glück hat meine Mutter in der Früh oft auf die Kinder aufgepasst, wenn wir alle weg mussten.

-In welchen Aufgabengebiet konnten Sie sich am meisten entfalten: im Gemeinderat, im CSU-Ortsverband, im Kreistag oder als Landtagsabgeordneter?

Ganz verschieden. 1984 bin ich noch relativ jung in den Kreistag gekommen. Damals hatte die CSU noch eine satte Mehrheit. Die haben so viele Leute gehabt, dass wir Jungen einfach mal nur da waren und abgestimmt haben. Das war wichtig. Ab 1990 ist dann alles anders geworden. Da war ich Fraktionsvorsitzender, und wir hatten nie mehr eine Mehrheit. Damals hat Alfred Deger die Wahl brutal verloren. Jeder hat gesagt, der ist schuld, obwohl der allein bestimmt nicht schuld war. Daran war sicherlich auch unsere Arroganz schuld, die wir in der Mehrheit als CSU manchmal gezeigt haben, die mich manchmal auf die Palme gebracht hat. Ich war 18 Jahre lang Fraktionsvorsitzender und hab immer eng mit Landrat Christmann zusammengearbeitet. Wir haben gute Erfolge erzielt, aber am meisten entfalten konnte ich mich im Landtag, weil ich der Einzige aus dem Bereich Förderschule/Sozialarbeit/Kindergärten war. Ich war da an sich auch sehr gefragt. Im Bildungsausschuss war ich 14 Jahre recht erfolgreich tätig.

-Warum sind Sie überhaupt Politiker geworden?

Was ist ein Politiker? Polis kommt ja vom Griechischen: die Stadt. Und ein Politiker ist jemand, der sich um die Stadt und sein Umfeld kümmert. Und als wir mit dem Bahnverband tätig waren und der Bürgermeister Ostermair gemerkt hat, mit dem Thätter kannt ma eigentlich ganz gut zamarbeiten, hat er mich halt gefragt, ob ich für den Gemeinderat kandidiere. Und es kommt ja noch dazu, dass wir damals in den Ortsteilen noch keine Kanalisation hatten. Also war Bausperre, und die Leute haben gejammert und geschimpft, weil keiner bauen konnte, obwohl Bauplätze da waren, und so hab ich gesehen: Da muss man was tun. Und so bin ich dazugegangen. Es war anfangs reine Sachpolitik.

-1980 kam es nach dem gesundheitlichen Rücktritt von Ludwig Ostermair zu einer außerordentlichen Bürgermeisterwahl. Zur Wahl am 2. März stellten sich Michael Reindl, Hans Wölfl und Sie. Auf Anhieb holte Michael Reindl im ersten Wahlgang sensationelle 65 Prozent. Wenn Sie damals gewonnen hätten, was hätten Sie als Erstes angepackt?

(lacht) Alles das, was Ludwig Ostermair angefangen hat. Wir hatten ja zwar schon 1977 eine vollbiologische Anlage in Erdweg, aber die Anschlüsse in Kleinberghofen, Unterweikertshofen und Welshofen waren nicht gemacht. Und halt eben um Gewerbe hätte man sich früh kümmern müssen. Aber die Wahl war eine total verfahrene Situation. Ich war bis 77 eben Bauunternehmer. Aber allmählich sind die älteren Mitarbeiter in der Firma in Rente gegangen. Und irgendwann ist mir die Luft ausgegangen. Dann habe ich mich gemeldet bei der Regierung, dass ich wieder zurück will in meinen Lehrerberuf. Dann haben die gesagt, auf eine Warteliste können Sie kommen. Wir haben momentan Lehrerschwemme. Da ruft mich plötzlich der Schulrat von Dachau, Greska, an und bietet mir eine Stelle in der Sonderschule in Niederroth an, nachdem dort ein Lehrer krank geworden ist. Ich habe das zugesagt und von 77 bis 79 Sonderschulpädagogik studiert, mit voller Bezahlung des Gehalts. In dieser Zeit hab ich mich nicht getraut mit der Firma aufzuhören. Ich wusste ja nicht, ob ich die Prüfungen schaffe. Ich war ja schon 40. Und dann war ich im Vorbereitungsdienst zur Verbeamtung aus Lebenszeit und war wieder in Niederroth. Und dann hört plötzlich der Bürgermeister Ostermair krankheitsbedingt auf. Er ist sechs Jahre älter als ich. Ich wollte zusammen mit ihm in der Gemeinde alt werden. Da haben mich alle bearbeitet, ich soll kandidieren. Ich bin also in die Regierung gefahren und habe mich beraten lassen. Da hat man mir gesagt: „Herr Thätter, wenn Sie das machen, kann ich Ihnen nur sagen, dass Sie der Dümmste auf der Welt sind. Wenn Sie nämlich nach sechs Jahren nicht mehr gewählt werden, können Sie auch nicht mehr verbeamtet werden. Dann sind Sie zu alt.“ Dann habe ich zu Hause gesagt: Ich kandidiere nicht. Am selben Abend hat der Ortsverband eine Hauptversammlung einberufen und mich bearbeitet. Alle haben gesagt, dann machst Du es halt sechs Jahre ehrenamtlich, bist dann derweil verbeamtet und es kann nichts passieren. Da hab ich mich nicht nein sagen trauen. Aber das war ein Riesenfehler. Aber der Gemeinderat musste ja erst beschließen, statt eines hauptamtlichen einen ehrenamtlichen Bürgermeister einzusetzen. Das war ein mühsamer Kampf. Die meisten Gemeinderäte waren dagegen. Trotzdem haben wir 9:7 gewonnen. So viele Leute waren noch nie bei einer Abstimmung. Und wie wir abgestimmt hatten, haben die Leute gepfiffen. Ich hab an dem Abend schon gewusst, dass ich das nie gewinnen kann. Es war eine Dummheit. Wir haben wohl alle zusammen einen Fehler gemacht.

-Ihr Verhältnis zu Bürgermeister Michael Reindl war ja oft recht angespannt. Sie haben mal gesagt: „Große Anfangsziele für die Gemeinde Erdweg wurden nicht weiterverfolgt.“ Was waren das für Ziele?

Ein paar habe ich schon genannt. Ab 1990 hab ich dann ja beschlossen, ein „braver Bub“ zu werden. Es hat ja bereits geheißen, ich sei ein Streithansl. Ich hatte damals aber schon viele Gegner. Ich war wohl oft zu direkt. Das war nicht der Reindl allein. Das waren auch die Orte, die er gefördert hat, zum Beispiel Welshofen und Unterweikertshofen, die ihn zu 90 oder 95 Prozent gewählt haben. Es war schon nicht immer einfach mit ihm. Um 1990 haben wir aber ganz gut zusammengearbeitet und sogar ausgemacht, dass die CSU keinen Bürgermeisterkandidat aufstellt, wenn er sich jetzt turnusmäßig wählen lässt. 1980 und 1986 war er ja außerturnusmäßig zur Wahl gestanden.

-Sie waren und sind es wahrscheinlich immer noch: kein Freund der kleinteiligen Politik, der Politik der Ortsteile, die Michael Reindl betrieben hat. Sie wollten dem Hauptort mehr Gewicht und mehr Struktur geben. Glauben Sie, dass das mit dem neuen Bürgermeister besser wird?

Die Ortsteilpolitik war nicht das Richtige. Natürlich hat der Michi recht gehabt von seiner Person her, wenn er gesagt hat: „Ich stütze die einzelnen Ortsteile.“ Aber 30 Jahre lang ist in Erdweg nichts passiert. Schauen Sie sich doch das Erscheinungsbild an der Hauptstraße an. Hier an diesem Tisch haben wir vor zehn Jahren das Wirtshaus gekauft. Gott sei Dank. Auch wenn es viel Geld gekostet hat.

-Was hat Sie an Ihrer Arbeit als Politiker am meisten belastet?

Belastet hat mich vor allem, dass in Erdweg eben teilweise nichts vorangegangen ist.

-Was war in Ihrer politischen Arbeit das Wichtigste, das Sie erreicht haben?

Es waren völlig verschiedene Mandate. Aber die Geschichte mit den Förderschulen war mir schon sehr wichtig und, was den Landkreis angeht, die Bahn- und Schulgeschichte und die Krankenhauspolitik. Das Krankenhaus steht ja super da.

-Was stört Sie an der eigenen Partei zur Zeit am meisten?

Es ist immer gefährlich, wenn Leute glauben, Sie hätten allein als Einzige Recht. Das war schon beim Stoiber so, der 14 Jahre mein Ministerpräsident war. Die ersten 10 Jahre sind wir glänzend miteinander ausgekommen, auch die Fraktion. Dann hat er sich stark verändert. Diese Art, man sei viel gescheiter als andere, und alle müssen tapfer mitbellen, das macht der Seehofer ja auch. Aber so kann man nicht agieren.

-Sie haben die Flüchtlingspolitik in Ihrem Heimatort schon mal hautnah miterlebt. Wie beurteilen Sie die heutige Flüchtlingspolitik? Gehen Sie mit Ministerpräsident Seehofer und den Obergrenzen konform oder mit der Haltung der Kanzlerin?

Damals war es ein bisschen anders, aber die Leute hier haben die Flüchtlinge anfangs nicht gern gesehen. Wollen hat sie keiner. Und die armen Bürgermeister, die Wohnraum beschlagnahmen mussten, wurden beschimpft. Was das Heute betrifft: Ich halte überhaupt nichts von Obergrenzen. Ich drücke es ganz drastisch aus: Wenn jetzt 20 in einem Boot sind und hol bloß 10 raus, das geht doch nicht. Aber natürlich hat die Merkel Fehler gemacht. Aber sie hatte auch die letzten drei Jahre genug Mühe gehabt, den europäischen Laden zusammenzuhalten. Da wurde die Problematik, die sich anbahnte, vielleicht nicht so beachtet, obwohl jeder ahnen konnte, was auf uns zukommt. Aber so droht Europa auseinanderzubrechen, wenn jede Regierung tut, was sie mag. Die Regierungen haben auch viel zu lang zugewartet.

-Glauben Sie denn, dass wir es schaffen, dass die Helferkreise bei der Stange bleiben?

So schaffen wir es nicht. Es wird richtig schwierig, wenn Du als Helfer mit viel Engagement und Selbstlosigkeit belächelt oder beschimpft wirst.

-Da sind wir schon beim Ehrenamt. Wird das von Staat und Gesellschaft Ihrer Meinung nach genug gewürdigt?

Auf der einen Seite hat der Staat erkannt, dass man zu Beispiel Abteilungsleitern in Sportvereinen etwas geben sollte, wenn sie entsprechend Jugendarbeit machen. Diese Arbeit ist enorm wichtig. Feuerwehrwesen und solche Dinge sind schon gut unterstützt, aber sonst könnte man durchaus mehr tun. Aber die Gesellschaft ist gespalten. Es gibt durchaus viele Leute, die nur für sich agieren. Nur noch wenige finden sich bei Neuwahlen in Vereinen bereit, zu kandidieren.

-Was halten Sie von Demokratie in der eigenen Familie? Wie haben Sie das gehalten?

Zunächst einmal sind meine Frau und ich sehr großzügig miteinander. Wir achten die Meinung des anderen. Unsere Kinder haben eigentlich immer genau das gemacht, was sie wollten. Ziemlich gezielt. Da haben wir nie viel eingreifen müssen.

-Ihre Kinder sind keinen politischen Weg gegangen. Tut Ihnen das leid?

Sich vom Vater oder der Mutter irgendwo hineinschieben zu lassen, finde ich nicht gut. Jeder muss doch selber seinen Weg finden. Ich war ja selber weit über 30 Jahre alt, bis ich gedacht habe, Politik ist mir wichtig.

-Wenn Sie sich noch einmal entscheiden könnten, sich politisch zu engagieren, würden Sie es wieder tun?

Wenn diese Dinge sich so anbieten würden wie damals, auf jeden Fall. Ich sehe keine Problematik in den Dingen, die ich jahrzehntelang gemacht habe.

-Welchen Rat würden Sie Neulingen in der Politik geben?

Es ist ein Problem, wenn man gleich in eine verantwortliche Stellung kommt, weil man eigentlich schon gewisse Lernjahre bräuchte. Ich bin sechs Jahre im Gemeinderat gesessen unter Bürgermeister Ostermair und habe wahnsinnig viel gelernt. Und dann bin ich sechs Jahre im Kreistag gesessen, wo mich auch keiner an vorderster Front gebraucht hat. Man muss sich einleben können.

-Was genießen Sie in Ihrem Ruhestand am meisten?

Dass ich tun und lassen kann, was ich mag. Zeitlich unabhängig bin. Ich schreibe ja viel.

-Zwei Bücher haben Sie geschrieben. Wird es noch ein drittes geben?

Da muss der liebe Gott schon mitspielen. Eines hab ich wieder in Angriff. Große Geschichten aus Großberghofen. Zur Zeit bin ich dran, über die Gebietsreform und die Folgen zu schreiben. Ich hab fast alles aufgehoben, hab schon 240 Seiten geschrieben und bin erst beim Jahr 1990. Aber beim geplanten Heimatbuch mache ich nicht mehr mit. Ich bin ja schon 80. Das tue ich mir nicht mehr an.

-Was wünschen Sie sich zu Ihrem 80. Geburtstag?

Dass ich vielleicht noch ein bisschen Zeit hab, um manches, was ich vor mir herschieb, noch bewältigen zu können.

Interview: Sabine Schäfer

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