Fragen nach Verantwortung, auf der Suche nach einem Schuldigen: Verteidiger (l.) und Ankläger versuchen, das Gericht – dargestellt vom Publikum – zu überzeugen.

Kein Raum für Applaus

Dachau - Als das Theaterstück über den Kriegsverbrecherprozess vor dem amerikanischen Militärgericht vorbei ist, gibt es keinen Applaus. Dafür kommen die Fragen.

Wie konnten SS-Kommandanten Zaun an Zaun mit Tod und Vernichtung ein heiteres, glückliches, erfülltes Familienleben führen? Wie groß ist ihre individuelle Schuld und ihre Verantwortung für die NS-Verbrechen? Karen Breece bringt mit ihrem Projekt „Dachau // Prozesse“ die Besucher zum Nachdenken - diesmal sind sie das Gericht.

Es herrscht betretene Stille, als die Zuschauer die wenigen Meter zurück zu den Bussen gehen. Kaum jemand spricht. Es wirkt, als wären alle ein wenig erschlagen von dem mächtigen Stoff, der ihnen in den fast drei Stunden zuvor in außergewöhnlicher Form präsentiert wurde. „Hätten wir klatschen sollen am Schluss?“, fragt eine Besucherin, nachdem sie im Bus Platz genommen hat. Doch Schluss ist erst, als die hundert Premierengäste an der Eingangspforte der Bereitschaftspolizei wieder aus den Bussen steigen. Kein Raum für Applaus. Dafür eine ganze Menge offener Fragen. Und keine einzige Antwort. So hat sich Karen Breece das vorgestellt.

Das neueste Theaterprojekt der Dachauer Regisseurin bildet den Kontrast zum Vorgängerstück, der auf dem MD-Gelände aufgeführten „Blutnacht auf dem Schreckenstein“. Vom verzweifelten Humor und der Emotionalität der von KZ-Häftlingen geschrieben Hitler-Persiflage ist bei „Dachau // Prozesse“ nichts mehr zu finden. Auf nüchterne und bedrückende Art und Weise werden die Zuschauer hier Teilnehmer eines aufreibenden Gerichtsprozesses und bekommen die Perspektive der Täter aufgezeigt.

Den roten Faden des Abends bildet ein Widerspruch: der Kontrast vom heiteren Leben in der SS-Garnison auf der einen und dem grenzenlosen Leid im nur wenige Meter entfernten Lager auf der anderen Seite. Schon während der Busfahrt zum Spielort werden die Zuschauer mit diesem zentralen Thema konfrontiert. Per Audioguide hören die Gäste abwechselnd den amerikanischen Soldaten Walter J. Fellenz, der seine Eindrücke von der Befreiung des Konzentrationslagers schildert, sowie die Erinnerungen von Lisa Weiß, Ehefrau des Dachauer Lagerkommandanten Martin Gottfried Weiß. Während Fellenz von „Tod und Vernichtung von unvorstellbarem Ausmaß“ spricht, ist Dachau in Weiß’ Erinnerung ein „wunderschöner Ort“, an dem sie die schönste Zeit ihres Lebens verbrachte. Im Schritttempo passieren die Busse derweil die alten SS-Villen, in denen heute die Bereitschaftspolizei Einzug gefunden hat. Gedankenversunken blicken die Businsassen aus den Fenstern.

Dann die Ankunft am Spielort, dem Gebäude der ehemaligen SS-Schneiderei, in dem die Amerikaner nach der Befreiung die Dachauer Prozesse abhielten. Der Bau dient der Bereitschaftspolizei heute als Lagerraum. Als erstes sticht das markante Bühnenbild ins Auge. Das Zentrum des Raumes ist von einem Gebilde aus 41 500 metallenen, ineinander verhakten Kleiderbügeln ausgefüllt. Der Blick fällt auf die großen Glasfenster auf drei Seiten des Raumes. Beziehungsweise auf die Schauspieler, die regungslos hinter den Glasscheiben stehen und durch die Fenster ins Innere starren.

Die Theatergäste hören durch Lautsprecher einen fiktiven Dialog von der Hochzeitsfeier des Lagerkommandanten. Die SS-Größen Heinrich Himmler, Oswald Pohl und Rudolf Höß schwadronieren mit Weiß und untereinander über Rassenhygiene, den belastenden Alltag der SS und den Endsieg. Auch die berüchtigte Schwester Pia steuert einige fanatische Kommentare bei, während die Bedenken der Lisa Weiß nahezu ignoriert werden. Sie solle sich nicht „so schwere Gedanken machen“.

Gleichzeitig schlüpfen die Schauspieler vor den Fenstern in ihre Rollen. Sie legen ihre Alltagskleidung ab, ziehen sich langsam bis auf die Unterwäsche aus und legen die Kostüme an: die SS-Uniform, die Krankenschwester-Montur, das Brautkleid der Lisa Weiß. Doch als sie wenig später den Raum betreten, tragen sie nüchterne Anzüge.

Der Prozess beginnt. Von da an sind es Fragen über Fragen. Immer die gleichen Fragen. Zuerst von Verteidiger Douglas T. Bates (gespielt von Sebastian Mirow) an den Angeklagten Weiß (René Rastelli), dann vom Ankläger William Denson (Patric Schott). Fragen nach der Verantwortung. Fragen auf der Suche nach einem Schuldigen. Die Antworten ändern sich nicht. Nein, ich habe auf Anweisung aus Berlin gehandelt. Nein, ich habe selbst nichts angeordnet. Nein, ich habe nur Befehle ausgeführt. Nach wenigen Minuten stehen den Verteidigern die Schweißperlen auf der Stirn. Und trotzdem, sie fragen weiter und weiter. Es ist eine lange Prozedur. Der Richter muss überzeugt werden.Der Richter - das ist das Publikum.

Im Disput der beiden Anwälte wird deutlich, mit welchen Problemen sich die Amerikaner im Umgang mit den Lager-Offiziellen konfrontiert sahen. Ankläger Denson spricht von einem „Common Design“, einem gemeinschaftlichen, mörderischen Plan, dem sich jedes Glied in der KZ-Kette angeschlossen habe. Bates nennt dies ein willkürliches Über-einen-Kamm-scheren. Ein Urteil wird nicht gefällt. Das bleibt dem Publikum selbst überlassen. Die Frage nach dem richtigen Strafmaß ist nur eine von vielen offenen Fragen. Wie konnten die SS-Schergen Zaun an Zaun mit dem größtmöglichen Leid ein glückliches, erfülltes Leben führen? Wofür stehen die verkanteten 41 500 Kleiderbügel? Für die 41 500 Menschen, die im KZ Dachau und seinen Außenlagern ermordet wurden? Ein Symbol für das Common Design, den gemeinschaftlichen Plan, an dem alle Glieder ihren Teil zum Zusammenhalt beitrugen? Und vor allem: Wie hätte ich geurteilt?

Die Suche nach Antworten war vielen Besuchern bei der Rückfahrt im Bus ins Gesicht geschrieben, während sie Zeilen aus dem Abschiedsbrief von Martin Weiß an seine Frau Lisa hörten. Zeilen von einem bis zum Schluss überzeugten Nationalsozialisten, der noch einmal betonte, in der Dachauer SS-Garnison seine schönste Zeit verbracht zu haben. Weiß verfasste den Brief einen Tag vor Vollstreckung seines Todesurteils in Landsberg.

Dominik Göttler

Weitere Aufführungen

finden am 30./31. Mai (ausverkauft) und am 9., 10., 11., 12., 13. und 14. Juni statt. Karten gibt es zum Preis von 15 Euro zuzüglich VVK-Gebühr bei allen Vorverkaufsstellen von München Ticket.

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