Kunst am Bahn-Bau

Dachau - Betongrau, trostlos, mit Sprüchen hastig beschmiert - so sehen derzeit viele Bahnabschnitte in Dachau aus. Doch der Graffiti-Künstler Johannes Wirthmüller will das ändern. Er hat eine erste Dachauer Bahnunterführung besprüht. Und das auch noch legal - mit Unterstützung von Bahn und Stadt. Und er hat noch größere Pläne.

Hellgrün leuchtende Buchstaben in 3-D-Optik, exakt gezeichnete Konturen in grau-schwarz und in sich verwobene Wirbel, die wiederum ein neues Bild ergeben: Am Amperweg in der Nähe des Feuerwehrhauses haben Johannes Wirthmüller aus Dachau und seine Freunde Adrian Till, Moritz Bothe und Maximilian Schünemann ein Graffiti-Kunstwerk geschaffen.

Es war sozusagen ein erster Versuch für die vier Sprayer. Denn es stand die Frage im Raum, wie die Dachauer Bürger die legale Bemalung der Bahnunterführung wohl finden würden. „Sehr, sehr schön“, ruft ein grinsender Fahrradfahrer Johannes Wirthmüller zu, als er die Bahnunterführung passiert.

„Die Resonanz ist wirklich sehr positiv“, berichtet der 24-jährige hauptberufliche Graffiti-Künstler. „Während wir gezeichnet haben, lobten uns zwischen 300 bis 400 Leute für unsere Arbeit, nur etwa zwei fanden es nicht so toll.“

Bereits im Jahr 2012 diskutierte der Stadtrat darüber, Freiflächen für Graffitis an Bahnunterführungen zu schaffen. Damals scheiterte der Antrag. Jetzt war Johannes Wirthmüller die treibende Kraft und setzte sich sowohl mit dem Dachauer Kulturamt als auch mit der Bahn an einen Tisch. Nach etwa drei Monaten Vorplanung und Entwurf des Graffitis konnten die jungen Männer schließlich ihr Projekt starten.

Rund eineinhalb Wochen haben die vier Künstler direkt an der Bahnunterführung gesprayt, um „dem grauen Block in der Stadt entgegen zu wirken“, wie Wirthmüller betont. Doch ganz grau war die ausgewählte Brücke zuvor nicht, sondern wilde und hastig gezeichnete Kritzeleien prägten das Erscheinungsbild. Deswegen grundierten die leidenschaftlichen Sprayer zunächst die Freifläche, entfernten damit auch die Schmierereien und schufen das hellgrün erstrahlende Kunstwerk: „Wir wollten bei unserem Graffiti auch ganz gezielt die Umgebung einbeziehen. Das lebendige Grün und die hellen Farben passen auch zum Ort, zur Amper. Aber die Schrift wirkt in dezenten Farben einfach besser.“

Außerdem fügt sich das Schriftbild aus den vier unterschiedlichen Stilen der Künstler zusammen. Jeder von ihnen wandte seine eigene Technik an, und durch Über- und Ineinanderlagerungen entstand wiederum ein neues Bild. Dass das Graffiti-Kunstwerk für die Ewigkeit bleibt und nicht verschandelt oder übermalt wird, da ist sich Johannes Wirthmüller sicher. Denn die jungen Sprayer haben Respekt vor den Älteren.

Gemeinsam mit Adrian Till gibt der 24-jährige Künstler auch Graffiti-Workshops für die Jüngeren im Jugendzentrum Dachau-Ost. „Wir haben das Graffiti auch mit einem ganz anderem Anspruch gesprayt - und nicht schnell, schnell wie illegale Sprayer unter Druck. Es ist eigentlich nichts anderes wie Kunst am Bau“, erklärt Johannes Wirthmüller. Er setzt sich schon seit Jahren dafür ein, dass Flächen legal besprayt werden können, beispielsweise an der ehemaligen Papierfabrik.

Außerdem möchte er dazu beitragen, dass Graffitis nicht als unüberlegte Kritzeleien, sondern allgemein als durchdachte Kunst wahrgenommen werden, und ein positives Bewusstsein dafür schaffen. Doch was das betrifft, haben die Stadt Dachau und die Deutsche Bahn sowieso schon eine gute Entwicklung hinter sich gebracht, meint Wirthmüller: „Besonders die Annäherung mit der Bahn finde ich sehr positiv“, freut er sich.

Auch das Dachauer Kulturamt unter der Leitung von Tobias Schneider unterstützt die Graffiti-Künstler sehr und führt die Verhandlungen mit der Bahn.

In Zukunft wollen Johannes Wirthmüller und seine Freunde weitere Bahnunterführungen im Stadtgebiet verschönern. Und noch mehr: In den nächsten Jahren möchten die Künstler auch die tristen Schallschutzflächen und weitere Bahnabschnitte verschönern. „Das Schöne ist, dass wir dadurch den öffentlichen Raum, also unseren Lebensraum, positiver gestalten können. Außerdem sind wir nah an den Bürgern, sie können sich im Vorbeigehen umsonst an unserer Kunst erfreuen.“

Jedoch muss für die Besprayung der nächsten Bahunterführungen zunächst die Finanzierung geklärt werden. Dafür suchen die kreativen, jungen Männer Förderer unter anderem für neues Material, denn als freischaffende Künstler leben sie auch von ihren Graffiti-Kunstwerken.

(Anna Schwarz)

Förderer gesucht:

Wer die jungen Künstler unterstützen möchte, soll sich per E-Mail melden unter johannes. wirthmueller@gmx.de

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