Die Bücher: Gerettet (rechts): Ehepaar Gailer/Niederroth mit den Töchtern und (vorne in der Mitte) Hannelore Bach, links neben ihr Rosi Gailer (undatiert, ca. 1942/43); und Flucht und Versteck (links): Bernhard K. mit Kathi S., seiner Nachbarin und Helferin, in München (undatiert, ca. 1940/41). kn

Die Lachners und die Gailers: Engel im Dachauer Land

Dachau - In der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau beginn am Heiligen Abend um 23 Uhr der Christnachtgottesdienst mit Pfarrer Björn Mensing. Er ist den Themen Verfolgung, Untertauchen und Flucht gewidmet - und stellt zwei Geschichten aus dem Dachauer Land vor, in denen Verfolgte gerettet werden.

Vor 75 Jahren, kurz vor dem Weihnachtsfest 1940, ist Lotte Bach aus München krank vor Sorge um ihre Tochter Hannelore. Gerüchte gehen um, dass den Eltern, die nach Nazi-Terminologie in „Mischehe“ leben, ihre Kinder weggenommen werden. Lotte Bach ist evangelisch und „arisch“, ihr Mann Fritz jüdisch. Die Nazis hatten ihn für einige Wochen ins KZ Dachau verschleppt, 1939 war er in die USA geflohen. Durch den Kriegsausbruch können Frau und Kind nicht mehr nachkommen. Die 1931 geborene Tochter Hannelore, die evangelisch getauft wurde, wird als „Mischling 1. Grades“ eingestuft und muss die Volksschule verlassen.

Als Lotte sich für das Christfest bei Familie Gailer in Niederroth, die Kunden ihres Mannes gewesen waren, eine Gans abholen darf, spricht sie über ihre Angst um Hannelore. Leonhard und Maria Gailer bieten Lotte an, bei Gefahr Hannelore zu ihnen zu bringen: „Auf unserem Hof sind so viele Kinder, da fällt eins mehr überhaupt nicht auf.“

Und so geschieht es: Als Anfang 1941 die Aufforderung kommt, Hannelore ins jüdische Kinderheim zu bringen, aus dem die meisten Kinder später ermordet werden, bringt Lotte ihre Tochter nach Niederroth. Hannelore lebt sich gut in ihrer „Adoptivfamilie“ ein, ihre Mutter kommt regelmäßig zu Besuch. Die damals neunjährige Rosi, die als einzige von den Gailer-Kindern noch lebt, ist heute 83 Jahre alt und erinnert sich noch an ihre enge Freundschaft mit Hannelore.

Tatsächlich gelingt es Leonhard Gailer, wohl auch durch seine Position als NSDAP-Mitglied und hochgeachteter Bürgermeister, die Dorfgemeinschaft von einer Denunziation abzuhalten. Als die Gestapo dann doch Gerüchten nachgeht und auf dem Hof auftaucht, und die Polizisten sagen: „Dieses Kind sieht doch ganz anders aus als die anderen!“, schreit Leonhard mit gespielter Empörung: „Schaun’s, dass ’nauskommen - ich lass doch meine Frau net beleidigen, sie hätt’ ein Judenkind!“ Verdattert verlassen die Beamten den Hof.

Von nun an geht Hannelore zur Sicherheit nicht mehr mit Rosi zur Schule, der Dorflehrer und NSDAP-Ortsgruppenleiter unterrichtet sie nachmittags zu Hause. Im Winter 1944/45 nimmt die Familie Gailer auch noch Hannelores Mutter illegal auf. Am 28. April 1945 ziehen kampflos US-amerikanische Truppen in Niederroth ein. Mutter und Tochter sind in Sicherheit und ziehen 1947 zum Vater in die USA. Doch die Verbindung zur Familie Gailer pflegt Hannelore bis zu ihrem Tod 1999.

Während Eleonore Philipp aus Niederroth diese Geschichte in ihrer Schrift „Gerettet“ schon 1998 gründlich dokumentiert hat, ist ein anderer Fall von Rettungswiderstand im Dachauer Hinterland erst jetzt durch die neue Studie „Flucht und Versteck“ von Susanna Schrafstetter bekannt geworden.

Bernhard K., der die vollen Namen der Beteiligten nicht veröffentlichen möchte, hat auch eine christliche Mutter und einen jüdischen Vater. 1936 wird er in München geboren und katholisch getauft. Sein Vater Gustav K. wird im November 1938 ins KZ Dachau verschleppt. Allerdings gelingt ihm nach der Entlassung nicht die Flucht ins Ausland. Ab 1940 muss der Familienvater schwere Zwangsarbeit leisten, die Situation wird für die Familie immer bedrohlicher. Kathi S., eine alleinstehende Nachbarin, wird zur „Schutzpatronin“ der Familie. Die resolute Frau mittleren Alters, Bernhard beschreibt sie als typische Münchner Bedienung, nimmt den Jungen öfters mit an ihren Arbeitsplatz im Eberl-Bräu am Sendlinger-Tor-Platz.

Nachdem Weihnachten 1942 Bernhards jüdische Großmutter im Ghetto Theresienstadt ermordete wird und wenige Monate später sein „arischer“ Halbbruder aus der ersten Ehe der Mutter in Russland als Wehrmachtssoldat stirbt, beschließt Luise K., mit ihrem Sohn unterzutauchen. Kathi S. findet 1943 einen Bauernhof bei Altomünster, der Mutter und Sohn aufnimmt: Familie Lachner in Pipinsried. Sie bringt die beiden im Austragshäusl unter.

Die Autorin Schrafstetter denkt, dass wohl religiöse Gründe die katholische Familie dazu bewogen, Zuflucht zu gewähren. Frau Lachner, die jeden Tag zur Messe ging, hoffte, dass ihr die gute Tat vergolten werde - ihre drei Söhne waren als Soldaten im Krieg. Gustav K. konnte manchmal Luise und Bernhard heimlich im Versteck besuchen. Anfang 1945 taucht auch er auf dem Hof unter, um der letzten Deportationswelle aus München zu entgehen. Die Familie erlebt Ende April 1945 gemeinsam den amerikanischen Einmarsch. Familie K. ist in Sicherheit - und kehrt nach München zurück. dn

Die Christnacht

Die Christnacht wird musikalisch besonders ausgestaltet mit Gudrun Huber (Geige, musikalische Leitung), Anika Mensing (Geige), Birte Mensing (Bratsche), Sönke Mensing (Kontrabass), Heike Storm (Orgel) und Robin Storm (Cello) spielen Werke von Johann Sebastian Bach, Arcangelo Corelli und Paolo Salulini.

Die Bücher

Das Buch „Flucht und Versteck: Untergetauchte Juden in München - Verfolgungserfahrung und Nachkriegsalltag“ von Susanna Schrafstetter gibt es etwa im Internet für 38 Euro. ISBN-10: 3835317369 ISBN-13: 978-3835317369.

Das Buch „Gerettet. Erinnerungen an zwei Familien im Nationalsozialismus. Familie Bach und Familie Gailer“ ist im Eigenverlag von Eleonore Philipp in Niederroth erschienen.

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