Lasergewitter stört bestes Musikklima

Schönbrunn - Ein angehender Weltstar, ein charmanter und weiser Conferencier, ein bestens aufgelegtes Orchester und eine kluge Programmauswahl - was will man mehr in einer schönen Sommernacht? Störfaktor war jedoch die Lasershow.

Dachau - Der letzte Eindruck bleibt haften, heißt es. Doch für die neunte Sinfonische Sommernacht in Schönbrunn muss diese Regel unbedingt außer Kraft gesetzt werden. Denn beim abschließenden Stück des Abends flohen die Zuhörer in Scharen. Als die Töne verklungen und die Lichtkanonen ausgeschaltet waren, konnte man das Ergebnis sehen: Höchstens ein Viertel der rund 600 Zuhörer hatten bis zum Ende der groß angekündigten Lasershow ausgehalten. „Pompöser Kitsch“, kommentierte ein aufgebrachter Musikfreund.

Zu den CD-Klängen einer Filmhit-Mixtur aus „Fluch der Karibik“ und ähnlichem hatte das Publikum ein Lichtgewitter ganz eigener Art zu überstehen. Schade um den schönen Musikabend, mochte da mancher Besucher gedacht haben. Denn in den zwei Stunden zuvor durften sich die Sommernacht-Freunde eines erlesenen sinfonischen Abends erfreuen.

Zwei Akteure glänzten besonders. Zum einen der Dirigent der Wilden Gungl, des größten und ältesten Privatorchester Münchens: Jaroslav Opela. Zum anderen der Solo-Klarinettist Stojan Krkuleski - zu ihm später mehr. Der 78-jährige Maestro nutzte seine kurzen Programmhinweise zu geistreichen Exkursionen in die Musikgeschichte: vom „Lümmel Mozart“ (1756- 1791) bis zum „Mystiker Wagner“ (1813-1883). Wobei Opela rein äußerlich dem Bayreuther Gesamtkunstwerk-Schöpfer immer ähnlicher zu werden scheint.

Mit der berühmten leeren Quinte und dem Hornruf setzte die Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“ ein, gleich darauf zogen die norwegischen Atlantikstürme über die Köpfe des Publikums hinweg - die „Wilde Gungl“ segelte mit Elan zwischen den Klippen des Wagnerschen Frühwerks (1843) hindurch. Opela wies auf die Opferthematik hin (schöne Frau geht für einsamen Mann in den Tod), die sich bei dem Mythen-besessenen Sachsen bis zum Parsifal (1882) hinzieht. Historisch betrachtet kann der „Holländer“ als Vorläufer jeglicher filmischer „Suspense“-Musik gelten - Alfred Hitchcocks Leibkomponist Bernard Herrmann (1911 - 1975) war ein bekennender Wagner-Fan und beeinflusst die Kino-Partituren noch heute. Dass der Bogen zum erwähnten Epilog gewollt war, erscheint jedoch eher fraglich.

Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur (KV 622) aus dem Todesjahr des genialischen Salzburgers ist sicherlich eines der schönsten Stücke für das vielseitige Holzblasinstrument. Auch wenn es ursprünglich für eine Basset-Klarinette konzipiert war, deren Tonumfang noch eine Terz tiefer reichte. Der Theologe und Papst-Kritiker Hans Küng wollte in dem Mozartwerk gar den „Klang des einen Unendlichen“ vernommen haben. In Schönbrunn war zumindest ein ganz außergewöhnlicher Virtuose des eleganten Aerophons zu hören: der ARD-Preisträger Stojan Krkuleski. Der 27-Jährige ließ sein Instrument jubeln und seufzen, jauchzen und trauern - in allen Tonschattierungen und Klangfarben. Besonders der zweite Satz, das Adagio, rührte bis ins Herz. Das Publikum lauschte mit geschlossenen Augen; die Mücken vergaßen, ihre menschliche Beute zu quälen, und selbst die Flugzeuge vom nahen Erdinger Moos hatten ein Einsehen und machten kurzzeitig einen Bogen um Schönbrunn. Die bewundernden Blicke von Krkuleskis Mit-Musikern sprachen Bände und besagten: Hier spielt ein angehender Großer seines Fachs. In den nächsten Jahren wird man den jungen Serben vermutlich auf einer Solistenstelle eines der großen Orchester wiederfinden.

Nach der Pause erfreute die Wilde Gungl ihre Schönbrunner Fans mit einem charmanten Stück des Carmen-Komponisten George Bizet (1838 -1875): „L’Arlesienne“. Der erste Satz der Suite Nr. 1 - eine Variation des provençalischen Weihnachtsliedes „Marcho dei Rei“ (Königsmarsch) - ist auch ein heute noch oft gespielter Ohrwurm. Sehr ergreifend vor allem das Altsaxophon-Solo, dargebracht von Dieter Kraus. Überhaupt verfügt der Münchner Klangkörper über eine bestens besetzte Bläser-sektion.

Schließlich die Wende: In der Suite Nr. 2, arrangiert vom Bizet-Freund Ernest Guiraud, waberten erst die Trockeneis-Nebel durch den Innenhof, dann setzte das Lichtgewitter ein. Besonders unangenehm für die Zuschauer: wenn ein Laserstrahl direkt ins Auge traf. Opela und seine Mannschaft standen das Spektakel tapfer durch. Als die Musiker die Bühne verlassen hatten und die vorproduzierte Lasershow vom Licht- und Tonband lief, setzte die große Flucht ein. Wobei man die Kritik nicht zu hoch hängen sollte: Bei einem Feuerwerk fragt auch kein Betrachter nach dessen tieferen Sinn. Eine Lehre allerdings bleibt: Gute Musik bedarf keiner Bilder. Sie ist sich selber genug. (kra)

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