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Lernen, was bald nicht mehr möglich sein wird

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Indersdorf - Es ist ein ganz besondere Freundschaft. Eine Freundschaft, wie es sie bald nie wieder geben kann. Eine junge Indersdorferin und ein Zeitzeuge aus Amerika schreiben sich seit Jahren Briefe. Der 86-Jährige war als Jugendlicher im internationalen Kinderzentrum im Indersdorfer Kloster untergebracht - 2008 kehrte er zum ersten Mal zurück. Für Viola Loderer steht fest: Erwin Farkas hat ihr Leben bereichert.

Erwin Farkas lächelt. Der Mann mit den klugen blauen Augen hinter den dicken Brillengläsern ist glücklich. Der Grund dafür ist eine junge Frau in einem schwarzen Kleid mit weißen Punkten. Immer, wenn der 86-Jährige seine junge Briefffreundin Viola Loderer sieht, geht es ihm gut. Doch die beiden verdanken ihre Freundschaft einer Lüge - einer Lüge, ohne die Erwin Farkas heute tot wäre. Ermordet, wie fast jeder in seiner Familie.

Es ist der Geruch. Der Geruch, den Erwin Farkas nie mehr vergessen wird. Der Gestank von verbrannten Menschen. Er ist 15 Jahre alt, als er mit seinen drei Schwestern, einem Bruder, Mutter und Großvater in einem Viehtransporter nach Birkenau gebracht wird. An einem Tisch sitzt ein SS-Offizier, fragt den Jungen, wie alt er ist. Und Erwin Farkas hat gehört: Er muss lügen. Also sagt er, dass er bereits 16 sei - eine Lüge, die ihm sein Leben gerettet hat. Er und sein Bruder werden zu den Arbeitern eingeteilt. Seine kleinen Schwestern, die Mutter und der Opa müssen sich in einer anderen Reihe anstellen. Erwin Farkas sieht sie nie wieder. Ebenso seinen Vater, den Jahre zuvor in dem kleinen rumänischen Dorf, das einmal seine Heimat war, ungarische Faschisten verschleppt hatten.

Farkas hat seine Geschichte schon oft erzählt. Er hat für sich einen Weg gefunden, über die Erlebnisse zu sprechen. „Wenn ich erzähle, fühlt es sich so an, als wäre es nicht meine Geschichte. Die eines anderen. “ Aber wenn er zu dem Abschnitt in Birkenau kommt, wird seine Stimme leise, die Augen glasig. „Hier kann man nicht so tun, als wäre es die Geschichte eines anderen. Aber das muss ich mit mir selbst ausmachen“, sagt Farkas. „Aber erst dann, wenn es dunkel ist.“

Erwin Farkas und sein Bruder Zoltan blieben die ganze Zeit im Lager zusammen. Im Winter 1944/45 wurden die Brüder ins KZ Oranienburg und weiter ins KZ Flossenbürg überstellt. Hier trafen sie ihren Kindheitsfreund Lazar wieder. So nah das Ende des Krieges war, so weit war die Freiheit entfernt. Zusammen mit 200 Häftlingen wurden sie auf einen Todesmarsch geschickt. Wer fiel, wurde erschossen, wer nicht weitergehen konnte, starb. „Wir waren nur noch Haut und Knochen. Alle paar Minuten fiel ein Schluss“, sagt Erwin Farkas heute. Die Brüder stützten ihren schwachen Freund, trugen ihn die meiste Zeit. „Ohne uns hätten sie ihn abgeknallt.“ Längst fühlt Erwin Farkas zu diesem Zeitpunkt seine Zehen nicht mehr. Sie sind abgefroren. Am 23. April werden die Freunde von der US-Armee befreit und kommen ins internationale Kinderzentrum im Kloster Indersdorf. Etwa ein Jahr später wandern die beiden Brüder in die USA aus.

Viola Loderer lernt den alten Mann ein halbes Leben später, 2008, beim ersten Treffen der überlebenden Klosterkinder kennen. Damals, als naiver Teenager, sieht sie zum ersten Mal die Tätowierung auf seinem Arm, fragt ihn nach der Bedeutung. Heute ist sie 24 und geniert sich ein bisschen für die neugierige Art. Aber für den alten Mann war es damals wie heute kein Problem. Jetzt lacht er sogar, die blauen Augen hinter der Brille blitzen auf: „Achtundsiebzig neunundneunzig“, sagt er auf Deutsch. „Ich werde diese Nummer nicht vergessen, so lange ich lebe, selbst wenn Sie mich mitten in der Nacht wecken.“ Es war die Nummer, mit der ihn die Nazis statt seines Namens gerufen hatten.

Viola ist dankbar für die Gelegenheit, dass sie den fröhlichen alten Mann kennenlernen durfte. Dankbar für „die Chance, jemanden alles, wirklich alles fragen können - das sollte man unbedingt nutzen“. Ein Buch lesen, einen Dokumentarfilm sehen, all das sei gar nichts im Vergleich zu einer Unterhaltung mit einem Zeitzeugen. „Wenn du dem Menschen in die Augen und auf seine Hände schauen kannst, merkt man erst, wie unwirklich alles andere vorher war.“

Genau diese faltigen Hände bewegt Erwin Farkas ununterbrochen, wenn er seine Geschichte erzählt. Jetzt hält eine davon Viola Loderers Arm. Die beiden verbindet viel mehr, als nur seine tragische Vergangenheit. Farkas hat früher, genau wie die Indersdorferin heute, Psychologie studiert. „Er ist gewissermaßen mein Vorbild.“

Doch Viola Loderer konnte viel mehr von Erwin Farkas lernen, als das, was er als junger Mann erlebt hat. Sondern vor allem auch alles, was danach kam. Der Wille, nicht aufzugeben und nicht an der Vergangenheit zu zerbrechen, beeindruckt die junge Frau. „Erwin ist viel mehr als ein Mann mit einer traurigen Geschichte. Er hat in Amerika ein neues Leben angefangen, er ist witzig und total jung geblieben.“

Und auch Erwin Farkas lernt eine Menge von seiner jungen Brieffreundin. Zum Beispiel, dass sein erster Besuch in Deutschland nach 63 Jahren kein Fehler war. Dass viele junge Deutsche aufgeschlossen, interessiert und freundlich sind. Und: Dass er seitdem immer gerne wiederkommt. Die beiden albern auch oft herum, oder sie lernt ihm etwas über E-Mail und Facebook. „Es ist eine einzigartige Möglichkeit, Kontakt zu so einem besonderen Menschen zu haben“, sagt Viola Loderer. „Ich denke, wir bereichern uns gegenseitig.“

Als sich die beiden am Flughafen verabschieden, macht die Indersdorferin ein Selbstporträt von ihnen mit dem Handy. Der 86-Jährige muss lachen: Das hat ihm seine junge Freundin bereits beim letzten Treffen gelernt. „Natürlich weiß ich, was ein Selfie ist“, sagt Erwin Farkas und lacht.

Christiane Breitenberger

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