„Märchenstunde“ bringt nichts: sechs Monate Haft

Dachau - Amir R. (Name geändert) muss für sechs Monate ins Gefängnis. Der Feinkosthändler (40) aus dem Landkreis Dachau stand unter offener Bewährung, als er Anfang des Jahres seine Freundin schwer misshandelte. Mit diesem Mann hatte seine Lebensgefährtin ein Verhältnis gehabt.

Bei der Fortsetzungsverhandlung vor dem Dachauer Amtsgericht gab es eine Überraschung, wie man sie sonst nur aus den Gerichtsshows im Nachmittagsfernsehen kennt: Plötzlich taucht eine Zeugin auf, die den Angeklagten entlastet. Die junge Frau gibt sich als gute Freundin der Geschädigten aus. Und der Mann auf der Anklagebank ist ihr Chef. Die Zeugin sagt, dass Amir R. „niemals zugeschlagen haben kann, sie hatte auch keine Angst vor ihm“. Die Verletzungen am ganzen Körper habe sich die Freundin des Angeklagten zugezogen, als sie mit einem Wäschekorb in der Hand die Kellertreppe hinabgestürzt sei. Das habe sie ihr verraten.

Schon während der Zeugenaussage wird deutlich, dass weder Richter Lukas Neubeck noch der Staatsanwalt der jungen Frau glauben. In seiner Urteilsbegründung später wird Neubeck deutlich machen, was er von der angeblichen Entlastungszeugin hielt: „Das war eine Märchenstunde!“

Der Richter war viel mehr überzeugt, dass R. sich der Bedrohung in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung schuldig gemacht hat. Motiv: Eifersucht. Neubeck stützte sich vor allem auf die Aussagen zweier Reinigungskräfte. Diese beiden Frauen sind im Olympia-Einkaufszentrum tätig. Am Tag nach den Misshandlungen stand ihnen die Lebensgefährtin von Amir R. gegenüber. Sie hatte sich auf die Damentoilette geflüchtet. Noch deutlich waren die Spuren der Misshandlungen zu sehen, die die Frau wohl am Abend zuvor erleiden musste. „Sie hat geweint und gebeten, die Polizei zu rufen“, sagte die eine Reinigungskraft im Zeugenstand aus. Die andere fügte wenig später hinzu: „Die Frau hat gezittert!“

Der 40-Jährige wurde wenig später festgenommen. Einem Münchner Polizisten gegenüber sagte er aus, dass er sich doch sehr wundere, als Beschuldigter zu gelten, wenn die Freundin mit dem Wäschekorb die Treppe runterfallen sei.

Dass ihm die Wäschekorb-Variante auch noch im Sitzungssaal präsentiert wurde, fand Neubeck nicht lustig. „Das ist absurd, die Geschichte nehme ich ihnen nicht ab“, sagte er an den Angeklagten gewandt. Einher ging die deutliche Warnung, sich nichts Weiteres zu schulden lassen zu kommen. Denn R. und seine Lebensgefährtin wohnen nach wie vor zusammen. Vor Gericht hatte die Frau nicht aussagen wollen.

Vor eineinhalb Jahren war Amir R. schon einmal verurteilt worden. Er hatte Krankenkassenbeiträge für Angestellte nicht abgeführt. Der Schaden war so horrend, dass R. ein Jahr und drei Monate auf Bewährung bekam. Bei der neuerlichen Verurteilung sei deshalb Bewährung nicht mehr möglich, so Richter Neubeck.

Thomas Leichsenring

Auch interessant

Kommentare