Verhasst, verfolgt, verliebt: Der homosexuelle Häftling Max (links) verleugnet seinen Freund Rudy. Horst (rechts) hingegen trägt seinen rosa Winkel mit Stolz. Foto: kwo

Mehr als eine Geschichte

Dachau - Mehr als 30 holländische Jugendliche haben sich musikalisch und theatralisch mit einem Thema beschäftigt, das lange totgeschwiegen wurde: Homosexualität im Konzentrationslager. Ihr Traum war es, ihr Stück im ehemaligen KZ Dachau aufzuführen zu dürfen. Dieser Traum wurde nun Wirklichkeit.

Die Bühne, auf der die holländischen Jugendlichen ihr Stück „The Others“ (Die Anderen) aufführten, war nur wenige Quadratmeter groß. Und doch war sie groß genug, um jeden einzelnen Zuschauer Teil werden zu lassen.

Niemand war Gast im Innenhof der Kirche Heilig Kreuz - mit dem Schritt durch den Personenscanner, den die Jugendlichen am Eingang aufgestellt hatten, wurde aus jedem Zuschauer ein Häftling. Aus vielen wurden Juden, aus anderen politische Gegner, aus einigen wurden Homosexuelle - je nachdem ob die digitale Anzeige gelb, rot oder rosa aufleuchtete.

Die meisten Dachauer hatten wohl einen etwas herzlicheren Empfang erwartet, nachdem sie nach dem einleitenden Konzert im Karmelitinnenkloster mit einem kleinen Stück Brot in der Hand über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers bis zur Kirche geschickt wurden. Nach dem halbstündigen Fußmarsch im strömenden Regen erwartete sie jedoch ein unfreundlicher Offizier, der sie lautstark aufforderte sich ihre Nummer zu merken, bevor sie den Innenhof betreten durften. Dort ging es ähnlich ungemütlich weiter. Die Zuschauer wurden von links nach rechts oder von rechts nach links geschickt, von ihren Freunden getrennt und aufgefordert, ruhig zu sein. Als die Jugendlichen mit ihrer Aufführung begannen, war von ganz alleine eine nachdenkliche Stille eingekehrt.

Das Stück erzählt eine Geschichte, die sich nicht nur im Dachauer Konzentrationslager ereignet haben könnte. Es ist die Geschichte des homosexuellen Pärchens Max und Rudy, die von der Gestapo überrascht und ins KZ deportiert werden. Rudy steht den Transport nicht durch und Max ist gezwungen seinen Freund zu verraten - um selbst zu überleben. Genauso wie Rudy verleugnet er auch seine Homosexualität. Bis er Horst kennenlernt, einen anderen Häftling, der den rosa Winkel voller Stolz trägt. Trotz der täglichen Schikanen und des Terrors der SS-Männer verlieben sich die beiden ineinander.

Die Jugendlichen zwischen 16 und 23 Jahren haben das Programm dieses Frühjahr in Holland zum 65. Jahrestag der Befreiung aufgeführt. Sie haben selbst Texte und Lieder geschrieben, mit denen sie behutsam zu dem Thema hinführen wollen. Sie haben das Stück „Bent“ von Martin Sherman umgeschrieben und vom Niederländischen ins Englische übersetzt. Und sie haben sich überlegt, wie sie ihre Zuschauer mitreißen und aufrütteln können. Alles mit dem großen Ziel, irgendwann in Dachau spielen zu dürfen. Mit der Einladung des Internationalen Dachau Komitees (CID) geht für die Jugendlichen ein langgehegter Traum in Erfüllung.

Es geht den Schülern jedoch um mehr, als nur eine Geschichte zu erzählen. Sie wollen auf ein Thema aufmerksam machen, dass in der Erinnerungsarbeit bisher nahezu ausgeklammert wurde: auf den SS-Terror gegen Homosexuelle. Und sie richten einen klaren Appell an ihre Zuhörer, der heute noch genauso gültig ist, wie zur Zeit des Dritten Reichs: „Selbst die schlimmste Unterdrückung darf kein Grund dafür sein, sich selbst zu verleugnen.“ (kwo)

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