Nachdenklich gemacht und berührt hat Max Mannheimer die muslimische Delegation. Hannah Rosenthal und Imam Mohamad Magid dankte ihm für seine Worte. Foto: mhz

Muslimische Delegation zu Gast in Gedenkstätte

Dachau - Elf Muslime haben die KZ-Gedenkstätten in Dachau und Auschwitz besucht, um mehr über die Leidensgeschichten der jüdischen Häftlinge zu erfahren. Es war mehr als eine Bildungsreise. Mit diesem Besuch will die Gruppe für eine Verständigung zwischen Juden und Muslimen eintreten.

Es war das erste Mal, dass eine offizielle Delegation amerikanischer Juden und Muslime gemeinschaftliche die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht hat. Sie alle wollten sich bewusst mit dem jüdischen Schicksal im Dritten Reich auseinandersetzen. Unter ihnen war auch der Vizepräsident der Islamischen Gesellschaft Nordamerikas, Imam Mohamad Magid.

Begleitet wurde die Gruppe von Rabbi Jack Bemporad vom Zentrum für interreligiöse Verständigung und von Hannah Rosenthal, der Sondergesandten des US-Präsidenten Barack Obamas zur Bekämpfung von Antisemitismus.

Es gab viele bewegende Momente für die Gäste. Sie hörten Geschichten, die sie nicht mehr vergessen werden. Max Mannheimer, Ex-Häftling und Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, erzählte der Gruppe wie er das Dritte Reich erlebt hatte. Ganz genau sieht er die Szenen noch vor sich, wie sein Vater von den SS-Männern verhaftet wurde. Er erinnert sich an jedes Detail seiner Deportation nach Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz-Birkenau. Es war still, als er den Muslimen schilderte, wie er bei seiner Ankunft in Auschwitz von seiner Familie getrennt wurde. Wie er geschoren, desinfiziert und von den Wärtern geschlagen wurde. Und er zeigte der muslimischen Delegation seine Häftlingsnummer.

Als Max Mannheimer aufhörte zu reden, dauerte es lange, bis einer der Gäste die Sprachlosigkeit überwinden konnte. Doch die Besucher hatten noch viel zu viele Fragen an den Dachauer, um das Gespräch schon zu Ende gehen zu lassen. Ein Imam fragte den 90-Jährigen, wie er während der furchtbaren Zeit im Konzentrationslager seinen Glauben nicht verlieren konnte.

Die Antwort darauf fiel Max Mannheimer nicht leicht. „Auf der einen Seite habe ich meinen Glauben verloren, weil ich mir dachte: Wie kann Gott so etwas zulassen. Andererseits habe ich aber jeden Abend gebetet, dass meine Familie auf der sicheren Seite ist.“ Sein Bruder sei nach der Befreiung sehr religiös geworden, berichtete er den Muslimen. „Weil er glaubte, durch Gott überlebt zu haben.“

Auch wie Max Mannheimer heute mit seiner Häftlingsnummer leben könne, wollten die Gäste von ihm wissen. „Ich könnte nicht damit umgehen, da sie mich immer an die schreckliche Zeit erinnern würde“, sagte Imam Mohamad Magid. Max Mannheimer antwortete ihm, dass die Nummer ihn heute nicht mehr berühre. Seine Enkelin Judith Faessler unterbrach ihn: „Als ich ein Kind war hast du mir aber immer erzählt, die Häftlingsnummer sei deine Telefonnummer.“ Bis zu den 80er Jahren habe ihr Großvater niemals darüber gesprochen, erinnerte sie sich. „Manchmal hat er ganze sechs Wochen lang nicht geredet.“ Erst 1986, nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau begann Mannheimer mit der Erinnerungarbeit.

Dafür dankte ihm die Gruppe. Der 90-Jährige hatte die Muslime mit seiner Geschichte nachdenklich gemacht und tief beeindruckt. Sie hatten eine letzte Frage an ihn: „Was können wir als religiöse Führer gegen Diskriminierung und Unterdrückung machen?“ Mannheimer musste nicht lange überlegen: „Diese Probleme müssen an der Wurzel der Gesellschaft bekämpft werden. Deshalb müssen die Kinder richtig erzogen werden, damit sich die Gesellschaft bessert. “ (mhz)

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

So sicher ist der Landkreis
5359 Straftaten hat die Polizei Dachau im Jahr 2016 registriert, ein Prozent mehr als im Jahr zuvor. Mehr Körperverletzungen, viel mehr Fahrraddiebstähle und ein …
So sicher ist der Landkreis
Rekordversuch ins Wasser gefallen
Walter Drechsler aus Haimhausen hat keinen Weltrekord aufgestellt, dafür aber einen See getauft. Eigentlich wollte der Haimhauser mit 14 Abenteurern im See des Vulkans …
Rekordversuch ins Wasser gefallen

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare