Ein Prozess, der sich gewaschen hat

Dachau - Der vierfache Familienvater trat gefasst in den Zeugenstand und meinte: „Alles, was ich sagen kann, ist: Ich hatte eine Waschmaschine, nun ist sie verschwunden.“

Tatsächlich war das gute Stück - neuwertig und laut Waschmaschinenexperten 229 Euro wert - aus dem Waschkeller eines Wohnblocks in Dachau geklaut worden. Das war an Ostern 2015. Nun musste sich ein Pärchen, das in der Anlage wohnte, wegen Diebstahls vor dem Dachauer Amtsgericht verantworten. Eine Allianz der Nachbarn sorgte dafür, dass der Sicherheitsfachmann und die Angestellte, beide 41, vor den Richter zitiert wurden. Und das kam so:

Dem zweitältesten Sohn der beklauten Familie ließ der gemeine Vorgang keine Ruhe. Er klebte fleißig Zettel an Laternenpfähle, Bäume oder Hauswände in der Umgebung, so, wie es Leute machen, deren heißgeliebte Hauskatze flüchtig ist. Nur zeigte das Bild kein süßes Samtpfötchen, sondern ein schnödes weißes Gerät mit einem Bullauge in der Mitte. Eine Frau aus dem Umkreis sah einen Zettel und hegte den Verdacht, dass das eben umgezogene Pärchen das Gerät mitgenommen haben könnte. Sie verständigte ihren Sohn, der wiederum einen Bekannten anspitze, der im selben Haus wohnte, in das das Pärchen neu eingezogen war. Der Bekannte machte dort im Waschkeller ein Foto von der eben dort vom Pärchen abgestellten Waschmaschine. Diese war vom selben Hersteller und sah auch sonst der geklauten ziemlich ähnlich. Das Bild wurde der bestohlenen Familie übersandt, die es stracks an die Polizei weiterleitete, die weniger stracks gegen das Pärchen ermittelte. Denn: Als Beamte in den Waschkeller hinabstiegen, um die Sachlage zu überprüfen, war die fotografierte Waschmaschine verschwunden. An ihrer Stelle stand - ganz unschuldig - ein völlig anderes Gerät.

Dennoch wurde das Pärchen vor Gericht gebracht. Die beiden Angeklagten stritten in der Hauptverhandlung alles ab. Der Mann berichtete, er sei im Besitz von acht Waschmaschinen gewesen, weil er als Chef einer Sicherheitsfirma die Kluft seiner 18 Angestellten habe sauber halten müssen. Er habe es nicht nötig, eine neunte zu klauen. Der 41-Jährige selbst hat indes keine weiße Weste; er ist vorbestraft. Nachdem sich Richter Christian Calame im Bundeszentralregister schlau gemacht hatte, meinte er in Richtung des achtfachen, respektive neunfachen Waschmaschinenbesitzers: „Es steht viel für Sie auf dem Spiel.“

Das Spiel mit einem Urteil beenden konnte Calame allerdings nicht. Ausgerechnet der Hauptzeuge, der fotografiert hatte, weilt derzeit in Namibia, um dort wilde Tiere statt Waschmaschinen abzulichten. Ist er zurück, wird ein zweiter Termin anberaumt werden, damit die Causa zu einem sauberen Ende kommt.

Thomas Zimmerly

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Dreibeinig, alt und womöglich entführt
Wo ist Nelson? Das Verschwinden des 15 Jahre alten Dackels in der Silvesternacht gibt Rätsel auf. Der brave, dreibeinige Hunde-Opa verschwand auf rätselhafte Weise von …
Dreibeinig, alt und womöglich entführt

Kommentare