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Die Radsportler starteten in Dachau, erarbeiteten sich Etappe für Etappe, sieben Tage lang. Am Ende der Reise stand Frankreich - und eine neue Freundschaft.

Städtepartnerschaft

Radtour nach Oradour - Beginn einer Freundschaft

Dachau/Oradour-sur-Glane – Die Radsportler starteten in Dachau, erarbeiteten sich Etappe für Etappe, sieben Tage lang. Am Ende der Reise stand Frankreich - und eine neue Freundschaft.

Bei fünf Grad und Regen ging es über die Schwäbische Alb, bei 30 Grad kamen die Radsportler in Oradour an: braungebrannt, bejubelt, mit strahlenden Gesichtern. Die Bilanz: ein paar Platten, ein paar Muskelkrämpfe, zwei Stürze, die glimpflich ausgingen. Mit ihrer Tour wollten die Radfahrer einen symbolischen Beitrag leisten zur Aussöhnung und Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich. Das Vorhaben ist gelungen.

Denn nun steht die Freundschaft zwischen den beiden Städten nicht mehr nur auf dem politischen Standbein – dank Wolfgang Moll. Der Vorsitzende des Radsportclubs Soli hatte die Idee zu der Versöhnungsfahrt nach Oradour. Nach 1169 Kilometern und sieben Tagesetappen stellt Moll fest: „Hier ist eine Freundschaft entstanden, auf der man aufbauen kann.“ Auf der Radtour haben sich die deutschen und französischen Sportler Stück für Stück angenähert, sich kennengelernt, von Etappe zu Etappe besser verstanden – trotz Sprachbarriere. Die sei laut Moll natürlich vorhanden, „aber wenn das die ganze Barriere zwischen uns ist, haben wir keine Probleme“.

Die Radtour war für Moll „Mittel zum Zwecke“ – ganz nach dem Grundsatz: Sport verbindet. „Ich habe echte Freunde gefunden“, sagt Marcel Brissaud, Vorsitzender des Radsportvereins in Oradour, der die Strecke von Dachau aus mitradelte. Die Großeltern und die Tante von Marcel Brissaud waren beim SS-Massaker am 10. Juni 1944 ermordet worden. 181 Männer wurden hingerichtet, 207 Kinder und Babys sowie 254 Frauen in der Kirche eingesperrt, die die SS dann anzündete und in die sie Handgranaten warf. Sechs Einwohner überlebten.

Lange Zeit wollten die Angehörigen der Opfer keinen Kontakt zu Deutschen. „Wir wussten nicht, was uns hier in Oradour erwartet“, sagte der Soli-Radsportler Sofiane Allata, mit 31 Jahren der jüngste Teilnehmer der Tour. „Je näher wir gekommen sind, umso mehr haben wir gespürt, dass wir mit offenen Armen aufgenommen werden.“

„Jeden Mittag, jeden Abend, in jedem Dorf sind wir groß empfangen worden“, berichtet Wolfgang Moll. In Straßburg wuchs die Gruppe der Radsportler auf 44 an, zudem wurden sie von Motorradfahrern eskortiert, die auch die Tour de France begleiten. „Das war ein riesiges Erlebnis“, schwärmt Josef Wastian (66). „Ich kenne keine rote Ampel und kein Vorfahrt achten mehr“, lacht Uli Goller. „Die Motorradfahrer haben 38-Tonner an uns vorbeigeschleust – sehr professionell.“

Elke Morlok, 47 Jahre alt, ist eine der Frauen, die an der Tour teilgenommen hat. Die Dachauerin hielt durch vom Anfang bis zum Ende – und es war für sie von Anfang der Planungen anklar, „dass ich mitfahre“. Genau wie für Kurt Lallinger. Der 55-jährige Münchner, ein Funktionär des Bayerischen Radsportverbandes, ist behindert. Er hat Muskelschwund und eine Nervenerkrankung und war als Paracycler erfolgreich. Wolfgang Moll lud ihn ein mitzufahren. „Die Idee hat mir gefallen, dieses SS-Massaker in Erinnerung zu rufen“, sagt Lallinger. Er wusste zuvor nichts davon – wie viele andere. „Es gibt Leute, die haben von Oradour noch nie gehört“, so Wolfgang Moll. „Und wenn wir durch diese Tour dazu beitragen, dass es ins Bewusstsein gerufen wird“, sei das Vorhaben schon geglückt. Es ist aber mehr als das passiert.

„Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass wir heute so versöhnlich zusammenkommen?“ Philippe Lacroix, Bürgermeister von Oradour, legt beim Empfang einen Arm um seinen Dachauer Kollegen Florian Hartmann, der zur Ankunft der Radler nach Oradour reiste. Lacroix ist ebenso wie Hartmann erst seit kurzem im Amt. Er erinnert an ihre beiden Vorgänger: „Peter Bürgel und Raymond Frugier hatten mit den Überlebenden Albert Valade und Robert Hébras den Wunsch der Freundschaft – dieser Wunsch ist heute erfüllt worden.“ Peter Bürgel war der erste deutsche Politiker, der offiziell zu der Gedenkfeier eingeladen war und einen Kranz niederlegte. Florian Hartmann führte das bei der Gedenkfeier am 70. Jahrestag fort – und wird es weiter tun. Er betont, dass auch ihm die Beziehungen zwischen Dachau und Oradour „ein großes Anliegen“ sind. Robert Hébras, der das Massaker überlebte, gibt dem 27-jährigen OB eine Bitte mit auf den Weg – nach einem Rundgang durch die Ruinen: „Sorgen Sie dafür, dass das nicht vergessen wird“, sagte der 88-Jährige.

Bilder: Radtour nach Oradour

Dafür wird auch Moll sorgen. „Mir ist wichtig, dass wir gesellschaftliche Verflechtungen schaffen.“ Was sich hier aufgebaut habe, sei nicht gekünstelt, sondern ehrlich. Die Soli-Sporler haben ihre neuen französischen Freunde zum Bergkriterium 2015 eingeladen. „Und vielleicht hat bis dahin der ein oder andere die Sprache des anderen gelernt.“ Wieder so eine Idee von Wolfgang Moll.

Nikola Obermeier

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