Rentner abgezockt

Gericht verurteilt Kaffeefahrt-Betrüger

Dachau - Sie versprachen alten Leuten ein Ende ihrer gesundheitlichen Beschwerden. Stattdessen verfrachteten sie die Rentner in einen Bus, karrten sie in abgelegene Gegenden und nahmen ihnen viel Geld ab. Das Amtsgericht Dachau verurteilte drei Männer zu Haftstrafen.

Früher war er Sportler. Fußball. Leichtathletik. Doch es geht nicht mehr. Der Fuß macht nicht mehr mit. „Ich habe vermutet, die Scheibe bringt was“, sagt der 77-Jährige. Die Scheibe ist ein bunt bedruckter Gegenstand von der Größe eines Frisbees. In der Mitte befindet sich ein kleiner Magnet.

Als ihm die Organisatoren der Kaffeefahrt das Ding in die Hand drückten, war er sich sicher, dass sich seine Schmerzen kurzzeitig in Luft aufgelöst hatten. Das hatte der „redegewandte junge Mann“ schließlich vorher so erklärt. Sogar der berühmte FC-Bayern-Doc Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt würde die Vitalis-Scheiben bei seinen prominenten Patienten einsetzen.

Die Illusion war gelungen, der Rentner überzeugt. Er kaufte zwei Stück, eines für sich und eines für seine Frau. Kostenpunkt: 1700 Euro. In der Herstellung kostet der „komische Teller da“, wie ein anderer Kaffeefahrtteilnehmer den Gegenstand beschreibt, ein paar Euro und hat keinerlei erwiesenen medizinischen Nutzen. Das stellt ein Sachverständiger vor dem Dachauer Amtsgericht fest.

Die drei mutmaßlichen Organisatoren mehrerer, über ganz Deutschland verteilter Kaffeefahrten mussten sich deshalb jetzt wegen Betrugs vor Amtsrichter Lukas Neubeck verantworten. Zwei der Ausflüge hatten das Ampermochinger Mooshäusl zum Ziel gehabt.

Die Masche ist immer die gleiche: Im Briefkasten liegt der Hauptgewinn - ein Schreiben, das den meist betagten Empfängern vorgaukelt, einen hohen Geldbetrag gewonnen zu haben. Um den Preis zu erhalten, sollen sich die Betroffenen für eine Kaffeefahrt anmelden. Gelockt wird außerdem mit üppigen Fresspaketen für alle Teilnehmer, in diesem Fall ein halbes Bio-Schwein pro Nase. Die Teilnehmer werden zu Hause abgeholt, in einen Bus verfrachtet und nach oft stundenlanger Anfahrt in eine abgelegene Gaststätte gebracht.

Dort angekommen, halten die Verkäufer einen mitreißenden Vortrag über ihre Produkte. Über Handys, natürlich mit entsprechendem Vertrag, über Reiseangebote, über Heilsalben - oder über Vitalis-Scheiben. Im Anschluss wird so schnell wie möglich abkassiert, bar und ohne Quittung. Den Hauptgewinn gibt es natürlich nicht. Und auch der Lieferwagen mit den Fresspaketen sei „bei Freising wegen Glätte steckengeblieben“, berichtet ein Teilnehmer vor Gericht.

Stoisch sitzen die drei Angeklagten auf ihren Stühlen, während die zahlreichen Zeugen - teilweise gebrechlich, teilweise schwerhörig - davon berichten, wie sie ihr Konto für die angepriesenen Produkte leerten, in der Hoffnung, sie könnten ihre Beschwerden lindern. „Es ist für Kranke ein Strohhalm, an den man sich klammern kann“, sagt ein 66-Jähriger. Umso größer sei hinterher die Enttäuschung gewesen, als er feststellen musste, dass die vermeintliche Wirkung doch nur „Schmu“ war.

Rund 10 000 Einladungen müssten die Drahtzieher verschicken, bis genügend Anmeldungen für eine Busladung zusammenkommen, berichtet der Leiter des Freisinger Gewerbeamts. Einige Empfänger hatten die Einladungen bei ihm abgegeben.

Im März 2010 schleuste er daher einen Azubi als Begleiter der Bustour nach Ampermoching ein. Per SMS informierte der seine Kollegen über den Zielort und schließlich den Verkauf von Handys. Erst sobald ein Produkt über den Tisch geht, ist die Veranstaltung illegal. Die Mitarbeiter des Gewerbeamts begaben sich mit der Polizei zur Gaststätte und ordneten eine Durchsuchung an. Die Handyverträge fanden sich schließlich in der Kühlkammer des Restaurants, zwischen den Fleischvorräten.

Die drei norddeutschen Angeklagten äußern sich nicht zu den Vorwürfen. Auch als der Staatsanwalt in seinem Schlussplädoyer das auf „schamlosem Ausnutzen basierende Geschäftsmodell“ als „Unverschämtheit“ bezeichnet, bleiben die Männer im Alter zwischen 46 und 56 Jahren gelassen.

Ihre Verteidiger plädieren auf Freispruch. Die Zeugenaussagen seien ohne Substanz, die Identifikation nicht klar, die Ermittlungen unvollständig, so die Argumente der Verteidiger. Außerdem lassen sie schon vor dem Urteil anklingen, die nächste Instanz anrufen zu wollen.

Neubeck folgt der Argumentation der Verteidigung nicht. „So eine kriminelle Energie habe ich in meiner Laufbahn noch nicht erlebt“, bilanziert der Amtsrichter. Er verurteilt zwei der Angeklagten zu Freiheitsstrafen von 15 beziehungsweise 17 Monaten, die aufgrund des fast leeren Vorstrafenregisters zur Bewährung ausgesetzt werden. Der Dritte im Bunde kommt nicht auf Bewährung davon: Er ist bereits 17 Mal vorbestraft und muss nun für zwei Jahre ins Gefängnis.

Dominik Göttler

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

Auch interessant

Kommentare