Dachauer Experten klären auf

Schluss mit den Gerüchten über Flüchtlinge

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Landkreis - Sie bezahlen angeblich nicht für MVV-Tickets, bekommen Gutscheine für Prostituierte, Handys oder teure Kleidung und sind kriminell. Experten räumen jetzt mit Gerüchten auf.

Über Flüchtlinge werden traurigerweise viele Gerüchte verbreitet, die sich auch noch sehr hartnäckig halten: Auf einer Pressekonferenz räumten Landrat Stefan Löwl, Landratsamtspressesprecher Wolfgang Reichelt, Polizeisprecher Werner Kretz und Geschäftsfrau Anja Ackermann jetzt mit sämtlichen Falschmeldungen auf.

Gerücht: Das Landratsamt bezahlt Asylbewerbern teure Winterjacken.

Ackermann: Ich wurde angesprochen, ob es stimmt, dass sich Flüchtlinge in unserem Geschäft (Anm. der Red: Rauffer Herrenmode) mit Gutscheinen teure Winterjacken kaufen konnten, die das Landratsamt bezahlt. Das ist nicht wahr.

Löwl: Das ist einfach eine Lüge. Wir bezahlen keine Einkäufe für Asylbewerber, weder bei Lidl, noch bei Tengelmann, noch in Modegeschäften.

Gerücht: In Fürstenfeldbruck hat der Lidl zugemacht, da Flüchtlinge zuviel geklaut haben.

Löwl: Bei meinen Kollegen in Fürstenfeldbruck ist kein einziges Geschäft bekannt, dass pleite gemacht hat, weil Flüchtlinge dort geklaut haben sollen.

Gerücht: Wenn Asylbewerber stehlen, zahlen Landratsamt und Gemeinde die Entschädigung an den Ladenbesitzer.*

Löwl: Das stimmt natürlich nicht. Wir zahlen da gar nichts. Flüchtlinge müssen sich ganz genauso vor dem Gesetz verantworten wie wir.

Gerücht: In Karlsfeld hat es schon mehrere Vergewaltigungen gegeben, seit die Traglufthalle steht.

Kretz: Uns ist bei der Polizei kein einziger Fall bekannt. Angeblich soll erst kürzlich eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes vergewaltigt worden sein. Wir sind dem nachgegangen - dran war nichts.

Löwl: Bei dem Gerücht hieß es auch, die Quelle sei ein Frauenarzt. Doch keiner, den wir kontaktierten, wusste irgendetwas darüber. So ist es meistens bei Gerüchten. Irgendwer hat irgendwas gehört. Dran ist meistens überhaupt nichts, sobald man nachbohrt. Aber wenn wir konkrete Daten haben, wie: wer, wo und was, werden wir allen Anfragen nachgehen und gegebenenfalls handeln.

Gerücht: In Indersdorf werden immer wieder Frauen von Flüchtlingen belästigt.*

Kretz: Es gab einen einzigen Fall, bei dem ein stark alkoholisierter Asylbewerber mehrere Frauen sexuell belästigt hat. Sonst ist uns nichts bekannt. Wir haben sogar in der Presse einen Aufruf gestartet, dass sich Betroffene melden sollen. Doch es zeigte sich: Es bleibt bei der einen Belästigung. Und auch hier ist die Frage: Ist der Grund für die Straftat die Tatsache, dass der Mann betrunken war, oder dass es ein Asylbewerber ist.

Zusammen mit der Bundespolizei und dem Sicherheitsdienst zeigen wir gerade am Indersdorfer Bahnhof vermehrt Präsenz. Passiert ist nie etwas.

Gerücht: Die Polizei hat einen Maulkorb verpasst bekommen.*

Kretz: Für Bayern gibt es absolut keinen Maulkorb. Wir handeln bei Asylbewerbern genauso wie bei Deutschen. Kleinigkeiten melden wir nicht, Relevantes schon. Für kleine Ladendiebstähle von Deutschen interessiert sich auch niemand. Soll ich etwa jede Kleinigkeit melden, nur, weil sie ein Asylbewerber begangen hat?

Gerücht: Asylbewerber klauen, und denen passiert nichts.*

Kretz: Strafrecht ist Strafrecht. Jeder wird hier gleich behandelt. Auch Flüchtlinge müssen sich ganz normal vor dem Gesetz verantworten. Doch auch bei einem Deutschen wird das Verfahren meist eingestellt, wenn er zum ersten Mal etwa einen Kaugummi klaut.

Löwl: Straftaten haben jedoch bisher keine Auswirkungen auf das Asylverfahren.

Gerücht: Flüchtlinge sind Einbrecher.*

Kretz: Kein einziger der Einbrecher, den wir geschnappt haben, war ein Asylbewerber.

Gerücht: Asylbewerber werden häufiger straffällig.*

Kretz: Die Statistiken beweisen das Gegenteil. Prozentual gesehen werden Flüchtlinge nicht öfters straffällig als Deutsche. Zudem handelt es sich bei Asylbewerbern meist um Diebstähle oder Körperverletzungen. Die Männer müssen meist in größeren Unterkünften leben, in denen man leichter aneinander gerät. Übergriffe auf Deutsche gab es bisher bei uns keine. Mit der bedauerlichen Ausnahme von dem Vorfall in Indersdorf.

Gerücht: Frauen und Kinder sind in der Nähe von Asylbewerberunterkünften nicht sicher.*

Löwl: Es gibt keinen einzigen Vorfall, der diese Aussage rechtfertigt. Oft fühlen sich Einzelne plötzlich nicht mehr so sicher, nur weil ihnen eine Gruppe gegenübersteht.

Gerücht: Flüchtlinge werden bei der Vergabe von Sozialwohnungen bevorzugt:*

Reichelt: Es ist definitiv nicht so, dass sie bevorzugt werden. Es wird hier nach Dringlichkeit entschieden, und bei der gleichen Dringlichkeit zählt: Wer steht am längsten auf der Warteliste?

Löwl: Es gibt allerdings ein Wohnungspatenprojekt der Caritas, das sozial Schwachen generell bei der Wohnungssuche hilft. 2015 kamen mit dieser Unterstützung elf Asylbewerber zu einer Wohnung. Aber das Projekt unterstützt wie gesagt alle sozial Schwachen.

Gerücht: Flüchtlingskinder werden in Hort, Krippe und Kindergärten bevorzugt und bekommen die wenigen freien Plätze.*

Löwl: Das ist uns nicht bekannt, und überall dort, wo wir nachgefragt haben, ist es nicht so.

Zusammengefasst von Christiane Breitenberger

*Gerade in Sozialen Netzwerken kursieren immer wieder kuriose, böswillige und hetzerische Gerüchte zum Thema Flüchtlinge. Leider werden viele davon oft unkritisch geglaubt und ungefiltert weiterverbreitet. Die Erfahrung der Redakteure der Dachauer Nachrichten zeigt: Ein Gerücht kann gar nicht abwegig genug sein - es findet sich immer jemand, der ernsthaft glaubt, es sei wahr. Doch wir wollen helfen, diese Falschmeldungen endlich aus der Welt zu schaffen.

Deshalb haben wir im Vorfeld der Pressekonferenz dort nachgefragt, wo derzeit die meisten Gerüchte über Asylbewerber verbreitet werden: auf Facebook. Wir wollten von den Facebook-Freunden der Dachauer Nachrichten wissen: Über welche Gerüchte wollen Sie endlich Klarheit haben? All diese Fragen haben wir gestern den Ansprechpartnern gestellt und werden sie auf dieser Seite beantworten. Die Gerüchte, die wir für unsere Leser eingebracht haben, sind mit einem * gekennzeichnet. 

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