Erschreckende Zahlen

Senioren am Steuer: So könnte man Unfälle verhindern

Dachau - Obwohl im Alter Hörvermögen und Sehkraft abnehmen, wollen viele älteren Menschen weiterhin Autofahren. Das Unfallrisiko könnte aber einfach gesenkt werden.

Thea Zimmer war am Ende des Fahrtrainings erleichtert. Nach mehrstündigen Brems-, Park- und Reaktionsübungen hatte sie das Gefühl: „Ich kann’s noch!“ Die 80-jährige Dachauerin fühlt sich seitdem sicherer am Steuer - und sagt dennoch: „Wenn’s irgendwann nicht mehr geht, höre ich auf. Man tut sich ja selber keinen Gefallen.“

Zimmers Realismus ist leider die Ausnahme. Laut Unfallstatistik der Polizei Dachau steigt die Zahl an Unfällen, an denen ältere Autofahrer beteiligt waren beziehungsweise die sie verursacht hatten, stetig. Im Jahr 2010 waren 39 Autofahrer über 80 in einen Unfall verwickelt, bei 29 dieser Unfälle waren sie Verursacher. Ein Jahr später waren 63 über 80-Jährige an einem Unfall beteiligt, 43 verursachten sie. 2012 waren es schon 67 Unfallbeteiligungen, an denen 50 Mal die Senioren schuld waren. 2013 kletterte die Zahl auf 74 Unfälle, von denen 53 auf falsches Verhalten der betagten Fahrer zurückgehen.

Auffällig an den Zahlen: Während etwa die Altersgruppe der 30- bis 40-Jährigen im Schnitt nur an der Hälfte der Unfälle schuld war, an denen sie beteiligt war, ist das Verhältnis bei den über 80-Jährigen weit einseitiger. Anders formuliert: Wenn ein Senior in einen Autofall verwickelt ist, dann hat er ihn in den meisten Fällen auch selbst verursacht.

„Meist passieren die Unfälle bei Spurwechseln, beim Ein- und Ausparken oder weil die Vorfahrt übersehen wurde“, erklärt Richard Wacht, Verkehrssachbearbeiter der Polizeiinspektion Dachau. Hinzu komme, vor allem bei Frauen, Unsicherheit: „Wenn der Mann stirbt oder krank wird, muss plötzlich die Frau fahren. Und das, obwohl sie jahrzehntelang so gut wie nie hinterm Steuer saß.“

Oft sind Senioren auch Geisterfahrer auf der Autobahn. Auf der A 8 und A 99 gab es 2014 unter anderem diese Fälle: Im Mai hatte sich eine a86-jährige Frau verfahren. Sie merkte auch nicht, dass sie als Geisterfahrerin auf der A8 unterwegs war - bis die Polizei sie mit einer Straßensperre stoppte. Im November war ein 77 Jahre alter Mann auf der A99 auf der falschen Fahrbahnseite unterwegs - und ließ sich auch durch die Polizei zunächst nicht aufhalten. Er zwang mehrere Autos zu Ausweichmanövern, ein Autofahrer wurde verletzt.

Bei der Führerscheinstelle im Landratsamt häufen sich die Meldungen über vermeintlich verkehrsgefährdende Renter. „Gut 30 bis 40 Meldungen im Jahr gehen von der Polizei ein“, sagt Leiter Günther Wellmann. Darüber hinaus meldeten sich immer öfter Angehörige, die - mit der Bitte um Anonymität - darum bitten, dem Opa oder Vater den Führerschein zu nehmen. Im Regelfall bittet Wellmann die Rentner zu sich ins Büro. „Ich habe 23 Jahre Berufserfahrung. Ich denke, ich kann gut einschätzen, ob einer noch fahren kann oder nicht.“ Sei der Fall eindeutig, versuche er die Betroffenen zu überreden, ihr Auto künftig stehen zu lassen. Andere schickt er zum Gesundheitscheck oder empfiehlt Fahrtrainings. Das Problem: „Die Personengruppe, die solche Tests am nötigsten hat, lehnt sie im Regelfall ab.“

Ähnlich sieht es auch Verena Fleischmann von der gleichnamigen Fahrschule: Dabei sei „Hilfe holen eine Stärke.“ Sie bietet mit ihrem Mann ein Programm für Senioren an: Während ihr Mann in Fahrstunden die Praxis auffrischt, stellt sie ein individuelles Gedächtniscoaching zusammen. Auch Stefan Geschwendtner von der Fahrschule Eder ist auf die Klientel Rentner eingestellt. Eine ältere Dame etwa, deren Leidenschaft das Wandern ist, lässt sich vor längeren Fahrten von ihm beraten und auf die Tücken der Strecke hinweisen. Andere buchen einfache Fahrstunden, zum Preis von 38 Euro. „Meist reichen zwei Doppelstunden. Dann kann man absehen, ob man verkehrsfit ist oder es nichts mehr bringt.“

Während in nahezu allen EU-Ländern die Fahrtauglichkeitsprüfungen vorgeschrieben sind, gibt es diese Regelung in Deutschland nicht - sehr zum Leidwesen von Experten. Solange bleibt Polizisten wie Richard Wacht nichts anderes, als die Senioren zu bitten: „Seien Sie realistisch und fragen Sie Ihren Arzt, ob sie noch Autofahren sollen.

Stefanie Zipfer

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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