Nicht nur bei dieser Wirtshausszene spielten sich die Darsteller des „Paschkalini“ die Seele aus dem Leib. Foto: Kramer

Sogar der Tote hielt dicht

Altomünster - „Paschkalini oder die Wurzeln des Kneißl“: Brillante Freiluftaufführung der Theaterfreunde Altomünster.

Wer erschoss Johann Baptist Pascolini? Wer tötete den berüchtigten Dieb und gefürchteten Räuber? War es ein Racheakt oder ein Unfall? Die Theaterfreunde Altomünster haben sich eines historischen Kriminalfalls angenommen, der hier vor 140 Jahren über die Bühne ging. Autor und Regisseur Wolfgang Henkel hat daraus eine gleichermaßen unterhaltende wie berührende Szenenfolge gestrickt, in der nicht nur die Wurzeln des Kneißl ausgegraben werden.

Es ist kein klassischer Tatort-Krimi, bei dem nach 90 Minuten ein Täter präsentiert wird. Dafür zeigt der untersuchende Münchner Kommissar Lugmair (autoritär wie sonst nur Regisseure: Wolfgang Henkel) zu wenig Engagement. Und die Beteiligten vor Ort haben auch kein rechtes Interesse an der Aufklärung. Selbst der Gendamerie-Hauptmann (schlitzohrig-naiv: Markus Schury) drängt den Kriminalisten aus der Hauptstadt, den Fall zu den Akten zu legen. Es wird geschwiegen im Dorf, wenn krumme Dinge geschehen. Zumindest gegenüber Fremden und gegenüber der Staatsmacht allemal.

Selbst der Pfarrer (salbungsvoll wie aus dem Bilderbuch: Anton Wiedemann) spricht dieser „Omerta“ das Wort und lobt den Toten, der seinen Mörder nicht „wie ein Judas“ preisgegeben hat. Eine historisch verbürgte Formulierung übrigens.

Das Schweigen im Dorfe - ein Szenario, das manchem bis vor kurzem noch sehr vertraut war. Henkel geht es beileibe nicht um die Verklärung einer guten alten Zeit, wie wir sie aus dem Königlich-Bayerischen Amtsgericht kennen. Die von ihm geschilderte Welt ist schon aus den Fugen geraten: Zuwanderung schafft Außenseiter, wie die Familie Pascolini erfahren muss. Konkurrenz belebt nicht das Geschäft, sondern wird mit allen unfairen Mitteln ausgetragen - wie der Bösewicht des Stücks, der Unterweikertshofer Unterwirt (ein hinreißendes Ekelpaket: Alto Oswald) eindrucksvoll aufzeigt. Die Staatsgewalt beherrscht bestenfalls das Überwachen und Strafen.

Soweit, so deprimierend, könnte man meinen. Doch wir sind hier nicht beim Kleinen Fernsehspiel gelandet, sondern in einer Freilicht-Aufführung der Theaterfreunde Altomüster, die seit 25 Jahren wissen, wie sie ihr Publikum packen müssen. Zu allererst durch Wortwitz, Situationskomik und Charaktere: ob Michael Heine als bauernschlauer Pferdehändler, Publikumsliebling Norbert Rogge als Schäfer, Gisela Huber als spitzzüngige Nachbarin oder Marcus Gottfried als radebrechender Ganove und Pointenbringer - jede der Rollen lebt, jede Figur ist farbig.

Das gilt besonders für die beiden Hauptdarsteller: Thomas Koppold (Paschkalini) und Stephanie Kreppold (seine Schwester Therese, die Mutter des Matthias Kneißl). „Du hast keine Chance, also nutze sie“, heißt es bei Achternbusch. Und genauso spielen die beiden. Lebensfroh und verzweifelt, berührend und bedrückend.

Man muss nicht zum Münchner Volkstheater fahren, um junge Schauspieler zu sehen, die sich die Seele aus dem Leib spielen. Es reicht schon eine Fahrt nach Altomünster.

Bilder aus "Sogar der Tote hielt dicht"

Bilder aus "Sogar der Tote hielt dicht"

(kra)

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