Dem Staatsanwalt fehlten die Beinchen

Karlsfeld - Nachbarschaftsquerelen treiben mitunter seltsame Blüten - so auch in einer Eigentümergemeinschaft in Karlsfeld. Dort fühlte sich ein 75-Jähriger von einem Bäcker gestört. Der Fall ging nun bis vor das Landgericht.

Schon lange hatte sich der Mann über den in seinem Haus befindlichen Bäcker ärgern müssen: Erst hatten ihn die ständigen Mehllieferungen in der Nacht kaum durchschlafen lassen. Dann war, nachdem der Bäcker im Garten einen Brunnen gegraben hatte, aus seiner Wasserleitung nur noch warmes, stinkendes, grünes Wasser gekommen. Und als der 75-Jährige dann in der Mehlkammer noch Mäuse, Schaben und anderes Ungeziefer entdeckte, war das Maß voll: Er alarmierte das Landratsamt.

Vier Mal inspizierte die Behörde daraufhin die Bäckerei - ohne jeglichen Befund. Dafür gab es für den Rentner eine Strafanzeige wegen übler Nachrede. Heuer im April hatte ihn das Amtsgericht Dachau bereits zu einer Geldstrafe von 1400 Euro verurteilt. Dagegen legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Ihr war die Strafe zu gering.

Als besonders verwerflich befand die Vorsitzende Richterin Michaela Welnhofer-Zeitler gestern das Vorgehen des Angeklagten, seine nicht nachgewiesenen Vorwürfe publik zu machen. Auch ein Mitarbeiter der Dachauer Nachrichten war über die Vorgänge informiert worden. „Vor dem Hintergrund des Schädlingsbefall von Großbäckereien hätte sich die Presse begierig darauf stürzen können“, sagte die Richterin. „Dann wäre die Existenz des Bäckers vernichtet gewesen.“

Das sah der Angeklagte nur bedingt ein. Er habe doch tatsächlich Ungeziefer gesehen! „In erster Insanz haben Sie ja auch schon ein Tier vorgeführt“, entnahm die Richterin den Akten. Gestern hatte der Angeklagte erneut ein Bild vom angeblichen Schabenbefall mitgebracht. Der Staatsanwalt konnte aber nur braune Flecken erkennen; ihm fehlten die „Beinchen“.

Am Ende erklärte sich der einstige Polier bereit, nichts mehr gegen seinen Nachbarn zu unternehmen. Der Staatsanwalt nahm daraufhin die Berufung zurück.

Angela Walser

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