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Er will das BRK wieder beliebt machen: Geschäftsführer Paul Polyfka in seinem Büro mit seinem Berner Sennenhündin Panda (die ehrenamtlich Freude verbreitet).

BRK sucht Spender

Das Rote Kreuz hofft auf Rettung

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Das BRK verliert konstant seine alten Fördermitglieder: Etwa 700, jedes Jahr. Deshalb müssen neue her – eine junge Generation. Doch die hat wenig Bezug zum Roten Kreuz. Geschäftsführer Paul Polyfka will das nun ändern.

In der „Tropfsteinhöhle“, dem Gerätehaus, kann man es besonders gut sehen: Das Dachauer BRK ist sparsam. Nein, es muss sparsam sein, weil es wenig Geld hat. Und deshalb tropft es im Gerätehaus von der Decke, durch die Dämmung, auf den Boden, in eine imposante Pfütze. Die Geräte und Fahrzeuge stehen glücklicherweise daneben, im Trockenen. Das Sanieren wäre „ziemlich teuer“, sagt der Geschäftsführer Paul Polyfka. Also: Bleibt die Tropfsteinhöhle erst einmal so, wie sie ist.

Denn das BRK hat wenig Geld. Und es wird immer weniger, weil ihm Fördermitglieder verloren gehen. Also heißt es: Neue Spender finden. Doch das ist gar nicht so einfach. Das Rote Kreuz ist irgendwie nicht mehr „in“. Die Fördermitglieder sind alt, sehr alt, „der Durchschnitt wahrscheinlich jenseits der 70“, sagt Polyfka. Also gehen dem BRK Dachau jedes Jahr etliche Mitglieder verloren, weil sie sich die Fördermitgliedschaft im Alter nicht mehr leisten können – oder weil sie sterben. Etwa 700 Mitglieder verliert das BRK jährlich, schätzt Polyfka. Und neue, junge Fördermitglieder? Kommen nicht von selbst. Die muss man holen.

Das versucht Polyfka jetzt. Er ist beim BRK seit er elf Jahre alt ist. Er weiß, was die Organisation macht. Und kann. Seit vergangenen März ist er Chef in Dachau. Und sucht hier neue Wege. Er hat eine Agentur beauftragt, die die Landkreisbürger durchtelefoniert. Die mal anfragt, ob man sich vorstellen kann, Mitglied zu werden. Gemeinnützige Verbände dürfen das – im Gegensatz zu gewerblichen Anbietern. Etwa 15 neue Mitglieder pro Woche bekommt das BRK dadurch. Keine schlechte Zahl. Aber ob das genügt?

Früher sind die BRKler noch von Haus zu Haus gegangen und haben geklingelt. Das hat Polyfka aber abgeschafft. „Das will ich so nicht mehr verfolgen“, sagt er. Es sei nicht mehr zeitgemäß, einfach bei fremden Leuten zu klingeln: „Man kommt immer im falschen Augenblick.“ Am Telefon kann man zumindest zurückrufen – oder einfach wieder auflegen. Die ganze Aktion ist trotzdem eine Gratwanderung: „Man will die Menschen ja nicht belästigen“, seufzt Polyfka. „Aber wir sind zwingend auf das Geld angewiesen.“

Doch das wissen nur wenige. Das hartnäckigste Argument, das Polyfka immer wieder begegnet, ist: „Ihr werdet doch sowieso voll refinanziert“, durch Zuschüsse vom Staat. Das stimmt aber nicht, „überhaupt nicht“, sagt Polyfka. Es gibt Bereiche, die etwa zu 95 Prozent refinanziert werden, wie der Rettungsdienst, oder die Katastrophenschutzstruktur (siehe Kasten unten). Aber es gibt so viele andere Bereiche, die die Spenden unbedingt brauchen, wie die Seniorenbetreuung oder die Tafel. Doch es gibt nur noch so wenige Menschen, die ohne zu zögern spenden.

„Das ist auch in Ordnung“, sagt Polyfka. „Ich mach’ da niemandem einen Vorwurf.“ Die „Grundhaltung“ habe sich eben verändert. Früher, da war es selbstverständlich, dem BRK zu helfen – sobald man konnte. Denn viele hatten selbst die Hilfe des Roten Kreuz in Anspruch genommen. In Zeiten von Kriegen und Krisen war das Rote Kreuz das „Zeichen der Hoffnung“, etwa in der Nachkriegszeit, mit Suppenküchen, Gulaschkanonen – und dem Suchdienst. Eine „Kernaufgabe“ des BRK, sagt Polyfka, und in Nachkriegszeiten stark gefragt: Verschollene Väter, Söhne in Kriegsgefangenschaft wurden gesucht.

Dass dieser Dienst auch heute noch in Anspruch genommen wird, wissen wenige. Doch das wird er: Wenn Menschen trotz der neuesten Technik, wie Handy und Internet, Teile ihrer Familie nicht mehr finden, nach einer langen Flucht, etwa, oder nach einer großen Naturkatastrophe. 2004, nach dem Tsunami, half das BRK Dachauer Familien, herauszufinden, ob ihre Angehörigen, die zu der Zeit in Thailand Urlaub machten, überlebt hatten.

Doch auch dieser Bereich ist nur ein winziger Teil. Das BRK tut so viel mehr. Polyfka seufzt. „Heute ist man als Normalbürger in vielen Bereichen auf uns angewiesen“, betont Polyfka. „Man spürt es nur nicht mehr so deutlich wie früher.“ Im Sommer am Badesee – sitzt die Wasserwacht am Ufer. Beim Dachauer Volksfest – stehen die Rettungssanitäter am Rand. Oder auch jetzt, im Fasching, betont Polyfka: „Wenn jemand umkippt, dann steht das BRK mit einer hochkompetenten Mannschaft bereit.“ Und ja, der Einsatz an sich wird vom Veranstalter bezahlt, „zu den Selbstkosten“, so Polyfka, doch dann ist nur dieser eine Tag, dieser eine Einsatz, finanziert. Die ganze Einheit bereit zu stellen, kostet aber viel mehr: die Hallen, die Fahrzeuge, das Heim, die Kleidung, die Verwaltung – und die Ausbildung natürlich. „Man wacht ja nicht morgens auf und sagt: Ab heute bin ich Rettungsschwimmer.“

All das muss Polyfka den jungen Menschen irgendwie näher bringen. Ihnen etwa auf Facebook, in den sozialen Medien, zeigen, was die Menschen beim BRK tun. Dass sie sympathisch sind. Dass fast jeder mal ihre Hilfe braucht. Und dass sie wiederum Spenden brauchen. Damit das Rote Kreuz nicht irgendwann ganz schließen muss.

Ende Januar schließt bereits ein Bereich: die ambulante Pflege. Aus personellen und aus wirtschaftlichen Gründen. Denn in diesem Bereich hat das BRK, wie auch beim betreuten Fahrdienst, extreme Konkurrenz. Es ist schwierig, da mitzuhalten: Das BRK will ein guter Arbeitgeber sein und zahlt nach Tarif – andere nur den Mindestlohn. Gleichzeitig will das BRK in diesen Bereichen auf die schwarze Null kommen, damit sie sich selbst tragen und nicht auf die Spenden angewiesen sind. Gewinn machen will das Rote Kreuz aber nicht – das ist der Unterschied zu gewerblichen Anbietern. Das BRK lässt aber „niemanden im Stich“, betont Polyfka, die Pflege-Patienten konnten woanders untergebracht werden, wie auch die Mitarbeiter. Vielleicht wird er das Thema irgendwann mal wieder angehen, in ein paar Jahren.

Doch erst einmal muss sich Polyfka um „viele andere Baustellen“ kümmern. Er hat die Haushaltsplanung verbessert, sich die Strukturen angeschaut. Elf Mitarbeiter gibt es nun in der Verwaltung, damit ist Polyfka zufrieden. Er hat sogar einen neu eingestellt: „Um das Ehrenamt glücklich zu machen.“ Er soll dafür sorgen, dass jeder, der daran interessiert ist, zu helfen, dort unterkommt, wo er sich wohl fühlt. Wenn nötig, auch bei einer anderen Organisation: „Da, wo er am besten wirken kann“, sagt Polyfka. Damit der Helfer zufrieden ist. Und die Organisation.

Vielleicht taucht ja demnächst sogar einer auf, der Tropfsteinhöhlen reparieren kann.

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