Zeitzeuge, Arzt und Künstler war Dr. Martin Kieselstein (r.), hier mit Sohn Eytan (M.) und Pfarrer Björn Mensing anlässlich des Jahrestags der Novemberpogrome im Jahr 2006 im Dachauer Schloss. Foto: kn

Trauer um einen großen Menschenfreund

Dachau - Der Zeitzeuge, Arzt und Künstler Martin Kieselstein ist in Jerusalem gestorben. Seine Bilder über die KZ-Haft in Auschwitz, München-Allach und Dachau haben Menschen in aller Welt beeindruckt.

Wie die Evangelische Versöhnungskirche von seiner Familie erfuhr, ist Dr. Martin Kieselstein vergangene Woche im Alter von 89 Jahren in Jerusalem gestorben. Martin Kieselstein wird am 3. November 1925 als erstes Kind einer wohlsituierten jüdischen Kaufmannsfamilie in Marosvásárhely/Siebenbürgen geboren. Mit der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 beginnt für Martin, dessen Eltern und jüngere Schwester eine Zeit schwerster Leiden.

Martin wird mit seiner Familie in ein Sammellager verschleppt und von dort im Mai 1944 in Viehwaggons ins KZ Auschwitz gebracht. An der Rampe trennen SS-Leute die Familie - Mutter und Schwester hat Martin nie wiedergesehen. Mit seinem Vater wird er einige Tage später zur Zwangsarbeit nach Dachau abtransportiert. Zunächst werden beide im Außenlager Rothschwaige - vermutlich unweit der heutigen Dachauer Flüchtlingsunterkunft in der Kufsteiner Straße zu lokalisieren - in Baracken einquartiert.

Bald darauf werden Vater und Sohn ins große Außenlager München-Allach verlegt - Spuren davon finden sich heute noch in München-Ludwigsfeld. Martin hat Glück im Unglück: Er wird in einer Großküche der Organisation Todt im Zieglerbräu in Dachaus Altstadt eingesetzt. Nach einem vermeintlichen Fehlverhalten wird er geschlagen und muss in Allach im berüchtigten Baukommando Zementsäcke schleppen. Doch wenig später fordert ihn die Küche wieder an. Martin und sein Vater werden ins Stammlager nach Dachau verlegt.

Ende April 1945 kommt er auf dem Todesmarsch in der Nähe von Seefeld/Tirol frei. Nach einigen Monaten der Erholung im DP-Lager Feldafing kehrt er mit seinem Vater nach Siebenbürgen zurück, das nun wieder ganz zu Rumänien gehört.

Seit 1959 lebte Martin Kieselstein als Arzt in Jerusalem, wo er weit über seine Pensionierung hinaus kranke Shoah-Überlebende betreute. 1997 erhielt er dafür eine der höchsten Auszeichnungen, die die Stadt Jerusalem verleiht. Im Ruhestand begann Martin Kieselstein seine Erinnerungen an die schreckliche Zeit in Auschwitz, Allach und Dachau, aber auch seinen Glauben und seine Hoffnungen in Bildern und Skulpturen auszudrücken.

Seine Werke führten ihn zurück nach Dachau, wohin er 2006 zur Vernissage in der Versöhnungskirche anreiste und wo er als Zeitzeuge bei der Gedenkfeier für die Opfer der Pogromnacht im Rathaus sprach. In den folgenden Jahren wurden seine Werke an vielen Orten in Deutschland und mehreren anderen Ländern gezeigt. Zum 65. Jahrestag seiner Befreiung war Martin Kieselstein 2010 zum letzten Mal in Dachau.

Die Versöhnungskirche trauert mit seiner Witwe Eva, seinen beiden Söhnen und den sechs Enkelkindern um diesen großen Menschenfreund und erinnert im Gottesdienst am Sonntag um 11 Uhr an Kieselsteins Leben und Werk. dn

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