Am Feierabend: Erst Arzteinsatz, dann Stau bei der S-Bahn 

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Ein Zimmer im Lagerbordell des KZ Buchenwald. An der Wand hängt das Bild eines deutschen Schäferhundes.

Verfluchte Stunden im KZ-Bordell

Dachau - Der perverse Plan kam von Heinrich Himmler: Der SS-Führer ließ in den Lagern Bordelle bauen. Die Frauen waren als Anreiz für fleißige KZ-Häftlinge gedacht. Die weiblichen Opfer werden nur langsam der Vergessenheit entrissen. In der Gedenkstätte Dachau stehen sie noch im Abseits.

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Magdalena wartet auf dem schmalen Bett, wie jeden Abend. Sie wartet auf die verfluchten zwei Stunden. Fahles Licht fällt ins Zimmer, die Blumen auf dem Nachttisch werfen lange Schatten. Es ist sieben Uhr abends, KZ Buchenwald. Magdalena wartet im Lagerbordell, davor eine Gruppe männlicher Häftlinge, exakt aufgereiht. Dann hört Magdalena, wie die Männer hineingeführt werden. Ein SSMann reißt die Tür auf, schubst einen Häftling ins Zimmer und sperrt ab. Das Warten auf die verfluchten Stunden ist zu Ende. Das Grauen beginnt.

Magdalena ist Sex-Zwangsarbeiterin, eine von mehreren Hundert, die in den Lagerbordellen anschaffen mussten – für die Nazis. 174 der Frauen sind namentlich bekannt, vermutlich waren es viel mehr. Frauenbordelle gab es in zehn großen Konzentrationslagern wie Dachau und Auschwitz, errichtet haben sie die Nazis 1942 bis 1945. Die Baracken kamen von einer arisierten Holz-Firma in Weilheim: Wehoba hieß sie, davor „Deinhauswerk“. Die Frauen waren gedacht als Anreiz für die Häftlinge, mehr zu arbeiten: Sex für Höchstleistung. Fleißigen KZ-Häftlingen winkte ein Prämienschein, mit dem Zigaretten und Essen gekauft werden konnten – oder Frauen. Die Idee entstand im Kopf von Heinrich Himmler, Chef der SS, die auch die Lager verwaltete.

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Am 23. März 1942 schrieb Himmler in einem Brief: „Für notwendig halte ich, daß in der freiesten Form den fleißig arbeitenden Gefangenen Weiber in Bordellen zugeführt werden.“ Frauen waren für ihn „Antriebsmittel“, um Häftlinge in den Steinbrüchen und NS-Betrieben härter schuften zu lassen.

Robert Sommer hat knapp zehn Jahre an seinem Buch "Das KZ-Bordell" gearbeitet.

Der Bordellbesuch sollte, so Himmler, „nur den Spitzenkräften als besondere Belohnung“ ermöglicht werden. Es waren Kapos, Blockschreiber, Blockälteste, die Handlanger der SS also, die den Betrieb am Laufen hielten. Einige von ihnen gingen zu Magdalena.
Magdalenas Albtraum beginnt im Juli 1943. Sie steht mit anderen Frauen in einem Raum des Frauen-KZ Ravensbrück, vor ihnen steht der Lagerarzt. „Das Gerippe wollen Sie auch mitnehmen?“, fragt er den Mann neben sich. Es ist der Kommandant vom KZ Buchenwald. Der blickt an Magdalena herab, splitternackt ist sie. Dann sagt er: „Die ist gut gebaut, die füttern wir schon wieder zurecht.“ Die selektierten Frauen werden in einen Waggon verladen.

Stunden später stehen sie in einem Raum im KZ Buchenwald. Eine Lageraufseherin sagt ihnen: „Ihr seid jetzt in einem Häftlingsbordell. Ihr bekommt gut zu essen und zu trinken. Wenn ihr euch fügt, wird euch nichts passieren.“ Dann weist sie den Frauen Zimmer zu, Magdalena die Nummer 13. Eine Woche später wird das Bordell eröffnet. Schon am ersten Abend kamen sechs Männer in ihr Zimmer. Name für Name steht auf dem „Abrechnungsbogen“ von Magdalena, den der Forscher Robert Sommer im Archiv fand (siehe Interview).

Zehn Jahre lang wälzte er Akten, in denen das Schicksal der Frauen verzeichnet war, mit der typischen Nazi-Gründlichkeit. Akribischnotierten sie jeden Freier, die Fehltage der Zwangsprostituierten, die Arztbesuche.

Was Magdalena zu ertragen hatte, steht in keinem Dokument. „Wir mussten jeden Abend die Männer über uns rübersteigen lassen, innerhalb von zwei Stunden. Rein, rauf, runter, raus. Dann kam gleich der nächste. Am laufenden Band. Und die hatten nicht länger wie eine Viertelstunde.“ So hat sie es vor einigen Jahren einer Historikerin erzählt.

Bordellbesuch: Erlaubt war nur die Missionarsstellung

Auch für den Bordellbesuch gab es strenge Vorschriften. Erlaubt war nur die Missionarsstellung, das wurde am Türspion überwacht. „Die SS-Führer schauten dem Koitierenden oft zu und stießen mit den Stiefeln an die Tür, wenn es ihnen zu lange dauerte“, erzählte ein Dachauer Häftling. Die Nazis achteten auf strikte „Rassentrennung“. Juden und Russen war das Bordell untersagt. Einen Prämienschein über zwei Reichsmark mussten Freier im Bordell hinlegen, das war billiger als 20 Zigaretten.

Die Frauen sahen kein Geld, doch das Bordell war auch eine Chance: Es half ihnen zu überleben. Weil sie aus den Arbeitslagern herauskamen, die den Tod bedeutet hätten.

Im Interview sprach der NS-Forscher über die psychische Belastung während dieser Zeit.

Himmlers Plan, mit Bordell- Prämien die Produktivität der Häftlinge zu steigern, ging nicht auf. Nur wenige Besucher kamen. Der größte Teil der Häftlinge kämpfte ums nackte Überleben. „Die Masse hier hat nur eine Sehnsucht, und das ist: fressen, fressen, fressen“, erzählte ein früherer Häftling. Die meisten Männer waren schlicht nicht in der Lage, mit einer Frau zu schlafen. Einige Gruppen wie die politischen Häftlinge in Dachau boykottierten das Bordell. Geistliche wie Häftling K. A. Gross liefen in Dachau gegen die „Filiale der Hölle“ Sturm.

Doch es gab privilegierte Insassen, die ins Bordell gingen. „Neben den Tausenden von Jammergestalten, die immer auf der Grenzlinie zwischen Leben und Tod wandelten, gab es kraftstrotzende Gestalten genug, die zu allem Überfluss hinzu noch die Sexualprotzen spielten“, erzählt der frühere Monowitz-Häftling Fredi Diament. Der Dachauer Kapo Wilhelm Scholz stolzierte in einem extra auf die Taille geschnittenen Anzug ins Lagerpuff.

Manche Häftlinge wollten nur reden

Manche Häftlinge wollten dagegen nur mit den Frauen reden. Für sie waren sie Seelentröster. Ein Ex-Häftling sagte in einem Interview, dass es für ihn bei seinem einzigen Bordellbesuch unmöglich war, Sex zu haben. „So haben wir uns an den Rand gesetzt und 15 Minuten miteinander gesprochen oder geschwiegen.“

Im Block 170a (links) des KZ Dachau befand sich bis Ende 1944 das Lagerbordell.

Die KZ-Gedenkstätten haben das Thema „Lagerbordell“ ausgeklammert. Sommer stieß auf Akten mit Sperrvermerken. Nach dem Krieg passten Themen wie Zwangsprostitution oder sexuelle Gewalt nicht in den Erinnerungsdiskurs. Das ist zum Teil noch heute so. In der Gedenkstätte Dachau wird das Bordell bei Führungen nicht erwähnt. In den Räumen des Besuchermuseums stehen viele weißgraue Infotafeln. Nur auf einer Tafel, die dem Widerstand im Lager gewidmet ist, wird nebenbei das Bordell erwähnt – die Opfergruppe der Zwangsprostituierten nirgends.

Dabei mussten 19 Frauen im KZ Dachau anschaffen, im Sonderbau zwischen Desinfektionsbaracke und Gärtnerei, von April bis Dezember 1944. Allein am 24. Oktober 1944 besuchten 76 Häftlinge die „Baracke 170a“, fand Sommer heraus.

„Bei Führungen brauchen wir Antworten, die schnell zu vermitteln sind“, erklärt die Dachauer Gedenkstätten-Leiterin Gabriele Hammermann. Sie befürchtet, dass eine oberflächliche Erwähnung der Lagerbordelle das Leiden der Häftlinge verharmlosen könnte. Für so ein komplexes Thema reiche eine einzelne Tafel nicht aus, sagt Hammermann. „Uns geht es nicht darum, etwas bewusst zu verschweigen, sondern darum, dass auch ein uninformierter Besucher das Thema einordnen kann“, betont sie. Die Verknüpfung von Sexualität und Faschismus schaffe immer Voyeurismus. „So etwas wollen wir hier nicht forcieren.“ In einer Ausstellung oder in einem Vortrag könne man das Thema aufgreifen, sagt Hammermann. Konkrete Pläne hat sie noch nicht.

Andere Gedenkstätten sind Dachau weit voraus. Ravensbrück oder Mauthausen hatten bereits ihre Ausstellungen.

Magdalena hat die NS-Herrschaft überlebt. 17 Monate lang musste sie im Lagerbordell Buchenwald anschaffen. Sie hatte keinerlei Unterstützung von außerhalb des Lagers. Als ein Lager-Gefährte ein Weihnachtspaket seiner Mutter erhielt, ertrug sie das nicht. Aus Verzweiflung schnitt sich Magdalena die Pulsadern auf. Für ihren Selbstmordversuch bekam sie zwei Wochen Bunkerhaft.

1944 kam Magdalena aus dem Lagerbordell frei. Nach dem Krieg hat sie kaum über diese Zeit gesprochen. Entschädigt wurde sie nie, ebenso wenig die anderen Zwangsprostituierten. Heute kann Magdalena niemandem mehr von ihrem Schicksal erzählen. Sie ist inzwischen gestorben.

von Christoph Seidl

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