Solly Ganor erschütterte mit seinen Erlebnissen. Rechts Gabriele Hammermann von der KZ-Gedenkstätte. Foto: kwo

Versprechen nach Jahrzehnten eingelöst

Dachau - Der Flug von Israel nach Deutschland dauert vier Stunden. Für Solly Ganor aber waren es 65 Jahre, die er zurückreisen musste – in eine Zeit, die er als KZ-Häftling erlebt hatte.

Es war nicht seine erste Reise in die Vergangenheit. Denn Solly Ganor hat ein Versprechen zu erfüllen.

Dieses Versprechen hat Ganor vor rund 65 Jahren gegeben. Sich selbst und seinen Freunden. Beim Einmarsch der Deutschen in seine Heimat Litauen war der jüdischeBub 13 Jahre alt. Er und seine Freunde wussten, dass sie nur eine kleine Chance hatten, zu überleben. Deshalb versprachen sie sich, dass jeder, der am Leben bleibt, die Geschichten der anderen erzählen wird. Solly Ganor war der Einzige von ihnen, der den NS-Terror überlebte. Sein Versprechen hat er gehalten.

Während der Zeit im Ghetto und in Konzentrationslagern schrieb er heimlich Tagebuch. Doch dann dauerte es 50 Jahre, bis er es schaffte, über seine Erinnerungen zu sprechen. Heute ist Solly Ganor Buchautor, hält Vorträge in Schulen und ist bei Gedenkveranstaltungen in Ländern auf der ganzen Welt zu Gast, um die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wach zu halten. Zum Holocaustgedenktag kam er ins Ludwig-Thoma-Haus nach Dachau.

Es sind viele kleine, erschütternde Episoden, die Ganor erzählen kann, wenn er gefragt wird, wie er als Jude den Holocaust überlebt hat. Viele Bilder haben sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt. Zum Beispiel die Szene, als er im Konzentrationslager Stutthof ankam. Ein Häftling trug einen vollen Teller Suppe über den Platz. Weil er zu nah an das Tor herankam, schoss ein Wächter ohne Vorwarnung auf ihn. Der Mann fiel auf die Knie und begann die Suppe auszutrinken. Dann ein zweiter Schuss, direkt in den Kopf. Der Häftling sackte tot zusammen. „Aber von der Suppe war kein Tropfen mehr in der Schüssel.“ Das war damals der Moment in dem Solly Ganor begriff, dass seine schlimmsten Erwartungen weit hinter der Wirklichkeit zurückblieben.

Solly Ganor musste noch ein weiteres KZ und einen Todesmarsch überstehen, bevor er und die anderen Häftlinge von den Amerikanern befreit wurden. Er wanderte nach Israel aus, wollte nie wieder nach Deutschland zurück. „Dachau war für mich die Quelle des Unheils“, erinnert er sich. Er sprach lange Zeit überhaupt nicht über das, was er erlebt hatte, schaffte es nicht, seine Aufzeichnungen durchzulesen. Sogar seine Ehefrau erfuhr erst in den 60er Jahren zufällig von seiner Vergangenheit. Erst auf die Einladung eines Gautinger Bürgermeisters kam er zurück – und löste sein Versprechen ein.

Inzwischen hat Solly Ganor all die kleinen Episoden und Lebensgeschichten in einem Buch festgehalten. Er hat es „Das andere Leben“ genannt. Die gleichnamige Ausstellung zeigt Bilder des jüdischen Fotografen George Kadish und ist noch bis 22. Februar im Münchner Gasteig zu sehen. Darunter ist auch ein Foto, das zwei Kinder zeigt, die im Sand spielen. Für Ganor ein besonderes Bild. Er kannte die Kinder, weiß, dass beide zwei Tage später von den Nazis ermordet wurden. Zwei Menschen, an die der 81-Jährige erinnern will. Er hat es versprochen. (kwo)

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