Wählerfreier Wahlkampf der Freien Wähler

Dachau - Beim Wahlkampfauftritt der Freien Wähler Dachau versammelten sich viele prominente Köpfe. Vermisst wurde indes der Wähler - und die Kandidaten des Landkreises.

Der Star des Abends hieß Christian Hanika. Er ist der Chef der Jungen Freien Wähler in Bayern und führt die Liste der FW-Bundestagskandidaten im Freistaat an. Markus Erhorn, der Dachauer Vize-Chef der JFW, begrüßte den 27-Jährigen überschwänglich: „Seitdem Du das Ruder in der Hand hast, geht was voran.“

Was Erhorn meinte, konnte man in Hanikas anschließender Wahlrede hautnah miterleben: Der gebürtige Bad Abbacher (bei Kehlheim) wirkt für Nicht-Niederbayern wie ein Hubert Aiwanger auf Speed: ähnliche Sprachfärbung („Göid“ für „Geld“), nur doppeltes Tempo. Was schon etwas heißt, denn auch der FW-Chef kann ganz schön ins Rattern kommen, wenn er mal in Fahrt ist. Doch Hanika ist schneller. Was möglicherweise an seinem neuen Hauptberuf liegt: Der gelernte Mechatronik- und Elektrotechnik-Meister arbeitet seit einiger Zeit als Hochzeits-DJ. Und tatsächlich erinnert er ein wenig an die alten Hochzeitslader, nur in einem neuen Gewand: flink mit der Zunge, um einen flotten Spruch nicht verlegen - auf seiner Homepage nennt er sich „Der Unikator“.

Indes es fehlte ihm an Publikum: Gerade einmal 35 Personen verloren sich im Saal des Drei Rosen. Ausschließlich Kandidaten und Funktionsträger der Freien Wähler in der Großen Kreisstadt und im Land (siehe Kasten). „350 Einladungen haben wir verschickt“, zuckte Sebastian Leiß, der JFW-Pressesprecher, ein wenig hilflos die Schultern. Stadtrat Edgar Forster, in 40 Polit-Jahren und verschiedenen Parteien gestählt, nahm die Sache nicht tragisch: „So ist das nun mal in der heutigen Zeit.“

Zurück zu Hanika: Inhaltlich bot der junge Mann wenig Neues. Der Bürger im Mittelpunkt, pro erneuerbare Energien, contra Dritte Startbahn. Bei der Eurokrise liegt er auf Aiwangers Linie: „Europa ja, aber Euro nicht um jeden Preis.“ Den Griechen empfahl er die Wiedereinführung der Drachme. Eine Maßnahme, vor der bekanntlich alle Experten abraten. Bis auf die AfD-Populisten, denen die FW-Bundespolitiker anscheinend den Rang ablaufen wollen.

Der liebste Feind der Freien Wähler ist indes die CSU. Praktisch alle Redner des Abend arbeiteten sich an der schwarzen Regierungspartei ab. Nicht ohne sich eine Hintertür für eine Landtags-Koalition offen zu halten. Beispielhaft dafür Ingolstädter Landtagsabgeordnete Markus Reichhart, der in seinem Eingangsstatement erklärte: „Nach der Wahl liegt es an der größten Fraktion, Koalitionsgespräche anzubieten. Wenn es mit uns klappt, ist gut. Wenn nicht, dann arbeiten wir halt weiter in der Opposition.“ Über ein Bündnis mit SPD und Grünen verlor Reichhart kein Wort.

Keinerlei Sorgen um Unionsbefindlichkeiten machte sich jedoch der Bundestags-Direktkandidat der FW, Bernd Heilmeier: Er las stattdessen der Bundeskanzlerin kräftig die Leviten. Der EDV-Verlagsleiter aus Eichenau hatte vergangene Woche die Volksfest-Rede der Kanzlerin mitgeschnitten und hinterher einem „Faktencheck“ unterzogen. Heilmeiers Fazit: „Eine Rede voller Plattitüden und Phrasen.“ Allerdings ist dem 54-Jährigen auch klar, dass seine Chancen, der CDU-Chefin demnächst täglich in Berlin über den Weg zu laufen, denkbar gering sind.

Etwas unter zwischen den „Großkopferten“ gingen die beiden Zweitstimmen-Kandidaten der Jungen Freien Wähler, Markus Erhorn (Landtag) und Sebastian Leiß (Bezirkstag). Eigentlich schade, denn Erhorns Forderung nach einer Verankerung von Jugendparlamenten in die Bayerischen Gemeindeordnung wäre durchaus einer Diskussion Wert gewesen.

Und auch die Überlegungen von Leiß zur Inklusion hätten wohl auf einem anderen Forum größere Wellen geschlagen: Der 24-Jährige plädiert für eine Auflösung von Großeinrichtungen wie dem Franziskuswerk Schönbrunn und hält stattdessen lokale Kooperationen für sinnvoller.

Es knirscht zwischen Stadt und Land

Es knirscht bei der Freien Wählern zwischen Stadt und Land: Von der Kreisführung der Freien Wähler war nur Eva-Maria Kutscherauer-Schall, die Vize-Rathauschefin aus Hebertshausen, vor Ort. Wenig verwunderlich, denn bekanntlich sind die Beziehungen zwischen den Dachauer Freien Wählern und den Landkreis-Freien-Wählern um Schwabhausens Bürgermeister Josef Baumgartner nicht die besten.

Die Dachauer lästern hinter vorgehaltener Hand über die Landrats-Aspirantin Michaela Steiner. Auch die Direkt-Kandidatin für den Landtag, Martina Purkhardt, kommt bei ihnen nicht viel besser weg. Im Kreis wiederum ist man nicht sonderlich froh, über das unabgesprochene Vorpreschen von Erhorn (Zweistimmenkandidat Landtag) und Leiß (Zweitstimmenkandidat Bezirkstag). Nicht zuletzt, weil sie den anderen Listenkandidaten aus der Region Konkurrenz machen: dem MdL Gottfried Obermair aus Maisach, der erneut in den Landtag einziehen will, und nicht zuletzt Kreischef Baumgartner selber, der sich Hoffnungen auf einen Platz im Bezirkstag macht. „Das ist der historisch gewachsenen Organisation geschuldet“, seufzt einer der Betroffenen.

Und manchmal wohl auch persönlichen Animositäten - warum sollte es bei den Freien Wählern anders zugehen als in anderen Parteien?

Horst Kramer

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