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Es eilt ein Wasserwachtler im Eisrettungssschlitten herbei: Das „Opfer“ robbt sich an den Rand der Einbruchsstelle und krallt sich links und rechts an den zwei „Gabeln“ des Schlittens fest. 

Übung der Wasserwacht

„Wichtig ist, dass wir keine Angst haben“

Eisolzried - Sie sollen für den Ernstfall gewappnet sein. Deshalb hat die Wasserwacht Dachau im Eisolzrieder See geübt, wie man Menschen aus einem Eisloch zieht. Mit Eiskrallen, Rettungsschlitten - und dicken Trockenanzügen.

Ein weißes Schild warnt auf deutsch, englisch und arabisch vor „Einbruchgefahr“. Mehrere Fahrzeuge der Wasserwacht Dachau stehen am Uferrand. Etwa 30 Rettungshelfer in leuchtend roter Einsatzkleidung tummeln sich am Steg des Eisolzrieder Sees. Sieben Meter vom Ufer entfernt schlägt ein Mann hilflos mit den Armen. Er steckt mit seinem ganzen Körper in einem Eisloch, nur noch Kopf und Arme kann er über der Wasseroberfläche halten. Der junge Mann ist aber nur vermeintlich in Lebensgefahr. Er heißt Markus Wolf und muss glücklicherweise nicht lange warten, bis seine Kollegin Barbara Seitz im Eisrettungsschlitten herbei eilt.

Denn die Rettung von Markus Wolf war nur ein Teil der Tauch- und Eisrettungsübung der Wasserwacht für den Ernstfall. Als Taucher im schwarzen Trockenanzug, der auch im kalten Wasser etwa eine Stunde warm hält, war Markus Wolf sozusagen prädestiniert dafür, einmal das Opfer im Eis zu spielen - genauso wie seine drei Mittaucher. Zuvor hatte sein Wasserwachtskollege Tobias Fritsch heftig auf die Eisfläche eingehämmert. So entstanden auf beiden Seiten des blauen Hilfs-Stegs zwei Eislöcher.

In einem davon steckt nun Markus Wolf. Er robbt sich an den Rand der Einbruchsstelle und krallt sich links und rechts an den zwei „Gabeln“ des Rettungsschlittens von Barbara Seitz fest. Der Schlitten sieht ein bisschen wie eine Wasserluftmatratze aus Gummi aus. „Kräftig ziehen“, rufen die Kollegen an der Seite. Nun sind die zwei starken Rettungshelferinnen am Uferrand gefragt: Sie sichern die Retterin Barbara Seitz, das Opfer Markus Wolf sowie den Rettungsschlitten mit mehreren Rettungsseilen. Unmittelbar sind an der Bergung des eingebrochenen Opfers also drei Personen beteiligt: ein Rettungshelfer auf dem Gummischlitten und zwei Helfer am Ufer. Bei einem echten Unfall im Eis wären insgesamt rund 30 Personen am Unfallort: Wasserwacht, örtliche Feuerwehr, der Rettungsdienst, das Technische Hilfswerk, möglicherweise ein Hubschrauber. Doch dazu wird es heute nicht kommen: „Die Rettung war wirklich nicht schwer. Es hat vielleicht eine Minute gedauert, ihn zu retten“, erklärt Barbara Seitz im rotblauen Neoprenanzug locker. „Aber ich habe das davor noch nie gemacht. Deswegen war es schon gut, dass wir den Ernstfall schon einmal geübt haben.“

Wenige Meter von der Rettungsaktion entfernt haben sich eine handvoll Eisstockschützen zum Training getroffen, einer von ihnen marschiert völlig unbekümmert auf der Eisschicht des Eisolzrieder Sees und hat vermutlich keinerlei Angst, dass sie brechen könnte - während Ehrenamtliche den Ernstfall nur wenige Meter entfernt üben. Darüber kann der Vorsitzende der Wasserwacht Dachau Oliver Welter nicht wirklich schmunzeln. Er nimmt einen herausgeschnittenen Eisbrocken vom Rand des Sees zur Hand: „Das Eis war an dieser Stelle nur 7,5 Zentimeter dick. Die Gemeinde dürfte den See also nicht zur Begehung freigeben.“ Denn damit eine 75 Kilogramm schwere Person auf dem See nicht einbricht, müsste das Eis mindestens zehn Zentimeter, für eine kleinere Gruppe sogar 15 Zentimeter dick sein.

Der Ernstfall - einen eingebrochenen Menschen aus dem Wasser zu retten - blieb dem langjährigen Einsatzleiter aber bisher glücklicherweise erspart: „Ich kann mich nicht erinnern, dass es in den letzten 20 Jahren einen Eiseinsatz gab.“ Heuer hat Oliver Welter aber ein leicht ungutes Gefühl, wegen der Traglufthalle im Bergkirchner Gewerbegebiet, die in unmittelbarer Nähe des Sees steht: „Mit der Traglufthalle gibt es natürlich ein erhöhtes Gefahrenpotenzial, denn die meisten Bewohner der Halle kennen kein Eis oder keinen Schnee und wissen nicht, wie sie es einschätzen müssen“, erklärt er. Nach rund 20 bis 30 Minuten im eiskalten Wasser gebe es zwar die Chance, dass das eingebrochene Opfer ohne größere Schäden gerettet werden kann, aber sobalddie Person von der sichtbaren Eisfläche verschwindet, wird es brenzlig. Denn dann ist die Bergung mit dem Eisrettungsschlitten nicht mehr möglich, und die Eistaucher der Wasserwacht sind gefragt. „Das Eistauchen ist relativ gefährlich.“ Deswegen haben die zwei Taucher immer zwei Atemsysteme dabei und sind an einer Leinensicherung angehängt, weil sie im Wasser schnell die Orientierung verlieren, „obwohl der See hier relativ klar ist und mit fünf oder sechs Metern nicht sehr tief.“ Die zwei Taucher, die auf der rechten Seite des Stegs unter Wasser schwimmen, sind außerdem mit zwei weiteren Helfern auf dem Steg durch Kopfhörer verbunden, um miteinander sprechen zu können. Für den Ernstfall ist diese Verbindung sehr wichtig, um Hinweise zu geben und dadurch das eingebrochene Opfer zu finden. Die Übung ist aber vor allem wichtig, damit die Taucher das Gewässer kennenlernen und sich dadurch im Fall der Fälle optimal orientieren können.

Dass die Übung überhaupt stattfinden kann, haben die ehrenamtlichen Rettungshelfer den kalten Temperaturen in der letzten Woche zu verdanken. Sie nutzen die Eisschicht während ihrer rund zweistündigen Übung mächtig aus. Deshalb muss auch Eistaucher Christian Schabritzki jetzt daran glauben und stellt sich als zu rettendes Opfer im See zur Verfügung. Er trägt einen Trockenanzug, der ihm Auftrieb gibt und vor der Kälte im Wasser schützt. „Warm ist es natürlich nicht, aber kalt auch nicht. Wenn ich nur in Badehose reinspringen würde, wäre es was anderes“, grinst er am Ufer. „Von der Rettung her war es aber wirklich super.“ Zum weiteren Temperaturtest versucht es Schabritzki einmal ohne die wärmenden Handschuhe, nur mit Trockenanzug, und kommt mit rot angelaufenen Händen aus dem Wasser. „Ohne Handschuhe wird’s schnell unbequem“, stellt er lächelnd fest.

Deswegen rät Oliver Welter eindringlich davon ab, sich auf die vermeintlich gefrorenen Eisflächen an natürlichen Gewässern zu begeben. Wer Schlittschuhfahren möchte, solle sich besser im Eisstadion verausgaben. Und auch dort empfiehlt Welter kleine Eispicker im Falle eines Sturzes: Es sind kleine Eiskrallen, mit dem sich der Verunfallte an der Eisfläche entlang robben kann. Mit diesem konnten sich auch einige Rettungshelfer der Wasserwacht bei der Übung „unter einem Kraftakt“ aus dem Wasser hieven. Doch für den wirklichen Ernstfall wäre die Wasserwacht Dachau auf jeden Fall gewappnet. „Unsere Leute sollen es eben kennenlernen, wie der Einsatz im Eis abläuft“, so Welter. „Jede Situation ist natürlich anders. Wichtig ist aber, dass wir keine Angst davor haben.“

Anna Schwarz

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