Geballtes Potenzial bewiesen Sopranistin Gesa Jörg (rechts) und Pianistin Tomoko Sawallisch im Konzert. KRA

Ein Leben für die Bühnenkunst

Dachau - Gesa Jörg und Tomoko Sawallisch haben im Stockmannsaal des Ludwig-Thoma-Hauses die Untiefen romantischer Lied- und Balladenkunst ausgelotet. Den nicht geplanten Höhepunkt des Abends bildete indes eine italienische Opernarie.

Gesa Jörg hatte gerade die Arie „Welcher Wechsel herrscht in meiner Seele“ aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“ beendet, mit Mozart wäre es eigentlich weitergegangen. Da wandte sich die Sängerin ans Publikum: „Nun eine Programmänderung, wenn Sie gestatten.“ Fast unwirsch fügte sie hinzu: „Genug Mozart für heute!“ Jörg war spürbar unzufrieden. Doch dann nutzte sie ihre negative Energie zu einem mitreißenden Auftritt mit „Vissi d’arte“ („Ich lebte für die Kunst“), die große Bekenntnis-Arie aus Puccinis „Tosca“. Ein Schmerzensstück, das jede große Sopranistin in eine Klage über das eigene harte Bühnenleben umzudeuten wusste. So auch Jörg am Freitag auf den Brettern des Stockmannsaals. Atemberaubend, der Höhepunkt des Abends. Es folgte: Begeisterter Beifall für die erschöpfte Künstlerin. Dennoch verlangte eine Zuhörerin ein schüchternes „Da Capo“. Natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, sowohl physisch als auch emotional.

Jörg und ihre sensible Begleiterin Tomoko Sawallisch beendeten das Konzert stattdessen mit zwei der eindrücklichsten Liedern, die in der deutschen Romantik erschaffen wurden: Franz Schuberts „Du bist die Ruh“, nach einem Gedicht von Friedrich Rückert. Und Robert Schumanns „Mondnacht“ nach Joseph von Eichendorff. Zwei flirrende Texte, zwischen Todessehnsucht und metaphysischem Lebensbekenntnis, ergreifende Beispiele der romantischen Welt- und Lebenssicht.

Jörg ist eigentlich keine Lied-Interpretin; ihr darstellerisches Temperament verlangt nach der Opern- (oder auch Operetten-)Bühne. Dennoch interpretierte sie die Werke einfühlsam und nachvollziehbar. Nicht zuletzt, weil sie in Tomoko Sawallisch (verheiratet mit einem Neffen des großen Wolfgang Sawallisch) eine geniale Partnerin am Flügel hatte. Die Deutsch-Japanerin hatte den Abend eröffnet mit einer ungewöhnlichen Interpretation der Mozartschen Klaviersonate A-Dur (KV 331), die wohl Anfang der 1780er Jahre entstanden ist.

Vor allem bekannt ist deren dritter Satz, der „türkische Marsch“, der im Laufe der Jahrhunderte zu eine Art „Klassik-Gassenhauer“ mutierte. Sawallisch interpretiert dieses eigentlich federleichte und lebensfrohe Mozart-Opus sehr energisch: Mit akzentuiertem Anschlag nutzt die Pianistin das ganze Volumen des schönen Studio-Flügels; ein Hauch Mahler liegt in der Luft. Gewöhnungsbedürftig, doch durchaus reizvoll. Zumal Sawallisch damit dem oft gehörten „Rondo alla Turca“ neue Nuancen abgewinnen konnte.

Ihr ganzes Potenzial ließ die Schülerin von Gerhard Oppitz nach der Pause aufblitzen, bei Frederic Chopins Opus 52 (zirka 1842). Eine tragische Ballade mit einem träumerischen Anfang, der bei der am Starnberger See lebenden Pianistin an die impressionistischen Nachfolger des genialischen Polen erinnerte. Sawallisch ließ die Finger nun samtweich über die Tasten gleiten, sie lotete die emotionale Tiefe der dramatischen musikalischen Erzählung bis in die Abgründe aus. Dennoch blieb ihr Chopin durchgeistigt und klar, auch im Schlussrausch vor der Katharsis.

Dazwischen lagen Jörgs Schubert- und Schumann-Interpretationen; darunter auch die beiden Gesänge, die sie später als Zugabe ein zweites Mal präsentierte. Mit der launischen „Forelle“ war die Dachauer Diva in den Abend eingestiegen, mit dem „Heidenröslein“ machte sie eine weitere Verbeugung vor dem Auditorium. Berührend dann einige Lieder Schumanns: die „Lotusblume“ (nach Heinrich Heine) und die beiden Rückert-Gedichte „Die Widmung“ und „Mein schöner Stern“. Meisterwerke, die eigentlich nicht für einen Koloratur-Sopran geschaffen sind. Respekt, wie sich Jörg die diffizilen Stücke dennoch zu eigen machte.

Vielleicht aber hatte die Bühnenkünstlerin mehr von sich erwartet - wie sonst ist ihre Unzufriedenheit nach der Pause zu erklären? Das Dachauer Publikum beim Solisenkonzert folgte ihr indes willig: Kein Zweifel, es liebt seine Diva. (kra)

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