Mit Luftbildern in die Steinzeit

Dachau - Knochen, Werkzeug, Dolche und sogar ein uralter Elefantenzahn. Das alles findet sich im Dachauer Landkreis. Um die Erforschung kümmert sich der Archäologische Verein. Und der geht jezt neue Wege.

Gedankenversunken blickt Ernst Erhorn auf den alten Röhrenmonitor. Dort flackert eine Luftaufnahme der Gegend um Bayerzell bei Pfaffenhofen an der Glonn. Der 67-Jährige erkennt darin mehr als nur Schattierungen und Muster in den Äckern und Wäldern. Er sieht die Spuren der Vergangenheit.

„Hier führte eine alte Römerstraße entlang“, erklärt er und zeigt dabei auf eine etwas hellere Linie, die quer durch die Felder führt. „Dort stand wahrscheinlich eine römische Villa Rustica, und das könnte ein keltisches Wohnhaus gewesen sein, mit einer Wassergrube, angezapft von der Glonn.“ Für den Laien ist all das kaum zu erkennen, aber wenn Erhorn die Spuren im Gelände beschreibt, klingt das alles ganz logisch. „Da findet sich so viel, bei jedem Blick seh’ ich was Neues“, schwärmt der Erdweger.

Die Erforschung des Landkreises mit Hilfe von Luftaufnahmen ist das neueste Projekt des Archäologischen Vereins für Stadt und Landkreis Dachau, dem Ernst Erhorn seit 2010 vorsteht. „Ich möchte neue Wege beschreiten“, betont er. Weil das Landesamt für Denkmalpflege aus finanziellen Gründen kaum Grabungsgenehmigungen erteilt, sucht der Verein nach neuen Methoden zur Prospektion, also dem Erkunden und Aufsuchen von archäologischen Stätten im Boden.

Und davon gibt es viele: Zur Zeit der Römer etwa wurden Veteranen mit einem Stück Land als Dank von der Armee verabschiedet. Einige siedelten sich im Raum des heutigen Dachauer Landkreises an. Leichtflugzeuge des Landesvermessungsamtes, ausgestattet mit Spezialkameras, liefern die hochauflösenden Bilder, auf denen man noch heute die alten Gebäude erahnen kann. Irgendwann, so Erhorns Wunsch, soll für den Landkreis ein flächendeckendes Netz von Luftaufnahmen vorliegen. Ein Anfang ist gemacht, bisher konzentrierte sich die Arbeit rund um bereits bekannte Fundstätten. Dass eine möglichst vollständige Bestandsaufnahme über die Archäologie im Landkreis einer Sisyphos-Arbeit gleicht, ist dem pensionierten Elektriker durchaus bewusst: „Aber irgendwer muss ja mal das erste Loch in den Käse bohren.“

Dabei ist Verein ist noch jung, erst im April 2008 wurde er gegründet. Es war eine Reaktion auf eine besonders dreiste Raubgrabung bei einem Keltengrab zwischen Röhrmoos und Arzbach. Fast zwei Meter tief, vermutlich mit professioneller Ausstattung, hatten die Plünderer damals gegraben. Ein enormer Aufwand für ein wenig Geld auf dem Schwarzmarkt, denn viel mehr als ein paar verrostete Waffen und möglicherweise eine alte Münze als Grabbeigabe dürften dabei nicht zum Vorschein gekommen sein.

Mittlerweile hat der Verein fast 120 Mitglieder, doch die Zahl der wirklich aktiven Helfer ist deutlich geringer. „Wenn es darum geht, mal drei Quadratkilometer gründlich zu begehen, sind nicht mehr viele dabei“, weiß Erhorn. „Da trennt sich die Spreu vom Weizen.“

Das Interesse an der Archäologie hat sich bei Ernst Erhorn schon in der Kindheit herausgebildet. Beim Schwammerlsuchen mit dem Großvater im Dachauer Hinterland, erzählt er schmunzelnd, habe ihm dieser häufig die Überreste aus der Vergangenheit gezeigt. „Aber dann ist das Testosteron ins Spiel gekommen“, witzelt Erhorn und die Archäologie war auf einmal nicht mehr so wichtig. Bis er sich dann vor etwa 30 Jahren wieder intensiver dieser Wissenschaft zuwandte und somit letztendlich beim Archäologischen Verein Dachau landete.

Gerade sind die Archäologen auf der Suche nach einem Lagerraum für ihre zahlreichen Fundstücke. Derzeit ist ein Großteil der Ausgrabungsstücke übergangsweise im Kellerraum eines Mitglieds untergebracht, auch bei Erhorn zu Hause lagern noch Kisten voller Zeugnisse der Vergangenheit.

Die Vielfalt der Funde ist erstaunlich: Neben Tonscherben aller Art finden sich alte Gebeine, Erze und Gesteine, Dachziegel, antike Münzen und Überreste von Werkzeugen und Waffen aus den verschiedensten Jahrhunderten. „Die Fülle von Überresten in unserer Gegend ist überwältigend“, stellt Erhorn fest. Mit seinem geschulten Auge findet er bei fast jedem Spaziergang ein neues Objekt.

Zum Schluss präsentiert er stolz die neueste Entdeckung aus Bayerzell: Ein etwa 30 Zentimeter großer Pferdebeckenknochen von einer jungen Stute. „Der stammt vermutlich aus der Keltenzeit“, verrät der Experte.

Für eine genaue Datierung müssen die Knochen an die Universität Erlangen geschickt werden, dort kann das Alter per Radiocarbonmethode bis auf wenige Monate genau datiert werden. Die aufwändige Untersuchung kostet allerdings 380 Euro, viel Geld für einen Verein, der sich hauptsächlich durch Spenden finanziert. „Aber des treib’ ma scho irgendwie auf“, sagt Ernst Erhorn und lächelt zuversichtlich. Und schon hat er die Augen wieder auf dem Monitor.

dg

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