Als Rockstar aus der DDR geflohen

Dachau - Lutz Salzwedel hatte als Rockmusiker mit dem DDR-Regime zu kämpfen - bis zu seiner Flucht 1985. Heute berät er Schüler in Dachau bei der Berufsauswahl.

Vor 25 feierte Deutschland die Wiedervereinigung. Und einer, der feierte besonders. Denn Rocksänger Lutz Salzwedel (61) kann vom Unrechtsstaat DDR ein Lied singen: „Für uns ostdeutsche Musiker entschied der Staat, welche Lieder wir spielen durften.“ Heute ist der Münchner als Sänger und Gitarrist der Band „Helter Skelter“ in ganz Deutschland unterwegs - und betreut als Mitarbeiter am beruflichen Fortbildungszentrum Mittelschulen im Landkreis Dachau.

Auf großen Bühnen auftreten und gleichzeitig mit Schülern arbeiten - heute kein Problem. Aber damals, in der DDR, ging das nicht. „In studierte dort Sprachwissenschaften auf Lehramt“, erzählt Lutz Salzwedel. Nach dem Studium arbeitete Lutz Salzwedel zuerst als Lehrer. Drei Jahre lang, bis ihm „der Schulleiter Musik verbieten wollte.“ Doch die Musik war schon immer seine große Leidenschaft: Mit elf Jahren schenkte ihm der Vater die erste Gitarre. Spielen brachte er sich selbst bei und sang zu den Liedern aus dem Radio.

Als Jugendlicher hörte Lutz Salzwedel vor allem den Westfunk. „Mein Vater hatte eine Antenne unter dem Dach versteckt“, erinnert er sich. Mit 15 dann der erste Auftritt mit den Apollos, einer Schülerband, vor einer staatlichen Jury. „Sie wählte auch die Lieder aus, die wir spielen sollten“, erklärt Lutz Salzwedel. 60 Prozent Lieder aus der DDR und 40 Prozent westliche Lieder - so lautete die Quote für die Auftritte.

Das drohende Auftrittsverbot sei dann der erste „Knackpunkt“ gewesen. „Da dachte ich zum ersten Mal, dass ich das Land früher oder später verlassen will.“ Auch seine Ehefrau bestärkte Lutz Salzwedel in der Entscheidung.

Seinen Lehrerjob kündigte Lutz Salzwedel. Trotz des Drucks von Rektor, Schulräten und Staatssicherheit. Der junge Arbeitslose nahm erneut ein Studium auf: Gitarre und Gesang. Nach staatlichen Musikerprüfung und seiner Zeit bei der Band „Passion“ kam auf der Veranstaltung „Werkstattwoche der Tanzmusik“, der Kontakt zur Band Karussell zustande.

1984 veröffentlichte die Gruppe das erste Album mit Salzwedel als Sänger. Die erfolgreiche Band tourte durch den ganzen Ostblock, spielte aber auch in Frankreich oder in der Bundesrepublik. Hinter der Fassade beeinflusste das Regime der DDR jedoch Salzwedels Leben komplett: „Wir erhielten nur kleine Gagen in Ost-Mark, meine Liedtexte wurden unterdrückt, und ständig begleiteten uns Sicherheits-Mitarbeiter“, beklagt er. „Man gehörte einem nicht.“

Bis zum Pfingstsonntag 1985, bei einem Tourstopp in der Bundesrepublik. Der Stasi-Mitarbeiter schlief, noch betrunken vom Abend davor. „Gitarrist Tom Leonhardt und ich haben uns dann entschlossen, das Hotel zu verlassen.“ Schließlich landeten die beiden um 6 Uhr morgens auf der Polizeiwache in der Nähe von Remscheid. „Mit den Worten ’Herzlich willkommen im goldenen Westen’ begrüßte uns der Wachtmeister“, erinnert sich Salzwedel. Dass er endlich in Westdeutschland angekommen war, habe er noch im selben Moment realisiert. „Der ganze Druck durch die Überwachung fiel ab.“

Doch die SED-Diktatur zog alle Register: Die Ehefrau im Osten wurde verhaftet, die Kinder kamen zum Schwiegervater. „Da sah man, wie das Land wirklich tickte“, sagte Salzwedel rückblickend. Auch er wurde verurteilt, wegen „Verletzung der Meldepflicht“. 1988 kam die Familie wieder zusammen und der Familienvater konnte im Westen unter anderem mit der Band „Meat Loaf“ und „Karo“ Erfolge feiern. Die erste Tournee mit einer westdeutschen Band - eine „riesige Befreiung“ und „total gigantisch“.

Auch an den Mauerfall erinnert er sich noch genau: „Ich half einem Freund in einer Bar in Westberlin aus.“ Auf einmal war die Kneipe voller Menschen. Und ein Barbesucher erklärte ihm mit sächsischen Dialekt, er sei nur kurz zum Biertrinken rübergekommen. So erfuhr er von der Grenzöffnung. „Im ersten Moment schien es zu einfach, dass die DDR einfach so weg war. Dann war es nur noch super.“

1990 zog er schließlich von Berlin ins „angenehmere“ München und startete seine Solo-Karriere mit Auftritten in Los Angeles oder Vancouver. „Da musste ein englischer Künstlername her.“ So wurde aus Lutz Salzwedel Dan Lucas.

Maximilian Pichlmeier

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