Klaus Reinhard hat die Protokolle ausgewertet. kn

Malaria als Waffe: Im KZ Dachau fanden Forschungen statt

Dachau - Die Nationalsozialisten wollten Malaria-Mücken als biologische Waffe einsetzen - diese Meldung ging vor einigen Wochen durch die Presse und sorgte für Aufsehen. Die Forschungen dazu seien im Entomologischen Institut des Konzentrationslagers Dachau durchgeführt worden.

Hintergrund für die Berichterstattung ist ein Aufsatz des Wissenschaftlers Klaus Reinhardt aus der Fachzeitschrift „Endeavour“. Der Evolutionsbiologe untersuchte die Forschungsprotokolle des Stationsleiters Eduard May und kommt in seinem Aufsatz zu dem Schluss, dass May sehr wahrscheinlich nicht nur zu Abwehrzwecken forschte, sondern auch Szenarien für den Einsatz von Mücken als biologische Waffe durchgespielt wurden.

Klaus Reinhardt, der sich an der Tübinger Universität vornehmlich der experimentellen Biologie widmet, war mehr oder weniger per Zufall auf dieses Forschungsfeld gestoßen. „Ich bin großer Libellenfan“, erklärt Reinhardt. Über dieses persönliche Interesse wurde er auf ein Werk über Libellen aus dem Jahr 1933 aufmerksam. Der Autor: Eduard May.

„Das war fachlich ziemlich gut“, erinnert sich Reinhardt, deshalb habe er Nachforschungen über den in diesem Bereich eher unbekannten Autor angestellt. 2008 veröffentlichte Reinhardt einen Artikel über den Beitrag Eduard Mays zur Libellenkunde in der Fachzeitschrift Libellula. Beim Studium der Biographie von Eduard May fiel Reinhardt dessen breite Berufsorientierung auf. May war nicht nur studierter Zoologe und Libellenforscher, er veröffentliche außerdem philosophische Schriften und wurde 1942 „unter kontroversen Umständen“, wie Reinhardt beschreibt, in München habilitiert. Gleichzeitig trat er seine Stelle als Leiter eines Entomologischen Institutes der SS an, das zum Konzentrationslager Dachau gehörte und unter der Aufsicht der von Heinrich Himmler gegründeten, pseudo-wissenschaftlichen „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ stand.

Reinhardts Interesse war geweckt, also forschte er nach. In dem neugegründeten Institut, das etwa einen Kilometer entfernt vom Häftlingsbereich errichtet wurde, sollte May in erster Linie erforschen, wie die SS-Truppen vor von Insekten übertragenen Krankheiten geschützt werden können und sich zudem um die Schädlingsbekämpfung im Lager kümmern. Die neuere Geschichtsforschung fand jedoch mehrere Anzeichen dafür, dass an dem Institut auch Forschungen zur biologischen Kriegsführung angestellt wurden. Obwohl Hitler selbst per Führerbefehl aktive B-Waffenforschung untersagte, führten mehrere Wehrmachtsabteilungen Forschungen dazu durch. Bei May weist vor allem ein Protokoll vom 29. September 1944 auf eine offensive Forschungsausrichtung hin. May schreibt darin über seine Studien: „Dieses Resultat scheint mir insofern besonders wichtig, als man sich bei der praktischen Durchführung dann eben nach Möglichkeit der A.maculipennis [Mückenart] bedienen müsste.“ In Kombination mit Aufzeichnungen über einen möglichen Abwurf von mit Malaria infizierten Mücken über feindlichem Gebiet liefere die Wortwahl der „praktischen Durchführung“ einen deutlichen Hinweis auf offensive Forschung, betont Reinhardt.

Dass sich nun die Presse auf seinen Aufsatz stürzte, hat Reinhardt überrascht. „Das habe ich überhaupt nicht erwartet, der Aufsatz war schließlich fast ein Jahr publiziert.“ Auch enthielt Reinhardts Aufsatz wenig wirklich neue Forschungsergebnisse. In der Reihe Dachauer Hefte war bereits 1999 ein Aufsatz von Angelika Heider zu diesem Thema veröffentlicht worden, in dem ein ähnliches Fazit gezogen wird. „Im Prinzip war das meiste schon bekannt“, gibt Reinhardt zu. Spannend fand er die Arbeit mit historischen Quellen trotzdem.

Mays Forschungen kamen nicht mehr zum Einsatz. Nach Kriegsende wurde der Stationsleiter lediglich als Zeuge im Nürnberger Ärzteprozess gehört. Dort beteuerte er, nicht an Menschenversuchen teilgenommen, geschweige denn von ihnen gewusst zu haben. Auch eine Zusammenarbeit mit Claus Schilling, der im Dachauer Lager über 1000 Häftlinge mit Malaria infizierte, bestritt er. May wurde nicht belangt und lehrte bis zu seinem Tod 1956 an der Münchner und Berliner Universität Philosophie.

Dominik Göttler

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