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„Er weiß am besten, wie er mir zur Seite steht!“ Lisa und Andi sind seit drei Jahren ein Paar. Was Depression bedeutet und ausmacht, war Andi vorher nicht klar.

Die an Depression erkrankte Indersdorferin Lisa Widmann hat ein großes Anliegen

Eine Botschaft an die ganze Welt

Depression. Das Wort kommt aus dem Lateinischen: deprimere – niederdrücken. Mancher bricht unter dieser diffusen Last, die das Leben zur Hölle macht, zusammen: Depression kann mörderisch sein. Auch Lisa Widmann hat Extremsituationen erlebt. Heute ist die junge Indersdorferin stabil. Ihr großes Anliegen: eine positive Botschaft an die ganze Welt richten.

Indersdorf – Am 10. November 2009 nimmt sich Robert Enke das Leben. Der Suizid des 32 Jahre alten Torwarts der Fußballnationalmannschaft rückt die Depression und auch andere psychische Erkrankungen über Nacht in den Blick der Öffentlichkeit. Später outen sich Prominente wie Rockstar Bruce Springsteen und Schauspielerin Gillian Anderson. Seither wird die Depression zunehmend als schwerwiegende Krankheit akzeptiert. Dennoch haben depressive Menschen immer noch mit Vorurteilen, Irrtümern und mitunter Geringschätzung zu kämpfen. Auch Lisa Widmann erlebt solche Situationen immer wieder, selbst in einem vermeintlich aufgeklärten Umfeld.

Die heute 22-Jährige leidet seit Langem an schweren Depressionen und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Während ihrer Ausbildung zur Kinderpflegerin stieß sie auf erschreckend wenig Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen, „sogar bei Diplom-Sozialpädagogen“. Jetzt möchte die junge Indersdorferin Betroffenen Mut machen und vor allem ihren Beitrag leisten, die Depression und verwandte Krankheiten aus der Tabuzone zu holen. Lisa Widmann: „Ein psychisch kranker Mensch kann eine Ausbildung machen, kann einen Führerschein machen und seit Jahren eine glückliche Beziehung leben, das will ich zeigen.“

Die Gelegenheit, einen offensiven Schritt in die Öffentlichkeit zu tun, bekommt Lisa Widmann am heutigen Samstag. In Aichach steht sie vor der Kamera, Profifotograf Alexander Andres macht ein Fotoshooting mit der 22-Jährigen.

Andres litt vor zehn Jahren selbst an einer Depression. Es begann mit Schlafstörungen, am Ende hatte der heute 53-Jährige Suizidgedanken. Andres nahm den langen Kampf gegen die Krankheit auf, begab sich in Behandlung. Heute hat er die Depression überwunden. Der Fotografenmeister nennt die Jahre der Krise „Arschtritt des Lebens“. Natürlich wolle er nie wieder dorthin zurück, andererseits habe die Depression ihn gelehrt, das Leben bewusster zu leben. „Ich bin heute ein glücklicher Mensch.“

Andres hat ein mittlerweile viel beachtetes Facebook-Projekt gestartet „als Mutmacher, geprägt durch die eigenen Lebenserfahrungen“. Andres fotografiert Menschen mit Depression, „um die gesellschaftliche Akzeptanz und die Enttabuisierung der Erkrankung zu fördern“.

Lisa Widmann ist durch regelmäßige Therapiesitzungen bei Anke Huttenloher in Odelzhausen seit einem Jahr stabil. Ihr Blick auf die Vergangenheit ist seither klarer. „Mir wurde erst jetzt bewusst, dass meine Krankheit schon in der Kindheit angefangen hat.“

In einer nach außen intakten Familie herrschten schon früh Probleme. Lisa kommt in eine Pflegefamilie – die nächste Katastrophe. „Ich wurde als billige Arbeitskraft missbraucht“, erinnert sie sich. Sie muss im Wohnzimmer auf der Couch schlafen, der Sohn der Familie bietet ihr wiederholt Alkohol und sogar Drogen an. Lisa, damals 14, ist zunächst verunsichert. „Ich dachte, ich darf doch keine Ansprüche stellen.“ Schuldgefühle stellen sich ein und die Überzeugung, selbst für ihre Situation verantwortlich zu sein. Wachsende Selbstzweifel und das Gefühl, nichts wert zu sein – die meisten depressiven Menschen kennen dies nur zu gut.

Zum Glück darf sie diese Familie verlassen. Die zweite Familie gibt ihr Halt, „das sind ganz, ganz tolle Menschen“. Doch die Krankheit bricht sich Bahn. Lisa beginnt, sich mit einer Nagelschere selbst zu verletzen. Später greift sie zur Rasierklinge – damit gehen die Schnitte tiefer. Sie trägt sich immer öfter mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen.

In der Jugendpsychiatrie soll ihr geholfen werden. Doch die Tage dort empfindet Lisa als „puren Horror“. Und es sollte nicht der letzte Klinikaufenthalt sein.

Mit 15 kommt Lisa Widmann in eine heilpädagogische Mädchenwohngruppe in Augsburg. Dort geht es anfangs gut, später extrem schlecht. Zur Krankheit gesellen sich weitere Beschwerden, zum Beispiel Essstörungen. Trotzdem: Lisa hat heute ein überwiegend positives Bild von ihrer Zeit in Augsburg: „Die Wohngruppe hat mir gutgetan, ich wurde früh selbstständig.“

Sie ist fähig, ihre Ausbildung zur Kinderpflegerin zu beginnen und abzuschließen. In der Kindertagesstätte TurBienchen, einer betriebsnahen Elterninitiative, bekommt sie eine Stelle – „und Unterstützung, wie man sie sich nur wünschen kann“. Zudem ist sie ehrenamtlich für das BRK tätig.

An Depression Erkrankte nehmen sich häufig als empfindungs- und gefühllos war, leiden an einer inneren, schwer zu beschreibenden Leere. Bei Lisa war das anders: „Jedes kleine Problem hat mich zum Weinen gebracht, ich war außerdem sehr antriebslos, habe viel geschlafen.“ Massive Stimmungsschwankungen, wie sie Depressive häufig erleben, kennt auch sie.

In Deutschland sind laut einer Untersuchung der WHO rund 4 Millionen Menschen depressiv oder haben eine schwerwiegende depressive Phase erlebt. „Viele glauben, Depression sei keine richtige Krankheit“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl. Dies sei einer der vielen Irrtümer. „Eine Depression ist eine Erkrankung, die auch weitgehend unabhängig von äußeren Faktoren auftreten kann, und zwar bei jedem.“ Auf der anderen Seite gebe es „die Dämonisierung, Depression wird mit Verrücktsein gleichgesetzt“. Die Folge: Betroffene halten ihr Leiden geheim, bewahren eine Fassade der Normalität. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass eine ernsthafte, mitunter lebensbedrohliche Krankheit dahintersteckt, die zudem Angehörige, Freunde, Kollegen und auch Partner ratlos zurücklässt.

Lisa Widmann hat hier eine ganz andere, kostbare Erfahrung gemacht: Ihr Lebensgefährte Andi, der sie seit dreieinhalb Jahren begleitet, hat sie viel zu verdanken. Er lernte die Krankheit an Lisa zum ersten Mal kennen. „Er weiß mittlerweile am besten, wie er mich unterstützt und mir zur Seite steht.“

Lisa Widmann freut sich seit Wochen auf ihr Shooting bei Alexander Andres. Auch, weil sie so viel Zuspruch erfuhr – und Unterstützung. Makeup-Artist Myriam Gless, die viele Jahre an der Seite eines depressiven Partners lebte, erklärte sich spontan bereit, Lisa heute zu schminken. Bei der Firma Rebel Curves in München durfte sich Lisa Widmann passende Kleidung und Accessoires aussuchen.

Die Fotos kommen ins Internet und gehen so um die ganze Welt. Alle sollen Lisa Widmanns Botschaft vernehmen: „Ich hab’ Narben, aber ich kann trotzdem lebensfroh sein.“

Thomas Leichsenring

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