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Bei der Eröffnungsfeier der neuen Ausstellung im Augustiner Chorherrenmuseum war einiges geboten: Draußen gab es ein Festzelt und Tanzeinlagen der Glonner Trachtler.

„Vivat hoch die Landwirtschaft“ im Augustiner Chorherren Museum

Wo Indersdorfer eine Zeitreise machen: Viel los bei Ausstellungseröffnung

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Bei der Eröffnungsfeier der neuen Ausstellung im Indersdorfer Chorherrenmuseum ging’s zünftig zu: Es gab Musik und Tanz und Festreden – fast ein bisserl wie vor fast 200 Jahren bei längst vergessenen Preisverleihungen, die jetzt in der Ausstellung dokumentiert werden. Allerdings ohne königlichen Besuch.

Indersdorf – Ein Tag im Jahr 1825, in Geisenfeld, einem oberbayerischen Dorf: Landwirt Bernhard Deutinger ist zu Tränen gerührt. Ihm zu Ehren findet ein Umzug statt, er schreitet vorne weg. Alle jubeln ihm zu, die Honoratioren halten Lobesreden auf ihn. Bereits auf dem Oktoberfest hatte Deutinger eine Auszeichnung des Landwirtschaftlichen Vereins für erfolgreiche Brachlandkultivierung bekommen. Jetzt feiert der ganze Ort. Weil auf der Ehrungsmünze ein Pflug zu sehen ist, wird später sogar ein Wirtshaus „Gasthaus zum Pflug“ benannt.

Bei der Ausstellung können Besucher zum Beispiel alte Klassenfotos wie links „Ein lustiges Stelldichein der Köchinnen vom Sommerkurs 1930“

Die Geschichte erzählte die Historikerin Stefanie Harrecker bei der Eröffnung der neuen Sonderausstellung im Augustiner Chorherrenmuseum in Indersdorf. Diese steht unter dem Motto „Vivat Hoch! Die Landwirtschaft“ (wir haben berichtet). Brauchtumsexperte Robert Gasteiger und Heimatforscher Hans Kornprobst haben die Ausstellung konzipiert. Gasteiger hat dafür aus seiner Sammlung Medaillen und Münzen zur Verfügung gestellt, die in früheren Zeiten Bauern, Mägde und Knechte für besondere Leistungen verliehen bekamen.

„Die Anerkennung, die mit den Auszeichnungen verbunden war, strahlte auf die ganze Umgebung aus“, erklärte Harrecker den Besuchern der Ausstellung. Wenn beim Zentralen Landwirtschaftsfest die Ehrungen stattfanden, war sogar mindestens ein Mitglied aus der Königsfamilie anwesend. „Der Landwirtschaftliche Verein hat daran festgehalten, bis er in Zeiten des Nationalsozialismus aufgelöst wurde“, erläuterte Harrecker.

Das gleiche Schicksal ereilte auch die Indersdorfer Landfrauenschule. Auch darüber gibt es in der Ausstellung einiges zu erfahren. Seit 1922 wurden dort junge Frauen in mehrmonatigen Kursen darauf vorbereitet, einen großen bäuerlichen Haushalt zu führen. „Sie lernten zum Beispiel, wie man kocht, wie man einen Haushalt mit Dienstboten führt oder wie man richtig wäscht“, sagte Hans Kronprobst. Die Schule wurde von Klosterschwestern betrieben. „1938 haben die Nationalsozialisten die Schwestern vertrieben“, sagte er. Bis dahin hatten 600 Frauen die Ausbildung abgeschlossen. Nach dem Ende des Dritten Reichs wurde der Schulbetrieb wieder aufgenommen und bis 1964 fortgeführt.

Nicht jede der Absolventinnen arbeitete später tatsächlich als Bäuerin. Rund ein Zehntel trat ins Kloster ein, manche übten andere Tätigkeiten aus. Von den Kenntnissen haben sie danach jedoch alle profitiert – und auch ihre Familie. „Meine Frau war auch auf der Schule“, berichtet der Bezirkstagspräsident Josef Mederer in seiner Ansprache. „Nach wie vor verwöhnt sie uns kulinarisch mit den Gerichten von dort.“

Auch Georg Seitz’ Mutter Walburga und seine Tante Theresa haben die Kurse als junge Mädchen besucht. „Es war dort streng, aber es hat ihnen wohl gefallen“, sagt er, während er als einer der ersten Besucher durch die Ausstellung schlendert. Dort sind alte Hefte, Stundenpläne, Einträge in Poesiealben und vieles mehr zu sehen. In einem Aufsatz von damals wird zum Beispiel erklärt, weshalb Butter viele „Lebensstoffe“ hat, warum man Lackschuhe am besten mit Milch und einer halben Zwiebel reinigt, wie ein Dienstbotenzimmer aussehen muss, warum in der Nähe der Küche kein Düngehaufen sein darf und dass „die praktische Frau von heute die Geschirre in Schränken aufbewahren“ soll anstatt sie als Dekoration an Wände zu hängen. Stickereien und Anleitungen dazu sind ebenso ausgestellt wie ein handgeschriebenes Heft von Regina Groß aus Palsweis mit dem Titel „Aus meinen Indersdorfer Tagen.“ Am Ende der Ausbildung hatte jede Schülerin so ein Heft mit handgeschriebenen Rezepten.

„Meine Mutter hat ihr Kochbuch leider weggeworfen“, sagt Georg Seitz. „Das tut mir immer noch Leid.“ Sparsam aber schmackhaft seien die Gerichte gewesen. Seine Mutter stammte von einem reichen Bauern aus Hohenwart. „Sie konnten es sich leisten, beide Töchter auf die Schule zu schicken“, erzählt er. „Das hat damals viel Geld gekostet.“ Doch die Investition hat sich gelohnt. Nach der Hausbildung ging Seitz’ Mutter nach München, um dort den Haushalt für reiche Bürger, zu führen. „Sie war gefragt“, erinnert sich Seitz. „Sogar beim Braumeister von Löwenbräu hat sie gearbeitet.“

Im Chorherrenmuseum hat Seitz, der inzwischen seit 40 Jahren in Indersdorf lebt, eine besondere Erinnerung entdeckt. Auf einem Foto ist der Sommerkurs aus dem Jahr 1927 zu sehen – hinten in der letzten Reihe blicken seine Mutter und seine Tante stolz in die Kamera. Viele solcher Klassenfotos hängen aus, in den Vitrinen, neben den alten Schulsachen und Ehrungsmünzen für erfolgreiche Landwirte. Es gibt viel zu entdecken über die Landwirtschaft in Bayern.

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