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Panisches Ringen nach Luft

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Markt Indersdorf – Es sollte ein unbeschwerter Samstag im Wasser werden. Aber für 17 Badegäste eines Freizeitbads in Markt Indersdorf verwandelt sich der Ausflug in einen Albtraum: Sie bekommen plötzlich keine Luft mehr. Hoch giftiges Chlorgas war ausgetreten.

Acht kleine Wasserratten planschen wie jeden Samstag beim Eltern-Kind-Schwimmen mit Mamas und Papas in dem kleinen Becken. Die Stimmung im Wellnessbad „Blubb Pool & Spa“ in Markt Indersdorf im Kreis Dachau ist ausgelassen. Doch von einer Sekunde auf die andere beginnt ein Albtraum: Die Kinder beginnen zu röcheln, keiner der Schwimmkursteilnehmer bekommt mehr richtig Luft. Krampfartige Hustenanfälle und Brechreiz quälen sie. Bei Kursleiterin Claudia Kessel spielen sich Horrorszenarien im Kopf ab. „Ich hatte noch nie im Leben solche Angst. So fühlt es sich bestimmt an zu sterben“, erzählt die 40-Jährige nach den schrecklichen Erlebnissen. Ihre Stimme zittert immer noch.

Gegen 12.45 Uhr am Samstag tritt in dem Indersdorfer Bad Chlorgas aus. Ein technischer Defekt in der Wasseraufbereitungsanlage hat eine Überkonzentration der Chlormischung im Badewasser und in der Luft ausgelöst. Ein merkwürdiger Geruch breitet sich aus, alle haben einen seltsamen Geschmack im Mund. Das Chlorgas macht es den Schwimmern kaum möglich zu atmen. „Es war, als gäbe es keinen Sauerstoff mehr in der Luft“, beschreibt Claudia Kessel. Als die ausgebildete Rettungsschwimmerin einatmen will, schmerzt ihre Lunge. „Ich musste dauernd husten, und dann kam noch der Brechreiz dazu“, erzählt sie wenige Stunden später. Die acht Kinder zwischen fünf und acht Jahren haben Panik. Sie weinen, schreien, husten und haben Speichel vor dem Mund. Mitten im Chaos bleibt Kursleiterin Claudia Kessel ganz ruhig. Sie hat nur einen Gedanken: Raus. Sie schnappt sich die Kinder mit den Eltern, bringt sie an die frische Luft und alarmiert den Notruf. Dann rennt sie mit einem Tuch vor dem Mund zurück: Sie bringt den Hausmeister ins Freie. Doch das Gas ist auch für sie zu viel. Draußen vor dem Bad klappt sie zusammen.

Der Marktplatz in Indersdorf ist mittlerweile ein einziges Meer aus Blaulichtern. 145 Einsatzleute sind vor Ort. 35 Rettungskräfte und 110 Feuerwehrmänner aus der Umgebung sowie von der Berufsfeuerwehr München. Claudia Kessel ist den Rettungskräften unendlich dankbar. „Sie haben eine Ruhe in die Situation gebracht, das war unglaublich.“ Ein Café neben dem Bad wird kurzum zur Erstversorgungsstelle umfunktioniert. „Hier haben sie uns in drei Kategorien unterteilt: Rot, gelb und grün“, sagt Kessel. „Die Roten hat’s am schlimmsten erwischt.“ Glücklicherweise schwebt niemand in Lebensgefahr. Alle 16 Kursteilnehmer und der Hausmeister mussten ins Krankenhaus. Ihre Atemwege waren schwer gereizt. Eine Spülerin aus dem Café hatte große Angst um ihr ungeborenes Kind. Die Frau ist im fünften Monat schwanger. Aber der Notarzt konnte sie beruhigen, die gefährlichen Dämpfe beschränkten sich auf das Bad. Experten stellten außerhalb keine auffälligen Messwerte fest. Keiner der direkten Anwohner war in Gefahr. Die Polizei will in den nächsten Tagen in dem Schwimmbad ermitteln, deshalb bleibt das Bad geschlossen.

Claudia Kessel steht noch unter Schock. Wann sie wieder unbeschwert einen Schwimmkurs geben wird, weiß sie noch nicht.

von Christiane Breitenberger

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