Dachauer Delegation in Israel

Ein Baum verbindet Generationen

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Ein Rotdorn war es, unter dem die jüdischen Kinder vor 70 Jahren am Kloster Indersdorf gespielt haben. Und unter einem Rotdorn werden ihre Enkel- und Urenkelkinder im Kibbuz Netiv Halamed-Hey bei Jerusalem spielen. Die Reisegruppe um Anna Andlauer und Landrat Stefan Löwl pflanzte den Baum – zu Ehren der „Indersdorf-Kinder“ und als Symbol für den Beginn einer Freundschaft.

Landkreis – Am Ende fassten sich alle an den Händen und tanzten neben dem frisch gepflanzten Bäumchen auf der großen Wiese die Hora, einen jüdischen Tanz. Diesen Tanz haben die jüdischen Kinder von 70 Jahren schon getanzt, auf dem Platz vor dem Kloster Inderdorf. 38 der Kinder, die damals im jüdischen Kinderzentrum eine vorübergehende Heimat fanden, gründeten 1949 den Kibbuz Netiv Halamed-Hey in Zentral-Israel. Heute leben hier fast 500 Menschen.

Die Delegation um die Indersdorfer Zeitgeschichtsforscherin Anna Andlauer und Landrat Stefan Löwl besuchte am Tag nach der Eröffnung der Ausstellung „Das Leben danach“ in der Bücherei der Universität Tel Aviv (wir berichteten) den Kibbuz. Zusammen mit den Überlebenden Avremale Litman und Miriam Both, deren Bilder unter vielen anderen in der Ausstellung zu sehen sind, wurde ein Rotdornbaum gepflanzt. Rotdornbäume standen damals schon vor dem Kloster und stehen dort auch heute noch.

„Die Kinder des Kibbuz werden unter dem gleichen Baum spielen wie wir damals am Kloster Indersdorf“, sagte Avremale Litman, 87 Jahre alt. Er wurde nach dem Krieg von seinen Eltern getrennt und kam mit der jüdischen Jugendbewegung Dror in das jüdische Kinderzentrum in Indersdorf, in die Eitan-Gruppe. Eitan heißt stark.

Vor 70 Jahren: der Tanz am Kloster Indersdorf. Andlauer

Miriam Both, heute 87, stammt aus Krakau und versteckte sich während des Krieges mit ihrer Schwester und Mutter ein Jahr lang im Wald – bis die Mutter vor Kälte und Hunger starb. Bis Kriegsende kamen die Schwestern bei nichtjüdischen Familien unter. Nach dem Krieg halfen ihnen Verwandte, nach Indersdorf zu kommen – ebenfalls mit der Dror-Bewegung.

In Indersdorf erfuhren Avremale, Miriam und Hunderte weitere Kinder Menschlichkeit und Zuneigung. Sie lernten Hebräisch, sangen zionistische Lieder, tanzten die Hora und bereiteten sich auf ihr zukünftiges Leben in Erez Israel vor. 1947 machten sie sich auf den Weg. Auf dem Flüchtlingsschiff „Exodus“ wurden sie jedoch von britischen Kriegsschiffen angegriffen und zur Rückkehr nach Deutschland gezwungen. 1948 erreichten sie schließlich Israel und bauten den Kibbuz Netiv Halamed-Hey auf – zusammen mit weiteren 36 Kindern aus Indersdorf.

Jetzt, 70 Jahre später, standen rund 50 Besucher aus dem Landkreis Dachau – Kreisräte, Heimatforscher, Bürger – bei strahlendem Sonnenschein zusammen mit Bewohnern des Kibbuz in einem großen Kreis um ein Baumpflänzlein herum. Zu Ehren der Eitan-Gruppe wurde der Rotdorn-Baum gepflanzt. Landrat Stefan Löwl sprach vom Baum einerseits als Symbol für die Wurzeln, aber auch für das Wachsen – des Kibbuz und der Freundschaft. „Danke, dass wir hier als Freunde sein dürfen!“ Tief beeindruckt war er von der „Herzlichkeit, mit der die Menschen auf uns zugehen, die allen Grund hätten, uns zu hassen“. Mit seinem Besuch in Israel wolle er ein Zeichen setzen für das „Nie wieder!“. Stolz sei er, dass es im Landkreis Menschen wie Anna Andlauer gebe, die sich mit so viel Empathie dieser Aufgabe widmet – „es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir das unterstützen“.

Anna Andlauer hat mit ihrer Forschungsarbeit nicht nur dafür gesorgt, dass die Kinderzentren im Kloster Indersdorf nicht in Vergessenheit geraten. Sie hat auch den Überlebenden das Gefühl gegeben, wahrgenommen zu werden. Und sie hat viele erstmals dazu gebracht, ihre Geschichte zu erzählen. Nicht nur die „Indersdorf-Kinder“ selbst, sondern auch ihre Angehörigen sind ihr dankbar und in tiefer Freundschaft verbunden. „Danke Anna, dass du unsere Familie näher zusammengebracht hast“, sagte Tseela Yoffe, die Tochter von Avremale Litman.

Viele Kinder des Kibbuz halfen beim Baumpflanzen. Sie schaufelten mit ihren Händen Erde in das Pflanzloch. „Gibt es ein schöneres Bild für das Weiterwachsen?“, sagte Anna Andlauer.

Sie stand Arm in Arm mit Avremale Litman und Miriam Both sowie Landrat Stefan Löwl und Indersdorfs Bürgermeister Franz Obesser um das zarte Pflänzlein des Rotdorns – ein schönes Bild für die stärker werdende Freundschaft. Avremale Litman lud alle ein, und auch „wenn die Kinder und Enkelkinder größer geworden sind, sind sie eingeladen zu kommen“. Schließlich fassten sich alle an den Händen und tanzten im Kreis die Hora – wie vor 70 Jahren am Kloster Indersdorf, wo ein großer Teil der Geschichte des Kibbuz begann.

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