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„Es gelingt uns oft, eine Wohnung zu halten“

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Von: Christiane Breitenberger

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Hat schon 52 Haushalte beraten: Isabel Rubik.
Hat schon 52 Haushalte beraten: Isabel Rubik. © Höltl

Auch im Landkreis Dachau ist Wohnungsnot ein immer brisanter werdendes Thema. Im Interview erzählt Sozialpädagogin Isabel Rubik, worum es geht bei der Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit.

Indersdorf - Vor einem Jahr taten sich die Gemeinden Erdweg, Haimhausen, Markt Indersdorf, Röhrmoos, Schwabhausen, Weichs und Vierkirchen zusammen, um eine Caritas-Fachstelle für die Vermeidung von Obdachlosigkeit mit zu finanzieren. Der Testlauf beträgt zwei Jahre. In der jüngsten Gemeinderatssitzung in Indersdorf beschrieb Bürgermeister Franz Obesser die Arbeit der Fachstelle so:

„So haben wir uns das vorgestellt: Im Vorfeld Fälle lösen – wir kommen ja erst zum Zug, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“ Die imposanten Zahlen würden zeigen, wie wichtig die Fachstelle sei. Im Interview stellt die Sozialpädagogin Isabel Rubik (29) ihre Arbeit bei der Fachstelle Wohnen zur Verhinderung von Obdachlosigkeit vor, erklärt, wie sie helfen kann, und wer ihr Angebot in Anspruch nehmen kann. Eine Botschaft lag Rubik dabei besonders am Herzen: Obdachlosigkeit kann jeden treffen.

Was ist das Ziel der Beratungsstelle?

Wir wollen bestehende Mietverhältnisse, die wegen Schwierigkeiten in Gefahr sind, retten. Diese Schwierigkeiten können ganz unterschiedlich sein. Es kann zum Beispiel um Mietrückstände gehen oder um Probleme mit Nachbarn.

Kann man also sagen, Sie kitten die Probleme, bevor sie eskalieren?

Es ist natürlich nicht immer möglich, jede Wohnung zu halten, aber es gelingt oft. Es gilt jede Wohnung unbedingt zu halten – denn eine neue zu finden, gleicht bei der jetzigen Lage einem Sechser im Lotto.

Seit einem Jahr läuft das Projekt – konnten Sie bereits helfen, dass jemand nicht obdachlos wurde?

Definitiv. Und zwar mehrmals.

Die Testphase für die Beratungsstelle ist auf zwei Jahre begrenzt. Wie schätzen Sie den Bedarf ein?

Der ist leider sehr hoch. Allein seit unserem Start habe ich 52 Haushalte mit über 80 Mitgliedern beraten.

Wie sieht das Angebot konkret aus?

Wir wollen ganz niederschwellige Hilfe anbieten – leider geht das noch nicht so wie gewünscht wegen der Pandemie. Geplant sind offene Sprechstunden, derzeit braucht man aber einen Termin. Zudem bin ich telefonisch erreichbar. Ich will – soweit möglich – auch Hausbesuche anbieten.

Können Sie an Beispielen zeigen, wie Sie bisher helfen konnten?

Dank unserer Beratung konnten wir zum Beispiel das Zuhause einer fünfköpfigen Familie halten. Der Vater hatte wegen der Pandemie seinen Job verloren, das Einkommen der Mutter und der Tochter konnte nicht mal mehr die Fixkosten decken. Schnell häuften sich Mietrückstände an. Das Problem war aber: Der Vater schämte sich, war viel zu stolz, um Hilfe anzunehmen – die Familie kam nur zu mir, weil ihn seine erwachsene Tochter und seine Frau überzeugen konnten.

Wie konnten Sie das Zuhause letztendlich retten, wenn der Vater anfangs keine Hilfe wollte?

Leider ist Scham immer wieder ein ganz großes Thema. Viele Menschen sind zu stolz, Hilfe in Anspruch zu nehmen – auch wenn sie ihnen eigentlich zusteht. Wir sind ein Sozialstaat, und jeder kann sich Hilfe suchen, ohne sich schämen zu müssen. Oft kann so auch ganz schnell ein Problem aus der Welt geschafft werden, bevor es richtig schlimm wird. In diesem Fall waren zuerst viele Beratungsstunden nötig, dass sich der Mann überhaupt öffnete. Zusammen haben wir dann einen Antrag auf SGB II-Leistungen, also Wohngeld, gestellt. Parallel habe ich mit dem Vermieter gesprochen, der sehr verständnisvoll war, nachdem er die Geschichte kannte.

Sie bieten also ganz vielschichtig Hilfe an?

Ja, ich versuchte zwischen Nachbarn zu vermitteln, helfe bei bestimmten Anträgen, versuche schwierige Verhältnisse zwischen Mietern und Vermietern zu kitten. Zudem kann ich je nach Fall auf ein professionelles Hilfenetz zurückgreifen und gleich an Schuldnerberatung, Suchtberatung, eben die sozialen Dienste der Caritas, weitervermitteln. Dabei ist ganz wichtig: Jedes Angebot ist stets freiwillig. Wenn ein Mieter auch partout nicht will, dass ich mit dem Vermieter spreche, passiert das auch nicht.

Wer kann sich an Sie wenden?

Im Grunde jeder. Egal ob Mieter, Vermieter, Nachbar. Wir versuchen, in jeder Situation zu helfen. Alle Gespräche unterliegen auch der Schweigepflicht. Allerdings ist mein Beratungsangebot auf die Mitgliedsgemeinden Erdweg, Haimhausen, Markt Indersdorf, Röhrmoos, Schwabhausen, Weichs und Vierkirchen begrenzt.

Sehen Sie den Bedarf auch in anderen Gemeinden?

Ja, mich haben auch Menschen aus Nichtmitgliedsgemeinden kontaktiert – die musste ich leider zurück an die Gemeinden verweisen. Gerne würden wir das Angebot auf alle Gemeinden ausbauen.

Haben Sie eine spezielle Zielgruppe?

Absolut nicht. Denn Wohnungsnot kann wirklich jeden treffen, die Gründe dafür können völlig unterschiedlich sein.

Wer Hilfe braucht,

kann sich bei der Fachstelle Wohnen zur Verhinderung von Obdachlosigkeit Am Bahnhof 2 in Indersdorf unter Telefon 0 81 36/1 29 00 oder per E-Mail an fachstelle-wohnen-dah@caritasmuenchen.de melden.

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