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„Vorher war ich kein Mensch mehr“: Holocaust-Überlebende kehren zurück - und haben wichtige Botschaft

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Von: Christiane Breitenberger

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Orte wie dieser erzählen unsere Geschichte, wenn wir es nicht mehr können“: Die Holocaust-Überlebenden Martin Hecht (stehend) und Erwin Farkas vor einer Gedenktafel am „Weg des Erinnerns“ am Wasserturm. Sie zeigt ein Foto von Farkas als Jugendlicher.
Orte wie dieser erzählen unsere Geschichte, wenn wir es nicht mehr können“: Die Holocaust-Überlebenden Martin Hecht (stehend) und Erwin Farkas vor einer Gedenktafel am „Weg des Erinnerns“ am Wasserturm. Sie zeigt ein Foto von Farkas als Jugendlicher. © Adrian Meyer Stilikon

Der Holocaust gehört zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte. Die Überlebenden drängt es bis heute zur Aufklärung. Ihr Ziel: Die Geschichte darf sich nicht wiederholen.

Indersdorf – Es wird das letzte Mal sein, dass er diesen Ort besucht. Das fühlt er. Erwin Farkas ist mittlerweile 92 Jahre alt, braucht einen Rollstuhl, stehen und gehen fallen ihm schwer. Aber trotzdem wollte er die beschwerliche Reise aus den USA unbedingt noch einmal auf sich nehmen. Wollte „unbedingt noch einmal herkommen“. Zurück nach Indersdorf. Den Ort, an dem er als Jugendlicher zum ersten Mal wieder Sicherheit fand.

Holocaust-Gedenken durch Zeitzeugen in Indersdorf: Mit unaushaltbaren Erinnerungen leben lernen

Auch Martin Hecht, heute 91, war als Jugendlicher im Internationalen Kinderzentrum im Kloster Indersdorf untergebracht. Beide mussten lernen, mit dem Unerträglichen zu leben. Mit dem Wissen, dass die Nationalsozialisten ihre Eltern ermordet haben, ihre Geschwister. Mit der Erinnerung an Bilder im Kopf, die unaushaltbar scheinen.

Erwin Farkas als Jugendlicher vor dem Indersdorfer Wasserturm.
Erwin Farkas als Jugendlicher vor dem Indersdorfer Wasserturm. © Anna Andlauer

Dass die beiden heute wieder nach Indersdorf gekommen sind, um ihre Geschichte zu erzählen, ist der Heimatforscherin Anna Andlauer zu verdanken. 2008 lud sie das erste Mal Überlebende nach Indersdorf ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Kinder und Jugendliche im Internationalen Kinderzentrum im Kloster untergebracht waren. Teils kamen bis zu 15 Zeitzeugen, heute sind es nur noch Martin Hecht und Erwin Farkas. Andlauer will ihnen zum ersten Mal etwas Besonderes zeigen: den Weg des Erinnerns, der 2021 auf ihre Initiative hin errichtet wurde.

Zum Holocaust-Gedenktag: Weg des Erinnerns in Indersdorf ist ein wichtiger Gedenkort

Der Weg informiert mit seinen fünf Gedenktafeln über die Klosterkinder. Von Juli 1945 bis September 1948 bot das Kloster Indersdorf über 1000 Kindern und Jugendlichen aus über 20 Nationen eine zeitweise und sichere Unterkunft. Unter ihnen waren Martin Hecht und Erwin Farkas. Zudem erinnert der Weg an die grausame Geschichte über die Kinderbaracke.

Es ist der Ort, der mein Leben wieder normalisiert hat, der es mir ermöglicht hat, ein gewöhnlicher Jugendlicher zu werden.

Holocaust-Überlebender Erwin Farkas

Martin Hecht und Erwin Farkas bedeutet Indersdorf sehr viel. „Es ist der Ort, der mein Leben wieder normalisiert hat, der es mir ermöglicht hat, ein gewöhnlicher Jugendlicher zu werden“, betont Erwin Farkas. Freunde aus Indersdorf haben seinen Rollstuhl auf dem Weg des Erinnerns vor die Gedenktafel am Wasserturm geschoben. Hier erkennt der Mann mit den blauen Augen ein Foto von sich als Jugendlicher vor dem Wasserturm. Hier oben war ein Ort, an dem sie normale Dinge erleben konnten. Mit Freunden lachen, ein erster Kuss.

Unvorstellbar, wenn man die Erlebnisse von Erwin Farkas und Martin Hecht hört, die sie schon oft erzählt haben – und erzählen wollen, „so lange wir noch können“, wie Martin Hecht betont. „Damit die Welt erfährt und nie vergisst, was damals passiert ist. Damit es nie wieder passieren kann.“

Martin Hecht im Internationalen Kinderzentrum im Kloster Indersdorf
Martin Hecht im Internationalen Kinderzentrum im Kloster Indersdorf © Anna Andlauer
Erwin Farkas im Internationalen Kinderzentrum im Kloster Indersdorf.
Erwin Farkas im Internationalen Kinderzentrum im Kloster Indersdorf. © Anna Andlauer

Martin Hecht hört die Schüsse, als seine Brüder erschossen werden. Er selbst ist zu diesem Zeitpunkt völlig abgemagert, der Körper von Läusen übersäht, hat Monate Zwangsarbeit hinter sich, musste in einem Außenlager von Gross-Rosen Eisenbahnschienen durch einen Berg verlegen. Essen gab es kaum. Es ist auf einem Evakuierungsmarsch Richtung Westen, als seine älteren Brüder erschlossen werden. Jetzt hat dort nur noch seinen Bruder Jakob. Mit ihm kommt er ins KZ-Flossenbürg, wo sie auf einem Todesmarsch in Richtung Dachau gezwungen wurden. „Ich hab’ seine Hand nicht losgelassen, wir waren so schwach“, erzählt Hecht.

 Nur der Wille, dass ich der Welt erzählen muss, was hier passiert ist, hat mich am Leben gehalten.

Zeitzeuge Martin Hecht

Auch Erwin Farkas war auf diesem Marsch, auch er war im Winter 1944/45 mit seinem Bruder im KZ Flossenbürg. Hier trafen sie ihren Kindheitsfreund Lazar wieder. So nah das Ende des Krieges war, so weit war die Freiheit entfernt.

Zusammen mit 200 Häftlingen wurden sie auf den Todesmarsch geschickt. Wer fiel, wurde erschossen, wer nicht weitergehen konnte, starb. „Wir waren nur noch Haut und Knochen. Alle paar Minuten fiel ein Schluss“, sagt Erwin Farkas heute. Die Brüder stützten ihren schwachen Freund, trugen ihn die meiste Zeit. „Ohne uns hätten sie ihn abgeknallt.“ Längst fühlt Erwin Farkas zu diesem Zeitpunkt seine Zehen nicht mehr. Sie sind abgefroren. Am 23. April werden die Freunde von der US-Armee befreit und kommen ins internationale Kinderzentrum im Kloster Indersdorf. Etwa ein Jahr später wandern die beiden Brüder in die USA aus.

Auch Martin Hecht wanderte schnell aus. Er und sein Bruder lebten in England, erst vor 13 Jahren wanderte Hecht nach Israel aus.

Holocaust Zeitzeuge betont: „Vorher war ich kein Mensch mehr, die haben mich zu einer Nummer gemacht.“

Auch für ihn ist es „unvorstellbar wichtig, zurück nach Indersdorf zukommen“. Anders als Farkas ist Hecht trotz seiner 91 Jahre noch fit, läuft den „Weg des Erinnerns“ in Jeans und Turnschuhen mit schnellen, entschlossenen Schritten entlang. Er will jede der Gedenktafeln genau studieren. Vor einer Tafel an der Klostermauer erklärt er, was Indersdorf für ihn bedeutet: „Hier durfte ich wieder ein Mensch sein“, sagt er. „Vorher war ich kein Mensch mehr, die haben mich zu einer Nummer gemacht.“ Als er nach Indersdorf kam, war er „in einem sehr schlechten Zustand, hatte niemanden. Aber hier hat man sich um mich gekümmert.“

Martin Hecht beschreibt mit starker, lauter Stimme, warum er heute hier steht und seine Geschichte erzählt. „Ich war 13 Jahre alt und bin in einem Arbeitslager fast gestorben. Nur der Wille, dass ich der Welt erzählen muss, was hier passiert ist, hat mich am Leben gehalten.“

Es sind Orte wie dieser, die Menschen daran erinnern, was hier vor langer Zeit passiert ist. Die unsere Geschichte erzählen, wenn wir es einmal nicht mehr können.

Holocaust-Überlebender Martin Hecht

Erwin Farkas weiß genau, was sein Freund von den Überlebendentreffen meint. Seine blauen Augen werden plötzlich ganz wach: „Es ist wichtig, daran zu erinnern, was passiert ist. Vielleicht wichtiger denn je.“ Auch an diesem Tag hat er seine Geschichte wieder Indersdorfer Schülern erzählt – wahrscheinlich das letzte Mal. Er betont: „Jeder trägt die Verantwortung, sich bewusst zu machen, was um ihn herum geschieht, und die Verantwortung, gute, menschliche Entscheidungen zu treffen.“

Holocaust durch Nazis: Überlebende wollen dazu beizutragen, dass so etwas nie wieder passiert

Die Überlebenden setzen alles dran, mit ihrem Wissen dazu beizutragen, dass „so etwas nie wieder passiert“, wie Martin Hecht betont. Seine Frau Aida wird traurig, denkt an den Krieg, der in der Ukraine tobt. „Es ist zu schmerzhaft, zu glauben, dass das wirklich passiert.“ Deshalb sei es umso wichtiger, sich niemals von Propagandapolitik blenden zu lassen.

Martin Hecht ist Anna Andlauer dankbar für ihre Arbeit. „Es sind Orte wie dieser, die Menschen daran erinnern, was hier vor langer Zeit passiert ist. Die unsere Geschichte erzählen, wenn wir es einmal nicht mehr können.“

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