Schwer traumatisiert nach dem Holocaust: Diese Kinder verloren im Holocaust zum Teil Eltern, Geschwister, Familien. Das Bild zeigt die Eitan-Kibbuzgruppe vor der Indersdorfer Klostergaststätte von 1946/47. Eitan heißt „stark“. 38 von ihnen gründeten 1949 zusammen den Kibbuz Netiv HaLamed-Hey bei Jerusalem.  Andlauer

Neue Ausstellung in Tel Aviv

Wie die Kinder zurück ins Leben fanden

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Der Zeitgeschichtsforscherin Anna Andlauer ist es gelungen, dass eine Ausstellung über die ehemaligen Kinderzentren Kloster Indersdorf in Tel Aviv gezeigt wird. 

Indersdorf/Tel Aviv– Die neue Ausstellung dokumentiert die beiden historischen Versuche, schwer traumatisierten Kindern nach dem Holocaust zurück ins Leben zu helfen. Zur Eröffnung in Israel kommen auch Zeitzeugen beider Indersdorfer Kinderzentren sowie eine Delegation aus dem Landkreis Dachau. 

Wie finden schwer traumatisierte Kinder, die das Grauen im Konzentrationslager überlebt, aber ihre ganze Familie verloren haben, zurück ins Leben? Zwei unterschiedliche humanitäre Ansätze gab es in den beiden Kinderzentren im Kloster Indersdorf in der Nachkriegszeit, und beide haben trotz ideologischer Differenzen eines gemeinsam: Fürsorgliche, zuverlässige und liebevolle persönliche Beziehungen waren der wesentliche Faktor, damit die Kinderüberlebenden ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen in die Welt zurückzugewinnen konnten. Die Fotoausstellung „HaChaim SheAchare“ – „Das Leben danach“ der Kuratorin Anna Andlauer, die am Sonntag, 20. Januar, an der Tel Aviv Universität eröffnet wird, wird ein Jahr lang in Israel zu sehen sein.

„Letztlich kam es vor allem auf eines an: Die persönliche Begegnung, die gegenseitige Zuneigung und ein menschliches Miteinander waren es, das die Kinder rettete“, sagt Andlauer, ehemalige Lehrerin am Indersdorfer Gymnasium. Sie erforscht seit zehn Jahren die ehemaligen Kinderzentren im Kloster Indersdorf und organisierte jährliche Treffen dieser Kinderüberlebenden in Indersdorf.  

Die Ausstellung „Zurück ins Leben“ von Anna Andlauer über das ehemalige UN-Kinderheim war bereits vor zwei Jahren im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York zu sehen. In rund einer Woche reist Andlauer, zusammen mit Landrat Stefan Löwl und einer Delegation aus dem Landkreis, nach Tel Aviv: Dort wird die neue Ausstellung zu sehen sein.

Sie waren zerstörte Existenzen, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten: die Kinder, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Kloster Indersdorf unterkamen, allein und schwer traumatisiert, die das absolute Grauen in deutschen Vernichtungs- und Konzentrationslagern oder Verstecken überlebt hatten, deren Eltern, Geschwister und Familien im KZ getötet worden waren. In den beiden Kinderzentren im Kloster Indersdorf sollten sie eine beschützende Umgebung finden und erste Schritte zurück ins Leben tun.

„Der Holocaust war nie therapierbar“, so Anna Andlauer. Dennoch sei es für die Kinder direkt nach ihrer Befreiung existenziell wichtig gewesen, Menschen zu begegnen, die sie mit dem Nötigsten versorgten, die ihnen zuhörten und ihnen halfen, mit ihren verstörenden Erfahrungen irgendwie umzugehen und sich behutsam in ein neues Leben vorzutasten.

„Im internationalen UN-Kinderheim stand der familienorientierte, individuelle Ansatz zur Rehabilitation im Vordergrund“, erklärt Anna Andlauer. Hier sei mit den Kindern über die Vergangenheit gesprochen worden, „die Kinder wollten sprechen und verstehen, was sie durchgemacht hatten“.

Einen ganz anderen Ansatz zur Rehabilitation bot die zionistische Kibbuzbewegung, die die überlebenden jüdischen Kinder im Nachkriegspolen und -ungarn sammelte, um sie für den Aufbau des Staates Israel zu gewinnen. Für solche Kibbuzgruppen war das jüdische Kinderzentrum Kloster Indersdorf von August 1946 bis September 1948 eine wichtige Zwischenstation, wo sie endlich wieder Teenager sein konnten. „Sie haben nach vorne geschaut – mit dem Ziel, ein neues Land zu schaffen, in dem sie hofften, sicher leben zu können“, erklärt Anna Andlauer. „Über die Vergangenheit wurde wenig gesprochen.“ Die Kinder haben dennoch oft nachts geweint, aber die Jugendbetreuer, sogenannte Madrichim, kümmerten sich um sie, waren ihnen Vorbild, Freund und Bruder. „Dabei waren viele der Madrichim nur wenig älter und haben selbst ihre Familie im Holocaust verloren.“ Gemeinsam blieben sie in Indersdorf, bis sie mit kaum seetüchtigen Schiffen und auf beschwerlichen Umwegen schließlich nach Erez Israel gelangten.

In beiden Konzepten zählte schließlich nur eines: „dass man menschlich miteinander umgegangen ist“, sagt Anna Andlauer. Das bezeugen die Zeitzeugen, die zur Ausstellungseröffnung in die Universität von Tel Aviv kommen werden. Einige der Überlebenden wurden von Schülern des Gymnasiums Markt Indersdorf bereits porträtiert, waren sie doch als Zeitzeugen bei den jährlichen Überlebendentreffen in Indersdorf, die der Heimatverein seit 2008 organisiert. Sie und ihre Familien freuen sich, wenn ihre Geschichten heute auch in Israel bekannt werden. Die Ausstellung erzähle nicht nur die therapeutischen Ansätze in den Kinderheimen, die Rolle der Madrichim, wie sich Freundschaften entwickelten, Schule und Freizeit in Indersdorf – „es wird auch gezeigt, wie die Menschen heute sind“.

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