+
Melina Phillippen (l.) und Anna-Lena Fischhaber haben sich mit ihren Mitschülern in einem besonderen P-Seminar am Indersdorfer Gymnasium engagiert. Sie haben 20 neue Porträts von Menschen gefertigt, die als Kinder und Jugendliche im ersten internationalen Kinderzentrum im Kloster Indersdorf untergebracht waren.

Fast verloren gegangene Geschichten

Indersdorfer Gymnasiasten porträtieren Holocaust-Überlebende  

  • schließen

Indersdorfer Gymnasiasten haben Zeitzeugen aus dem ehemaligen Kinderzentrum im Kloster porträtiert. Es sind Schicksale, die wichtig sind, um Geschichte zu verstehen. Die Zeit für ein solches Projekt drängte – einer der Befragten starb wegen der Interviewphase. Die Ergebnisse sind ab dem heutigen Donnerstag zum ersten Mal in einer Ausstellung zu sehen.

 

Indersdorf/München– P-Seminare gibt es viele. Bei manchen planen Schüler Events, bei anderen geht es um Sport oder Kulinarik. Doch Melina Philippen, Anna-Lena Fischhaber und ihre Mitschüler haben sich am Indersdorfer Gymnasium freiwillig für ein Seminar entschieden, das alles andere als leichte Kost ist. Sie haben die einzelnen Schicksale von 20 jüdischen Holocaust-Überlebenden, die früher im ersten internationalen Kinderzentrum im Kloster Indersdorf (1945-46) untergebracht waren, porträtiert. Sie haben sich darauf eingelassen, völlig fremden Menschen ganz nah zu kommen. So nah, dass sie die unbekannten Schicksale tief bewegt haben.

Die erste E-Mail war die schwerste. Eine E-Mail an einen fremden Menschen schreiben und ihn nach der dunkelsten und schlimmsten Zeit seines Lebens zu fragen. „Das ist alles andere als leicht“, sagt Melina Philippen. Doch die Schülerin weiß mittlerweile: Der Mut lohnt sich. Denn nur so kam sie der Jüdin Henia Marcus ganz nah. Einer Frau, von der sie „noch wahninnig viel lernen konnte“.

Sie hat mit ihrem Bruder David in ihrer Kindheit großes Leid erfahren – im internationalen Kinderzentrum in Indersdorf fand Henia Marcus  Zuneigung.

Kontaktdaten zu den Zeitzeugen bekamen die Indersdorfer Schüler von der ehemaligen Lehrerin und Heimatforscherin Anna Andlauer aus Weichs. Andlauer hat viele Überlebende von damals aufgespürt, ihre Biografien für die Nachwelt festgehalten. Regelmäßig lädt sie die Klosterkinder von damals zu Treffen nach Indersdorf ein. Ihr war es schon immer ein Anliegen, dass sich Jugendliche an ihrer ehemaligen Schule mit dem Thema in einem Seminar auseinandersetzen. Lehrerin Cornelia Treml war begeistert von der Idee und entschied sich, ein entsprechendes P-Seminar anzubieten.

Melina Philippen ist dankbar für die Möglichkeit, sich bei diesem Projekt einbringen zu können. „Es war eine Gelegenheit, Geschichte ganz anders zu erfahren. Weg von der Theorie. Bald gibt es diese Möglichkeit nicht mehr, da die Zeitzeugen von damals schon sehr alt sind.“ Wie eng dieses Zeitfenster tatsächlich ist, mussten zwei ihrer Mitschüler erfahren. Sie wollten den Überlebenden Itzchak Gilboa vorstellen. Auf die erste E-Mail antwortete Gilboa aufgeschlossen und freundlich. Sobald er Zeit habe, werde er die Fragen beantworten. Doch eine Antwort kam nie – Itzchak Gilboa starb 2016 in Phoenix, Arizona.

Auch für Ella Braun begann in Indersdorf ein neuer Lebensabschnitt.

„Deshalb ist uns bewusst, was für eine besondere Chance wir mit dem Projekt hatten“, erklärt Anna-Lena Fischhaber. „Wir konnten diese besonderen Geschichten noch für andere festhalten“. Die 17-Jährige erzählt die Geschichte von Ella Braun. Die gebürtige Polin konnte mit ihrer Mutter und fünf Geschistern vor der SS fliehen. Ihre Mutter versteckte sie bei Bekannten und zog sich mit den anderen in einen Bunker im Wald zurück. Ella überlebte, ihre Familie wurde im Wald erschossen. „Als sie ihre Mama gefragt hat, wieso ausgerechnet sie zu den Bekannten soll, hat die Mutter geantwortet: ,Einer muss schließlich überleben’“, erzählt Anna-Lena Fischhaber.

Ihr ging Ella Brauns Geschichte sehr nahe. „Als ich sie in einem Interview gesehen habe, wie sie weint, hat mich das schon sehr berührt.“ Umso wichtiger ist es den Schülerinnen, dass die ehemaligen Klosterkinder von Indersdorf und ihre Geschichten nicht vergessen werden. „Denn diese Leute haben nicht nur unfassbares Leid erlebt, sie haben einen Weg gefunden, weiterzumachen, und es sind bemerkenswerte Menschen aus ihnen geworden.“ Ella Braun (damals noch Fiks) sah 1946 von ihrem Zimmerfenster in Indersdorf zum ersten Mal den jungen Überlebenden Iszo Braun. Es war Liebe auf den ersten Blick. Doch sie musste lange auf ihn warten – 1949 trafen sich die beiden in Israel wieder, heirateten und bekamen Sohn Boaz. Nach Iszos Tod kam Ella Braun mit ihrem Sohn und ihren Enkeln zurück nach Indersdorf. Auch dort erzählte sie ihre Geschichte, damit sie nicht vergessen wird. „Auch wenn sie sich zurück ins Leben gekämpft haben, viele Holocaustüberlebende brauchen immer noch Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten“, sagt Fischhaber.

Das Bild   zeigt Henia Marcus  mit ihrer Tochter Inbal bei einem Überlebendentreffen zurück in Indersdorf.

Das weiß auch Melina Philippen. Sie hat die Zeitzeugin Henia Marcus näher kennengelernt. „Egal, wie offen sie war, manchmal hat sie mir auch geschrieben, dass sie über manche Dinge gerade nicht sprechen kann.“ Vor allem ihre Erlebnisse auf der Exodus setzen ihr noch heute zu. Kurz bevor das überfüllte Schiff Palästina erreichte, rammten es britische Angreifer, das Loch war direkt neben Henia Markus’ Schlafplatz. „Trotz ihrer Geschichte hat sie sich nie unterkriegenlassen, eine Familie gegründet und im hohen Alter noch Kunstgeschichte studiert“, sagt Melina Philippen. Für sie bedeutet das Seminar weit mehr als die Porträts, die sie und ihre Mitschüler geschaffen haben. Auch wenn sie vorher schon kritisch war, die Arbeit mit den Zeitzeugen hat etwas in ihr verändert: „Ich weiß mein Leben und das was ich habe, viel mehr zu schätzen – wie privilegiert wir sind.“ Auch wenn die Freundinnen hören, wenn jemand plumpe Parolen gegen Flüchtlinge loslässt, schreiten sie jetzt entschiedener ein. „Henia hat mich zum Nachdenken bewegt. Sie will unserer Generation mitgeben, dass wir aufeinander achten müssen“, sagt Melina Philippen.

Ella Braun kehrte mit ihrem Sohn Boaz und ihren Enkeln nach Indersdorf zurück, um ihre Geschichte zu erzählen und andere Überlebende zu treffen.

Lehrerin Cornelia Treml ist von den Ergebnissen begeistert. Sie weiß, dass sich ihre Schüler überdurchschnittlich eingebracht haben. „Es ist etwas ganz Besonderes, dass die Porträts zum ersten Mal in München in einer Ausstellung gezeigt werden.“ Sie besteht aus zwei Teilen. Der Arbeit der Schüler und dem Teil „Zurück ins Leben“, der bereits 2016 im UN-Hauptquartier gezeigt wurde. Zudem besteht die Chance, dass das P-Seminar der Indersdorfer Schüler einen Preis vom Kultusministerium bekommt – die Bewerbung ist eingereicht.

Die Ausstellung

Leben nach dem Überleben ist ab morgen bis zum 24. März von Montag bis Donnerstag 10 bis 16 Uhr im Janusz Koraczak Haus in München zu sehen. Die Vernissage beginnt am heutigen Donnerstag um 18 Uhr. Anlässlich des 72. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wendet sich die Europäische Janusz Korczak Akademie mit dieser Ausstellung einem bisher unbekannten Aspekt der Shoah-Geschichte zu.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Längst kein Vergnügen mehr
Die Hinterlassenschaften von Gänsen und Enten machen das Baden zum Beispiel am Karlsfelder See zu einer getrübten Freude. 
Längst kein Vergnügen mehr
Streit eskaliert: 22-Jähriger zieht plötzlich eine Waffe
Ein bisschen Raufen und dann mit der Waffe drohen: Acht junge Leute sind sich am Hebertshauser Bahnhof in die Haare geraten. Ein 22-jähriger Hebertshauser zog eine …
Streit eskaliert: 22-Jähriger zieht plötzlich eine Waffe
Volksfestbesucher stürzt in die Amper
Ein Koblenzer stürzte Dienstagnacht in die Amper. Die Feuerwehr half ihm beim Herausklettern. Doch der 18-jährige verletzte sich schwer.
Volksfestbesucher stürzt in die Amper
Viermal ziehenRadfahrer den Kürzeren
Eine Serie von Unfällen, an denen Radler und Autofahrer beteiligt waren, war am Montag im Landkreis zu beklagen. Es gab eine Reihe von Verletzungen, schwerere Blessuren …
Viermal ziehenRadfahrer den Kürzeren

Kommentare