Straßensperre Marktplatz Indersdorf
+
Umbau am Marktplatz Indersdorf: Die Straße ist gesperrt

Massive Umbaumaßnahmen

„Da geht man kaputt!“ - Geschäftsleute am Indersdorfer Marktplatz fühlen sich von Lokalpolitikern im Stich gelassen

  • vonChristiane Breitenberger
    schließen

Die Geschäftsleute am Indersdorfer Marktplatz trifft es hart: Erst der Corona-Lockdown, dann Vollsperrungen am Marktplatz wegen der Umbaumaßnahmen. Doch das ist nicht alles: Sie fühlen sich im Stich gelassen – von ihren Lokalpolitikern. Die Not war teils so groß, dass eine Geschäftsfrau Hilfe bei einem Landtagsabgeordneten suchte

  • Der Indersdorfer Marktplatz wird umgebaut. Erst war die Straße drei Wochen gesperrt, jetzt ist der Kreuzungungsbereich bis Ende der Sommerferien dicht
  • Die Geschäftsleute am Marktplatz leiden unter massiven Umsatzeinbußen
  • Die meisten fühlen sich von Bürgermeister und Gemeinderäten im Stich gelassen. Ihr Tenor: „Unsere Sorgen und Probleme werden nicht ernst genommen“

Indersdorf - Sie fühlen sich von der Politik vergessen, schlecht informiert und mit ihren Sorgen nicht ernst genommen. Doch die Betroffenen, die Mehrheit der Geschäftsleute am Indersdorfer Marktplatz, sprechen nicht von der großen Politik, sie sprechen von ihren Gemeinderäten vor Ort, vom Bürgermeister, der nur ein paar Hausnummern weiter im Rathaus arbeitet. Deswegen haben sich jetzt zehn Vertreter der anliegenden Geschäfte im Studio der Ballettschule Tanzart getroffen, um ihre Sorgen bei einem Gespräch mit der Presse loszuwerden.

Das Problem ist die Baustelle am Marktplatz. Bei den Anwesenden in der Ballettschule hat sich Frustration und Ärger aufgestaut. Die zentralen Punkte sind die Themen Parkplätze, fehlende Infos, mangelnde Wertschätzung und nicht vorhandene Unterstützung.

Alle Geschäftsleute haben Verständnis, dass es während eines Bauprojekts zu Behinderungen kommt

Um eines vorwegzunehmen: Alle Geschäftsleute haben Verständnis, dass es während eines Bauprojekts zu Behinderungen kommt, das sei „ja völlig klar und steht ja außer Frage“, wie zum Beispiel Bäckermeister Jürgen Seidl stellvertretend betont. Aber: „Vieles hätte anders laufen sollen“, sagt er.

„Wir haben hier alle Angst!“

Das Problem begann schon, bevor die Arbeiten überhaupt losgingen. Zwar habe es eine Infoveranstaltung im Februar im Rathaus über die Umgestaltung gegeben. Aber: Nicht alle der Betroffenen seien dazu eingeladen gewesen – verwunderlich, hatten Verwaltung und Gemeinderäte bei den Planungen im Vorfeld immer von „größtmöglicher Transparenz und Beteiligung“ gesprochen. Aus der Gruppe von Geschäftsleuten gehen nur zwei Hände hoch, wenn man fragt, wen die Gemeinde eingeladen hatte. Brigitte Seizer-Kotzian von der Tanzschule am Marktplatz 2 sei damals „einfach mitgegangen“, als ihr jemand von dem Treffen erzählte – „schließlich geht uns das ja alle massiv was an, wann was gemacht wird. Das beeinträchtig ja unser aller Geschäftsleben“. Schon bei diesem ersten Treffen habe sie den Vertretern im Rathaus bei der Präsentation gesagt: „Wir haben hier alle Angst!“ Angst, was aus ihren Geschäften, ihren Verdiensten wird, während der Bauphasen. Aber schon damals habe sie sich „überhaupt nicht erst genommen gefühlt – als wäre man uns gegenüber völlig gleichgültig“. Ein Gefühl, das sich bis heute, sechs Monate und einige Gespräche mit Bürgermeister Franz Obesser später, hat sich an diesem Gefühl bei diesen Geschäftsleuten nichts geändert.

Umbau am Marktplatz Indersdorf: So sieht der Eingang der Bäckerei Seidl aus. Den ganzen Juli hatte die Bäckerei geschlossen, zu schlecht sei die Filiale erreichbar gewesen sagen die Inhaber

„Man wird einfach immer so abgetan“

„Man wird einfach immer so abgetan“, sagt Elisabeth Wirth, Inhaberin des Bettenfachgeschäfts Traumraum am Marktplatz 8 enttäuscht. Sie hätte sich gewünscht, dass die Geschäftsleute mal „alle zusammen ins Rathaus eingeladen worden wären. Und, dass wir bei den Treffen genaue Infos bekommen hätten, was wann auf uns zukommt“. Das sei ihnen nämlich oft gar nicht oder erst ganz kurz vorher klar gewesen. Die einzigen Treffen, die es gab, seien auf Anregung der Geschäftsleute selbst zustande gekommen. „Uns hat der Bürgermeister versichert, dass der Marktplatz immer einseitig befahrbar sein soll“, sagt Andrea Seidl, Inhaberin der Bäckerei Seidl am Marktplatz 6. „Und dann: hat man ohne Vorwarnung so einen Zettel im Briefkasten“, einen Zettel, auf dem steht, dass der Bauausschuss kurzfristig am 29. Juni entschieden hat, dass der Marktplatz am 3. Juli für drei Wochen voll gesperrt wird. Und das, obwohl kurz zuvor noch „eine Mitarbeiterin des Bauamts in meinen Laden gekommen ist und gefragt hat, ob ich mit einer Vollsperrung einverstanden bin – was ich ganz klar abgelehnt habe“, sagt Heiko Barth, Inhaber von Sport Barth am Marktplatz 12.

Am Marktplatz 2 haben die Geschäftsinhaber dieses Schreiben zur Vollsperrung nie erhalten – keine der betroffenen Parteien. „Wahrscheinlich ist der Marktplatz 2 zu weit weg vom Marktplatz 1“, scherzt Herbert Oberacher von Gourmedici. Seine Kollegin Erika Eberhard weiß, „was für ein unglaublicher Mehraufwand es war, alleine die Waren-Lieferungen zu koordinieren.“ Andere Geschäfte wie das Café Zimtstern am Marktplatz 11 werden „gar nicht mehr angeliefert“, sagt Vanessa Vettori, Café-Inhaberin. Sie muss ihre Ware selbst aus Dachau mitbringen – die Brauerei habe „klar gesagt, so kommt sie nicht mehr“.

Umbau am Marktplatz Indersdorf:  Vielen Geschäften bleiben die Kunden weg. Das Café Zimtstern betont mit seiner Schaufensteraufschrift: „Wir haben geöffnet“, doch im August wird das Café aus finanziellen Gründen für drei Wochen schließen

Eine Geschäftsfrau wandte sich in ihrer Not sogar an den Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath

Andrea Seidl wandte sich in ihrer Not sogar an den Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath. Der meldete sich Ende Juli in einer E-Mail an Bürgermeister Franz Obesser zu Wort – Obesser hatte Seidenath ebenfalls nach staatlichen Hilfen für die Unternehmer gefragt. Seidenath hatte dazu eine klare Meinung: Die Vollsperrung in der aktuell praktizierten Weise sei nicht vorgesehen, sondern es sei angekündigt gewesen, dass die Durchfahrt jeweils einspurig möglich sein solle. Hierfür stehe, so meine er, nicht das Land oder der Bund in Verantwortung. Er fragte Obesser klar: „Habt Ihr in Indersdorf einmal darüber nachgedacht, Eure in der Umbauphase so stark betroffenen Läden zu stützen?“ Das hätten „wir uns von der Gemeinde auch gewünscht – Unterstützung“, sagt Vanessa Vettori. Auch ihr Steuerberater sei sicher gewesen, dass es von der „Gemeinde bestimmt, Ausgleichszahlungen geben wird“, aber: „Da kommt nix. Da wird nicht mal versucht, einen Weg zu finden“, sagt sie resigniert. Nicht mal „eine Nachfrage, wie es uns geht – in all der Zeit. Nicht vom Bürgermeister, nicht von den Gemeinderäten“, stellt Seizer-Kotzian ernüchtert fest.

Es kommen kaum noch Kunden

Auch der Zugang zu den Geschäften sei schlecht. „Zumindest nicht so, dass gerade ältere Kunden die Läden noch erreichen konnten“, wie Seizer-Kotzian sagt. Die Seidels hatten vor ihrer Bäckerei eine „solche Grube vor der Tür“, dass sie sich gezwungen sahen, die Filiale am Marktplatz einen Monat zuzusperren. „Da kommt doch keiner, wenn er nicht vernünftig in den Laden kommt oder wenn er vom Volksfestparkplatz aus zu uns laufen soll, nur weil er eine Breze kaufen will“, sagt Jürgen Seidl. Alle, die ihre Geschäfte bisher offen ließen, beschreiben dasselbe: Es kommen kaum noch Kunden. „Manchmal nicht einer am Tag“, wie Elisabeth Wirth sagt. „Das einzige, was bei uns noch passiert sind Passbilder“, sagt Tanja Matheis, Inhaberin von Foto Fiedler.

Auch bei kleinen Dingen sei die Gemeinde den Geschäftsleuten nicht entgegengekommen. „Ich hatte vorgeschlagen, ob es nicht möglich ist, den Parkplatz am Rathaus für unsere Kunden zu nutzen“, erzählt Heiko Barth. Diese Idee sei „ganz schnell abgeschmettert worden“.

Einer, der die Situation entspannter sieht, ist Herbert Forche, Geschäftsführer des Lokals Butchers. „Aber“, stellt er klar, er habe es auch viel leichter als „die anderen Geschäftsleute am Marktplatz. Ich kann die natürlich verstehen. Die machen ihren Umsatz unter Tags – wir haben unser Hauptgeschäft abends“, dann, wenn keiner mehr an der Baustelle arbeitet und „auch die Straße teilweise wieder aufgemacht wurde“. Forche fühle sich „gut über die Bauabläufe informiert“, er betont aber auch: „Ich habe mich einfach selber informiert“, heißt: Forche unterhielt sich viel mit den Bauarbeitern vor Ort. Auch mit Olaf Schellenberger sei der Kontakt auf der Baustelle, „informativ gewesen“. Zudem sei er froh, dass ihm „die Gemeinde großzügig entgegengekommen ist, was die Sitzplätze vor dem Lokal betrifft“. Da die Abstands-Situation wegen der Pandemie schwierig sei, „hat mir die Gemeinde erlaubt, meine Freischankfläche zu vergrößern“.

Die Geschäftsleute versuchen ihre Kunden mit einem Banner und Werbetafeln mit Parkinfos auf ihre, trotz Baustelle geöffneten Läden aufmerksam zu machen

Bürgermeister betont: „Uns und mir sind unsere Geschäftsleite alles andere als egal. Ganz im Gegenteil!“

Konfrontiert mit den Vorwürfen, will Bürgermeister Franz Obesser allem voran eines betonen: „Uns und mir sind unsere Geschäftsleite alles andere als egal. Ganz im Gegenteil!“ (Siehe auch Stellungnahme im Infokasten unten.)

Doch den Eindruck, dass Obesser oder den Gemeinderäten etwas an den Geschäftsleuten am Marktplatz liegt, hat Seizer-Kotzian nicht: „Es kam nie eine Aufmerksamkeit, eine Nachfrage, wie es uns geht, oder ob sie irgendetwas für uns tun können.“ Für die Betreiberin des Café Zimtstern ist die Situation wegen der Baustelle so schlecht, dass sie im August nun für drei Wochen zumacht. Sie bedauert diesen Schritt sehr: „Ich habe sonst nie im August geschlossen, aber: Mir bleibt nichts anderes übrig!“ Ihre Mitarbeiterin gehe in Urlaub und „eine Aushilfe zu zahlen, ohne dass man entsprechende Einnahmen hat, kann ich mir definitiv nicht leisten“. Jürgen Seidl gibt zu bedenken: „Man will ja, dass der Marktplatz später noch belebt ist – dass es uns noch gibt, wenn er fertig ist.“ Vettori und er betonen: Ohne die jeweils zweite Filiale „wäre das nicht machbar. Da geht man kaputt“. Die Geschäftsleute hoffen jetzt auf Unterstützung ihrer Kunden.

Bürgermeister Franz Obesser räumt Fehler ein und betont: „Es tut mir leid, wie das gelaufen ist.“

Der Punkt, den viele Geschäftsleute als Beginn des Kommunikations-Problems sehen, ist eine detaillierte Infoveranstaltung im Februar – die Geschäftsleute denken: Kaum jemand sei eingeladen gewesen. Doch hier widerspricht Bürgermeister Franz Obesser vehement: „Wir haben alle Eigentümer der Gebäude eingeladen“. In den Schreiben stand unter anderem explizit: „Sicher haben Sie viele Fragen, was während der Baumaßnahmen auf Sie zukommen wird“ und „Bitte informieren Sie auch gegebenenfalls Ihre Mieter oder Pächter der Anwesen, damit diese ebenfalls an der Informationsveranstaltung teilnehmen können.“

Weitere Probleme haben ebenfalls mit dieser Veranstaltung zu tun, zum Beispiel der Vorwurf der Geschäftsleute, warum es nie von der Gemeinde organisierte Treffen gegeben habe, um zu erfahren, was wann genau passiert: Alles sei bisher bei der Baustelle nach Plan gelaufen, genau wie bei der Veranstaltung im Februar vorgestellt, so Obesser. Es gebe – bis auf die dreiwöchige Vollsperrung im Juli – keine Abweichung von den vorgestellten Plänen. Deshalb habe es auch keine Treffen gegeben, erklärt er. Zudem habe er geglaubt, dass „wir mit dem Baubüro und vor Ort immer erreichbar waren“.

Eine Sache bedauert Obesser jedoch sehr – die geringe Kommunikation wegen der außerplanmäßigen Vollsperrung Im Juli, die aus Sicherheitsgründen eingerichtet worden sei. Die Gemeinde hatte – zudem nicht alle – Anlieger nur per Wurfzettel informiert. „Das ist nicht positiv gelaufen, das hätten wir besser machen sollen!“ Doch Obesser ist ganz wichtig, wie er sagt, dass sich die Situation bessert, dass „sich unsere Geschäftsleute wertgeschätzt und ernst genommen fühlen!“

Er betont: „Es tut mir leid, wie das gelaufen ist.“ Er sei sich sehr wohl bewusst, dass es für die Geschäftsleute eine sehr enorme Belastung sei – „erst wegen Corona, und jetzt wegen des Umbaus“. Deshalb wünscht er sich, dass alle – damit meint er Kunden – „zusammenhalten und regional einkaufen und somit die Geschäfte stärken.“ Er erklärt aber auch: Von der Gemeinde gibt es keine finanzielle Unterstützung wie Ausgleichszahlungen

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Pflegedirektorin verlässt Klinikum - nach nur einem Jahr
Pflegedirektorin verlässt Klinikum - nach nur einem Jahr
Chaos in Stetten wegen rücksichtsloser Autofahrer
Chaos in Stetten wegen rücksichtsloser Autofahrer
Trotz Corona: Stadt will Weihnachtsstimmung retten
Trotz Corona: Stadt will Weihnachtsstimmung retten
Reifen von drei Fahrrädern im Dachauer Radlparkhaus zerstochen
Reifen von drei Fahrrädern im Dachauer Radlparkhaus zerstochen

Kommentare