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Hier kam Ilian auf die Welt: auf dem Pfundmayr-Hof (Hofname Heiß) in Vierkichen.

Weg des Erinnerns in Indersdorf

Damit Ilians Tod nicht vergessen wird

  • vonChristiane Breitenberger
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Viele waren noch Babys. Die meisten wurden nur wenige Tage alt. Mindestens 35 Kleinkinder starben im letzten Kriegsjahr in der so genannten Kinderbaracke in Indersdorf. 63 Kinder von osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen im Landkreis waren dort untergebracht. An sie will Heimatforscherin Anna Andlauer jetzt mit einem Gedenkweg erinnern.

Vierkirchen/Indersdorf – Die beiden lernten sich kennen, verliebten sich und: bekamen einen Sohn. Ilian. Sie tauften ihn in Vierkirchen stolz auf den Namen des Papas. Für eine kurze Zeit fühlten Ilian Nidzinski und Stanislawa Jankowska Glück. Glück in einer grausamen Zeit. Ihr kleiner Sohn wurde nur 49 Tage alt. Er starb in der Kinderbaracke in Indersdorf – wie 34 andere Kinder dort. Unerträglich junge Opfer des Nationalsozialismus. Über ihre grausamen Todesumstände ist bis heute leider viel zu wenig bekannt, sagt Heimatforscherin Anna Andlauer (siehe Infokasten unten).

Es gibt viele Geschichten, die liest man in keinem Geschichtsbuch, findet sie in keinem Museum. Ilians Geschichte ist dank Rosi Zeiner aus Vierkirchen nicht vergessen. Sie war damals acht Jahre alt, als Ilian Nidzinski und Stanislawa Jankowska wie viele andere Ostarbeiter auf deutschen Höfen arbeiteten.

Die junge Stanislawa war damals Magd in Vierkirchen, Hof Nummer 17, damals noch Pfundmayr, weiß Rosi Zeiner. Auf dem Hof ihrer Eltern arbeitete Ilian Nidzinski, damals 27 Jahre alt. Er lernte Stanislawa vom quasi Nachbarhof kennen und verliebte sich. Seiner Stanislawa ging es genauso, wenig später kam ihr Sohn zur Welt.

Ilian wurde am 9. Dezember 1944 um 5.30 Uhr auf dem Hof der Pfundmayrs geboren, getauft wurde er am 20. Dezember in der Jakobskirche in Vierkirchen, und am 27. Januar 1945 starb er in der Kinderbaracke in Indersdorf. Für all das gibt je es ein offizielles Dokument, das diese Daten in Ilians kurzem Leben bestätigt. Was es nicht gibt, ist jemand, der erzählen kann, wie Ilian wirklich gestorben ist, wie er gelitten haben muss. Denn damals verlangten die Nationalsozialisten, dass alle Babys und Kleinkinder der osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen in die Kinderbaracke in Indersdorf gebracht werden.

Ilian wurde nur 49 Tage alt, beweist dieses Dokument

Rosi Zeiner ist es wichtig, an die Geschichte von Ilian zu erinnern. Sie selbst war ja noch ein Kind, als sie hörte, dass das Baby gestorben war. Die Mutter, Stanislawa Jankowska, kam dann auch zu ihnen auf den Hof. Das Paar musste nach dem Krieg wieder zurück nach Polen, heiratete aber noch kurz vorher in Pasing. Viele Jahre später, als Zeiner selbst bereits eine junge Frau war, kam der erste Brief aus Polen,

Eine liebevolle Brieffreundschaft zwischen der Vierkirchnerin und der früheren Magd entstand. 

Diese Fotos schickte Ilians Mutter an ihre Brieffreundin Rosi Zeiner: alte Bilder von sich, Stanislawa Jankowska und ihrem Mann Ilian Nidzinski. 

„Damals mussten wir noch immer zum Konsulat, die Briefe übersetzen lassen“, erinnert sich Rosi Zeiner, später übernahm das eine Frau in Vierkirchen für sie, die polnisch sprach. Stanislawa schickte Fotos von sich und ihrem Ehemann Ilian, ihren beiden Söhnen, später Familienfotos mit den Schwiegertöchtern und den Enkeln. Rosi Zeiner schickte Bilder und Pakete mit Kleidung – „sie hatten ja kaum was dort“, weiß sie. Über Baby Ilian, das damals so jung in Indersdorf sterben musste, sprachen sie in ihren Briefen nie. Irgendwann, als sie später eingespannt waren mit ihren Familien, schlief der Briefwechsel ein. Heute, da an Ilian mit einer Tafel mit den Namen aller verstorbener Kinder der Kinderbaracke erinnert werden soll, will Rosi Zeiner wieder nach Polen schreiben. Sie denkt zwar nicht, dass Ilians Mutter noch lebt, aber seinen Brüdern will sie davon erzählen.

Für die Kinder aus der Kinderbaracke, aber auch für die Kinder, die in der Nachkriegszeit im Indersdorfer Kloster untergebracht waren und dort Hilfe bekamen, will Anna Andlauer einen „Weg des Erinnerns“ mit fünf Stationen ins Leben rufen.  

Die so genannte Kinderbaracke von Indersdorf

Im letzten Kriegsjahr verlangten die Nationalsozialisten, dass alle Babys und Kleinkinder der osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen in so genannte Kinderbaracken gebracht wurden – die „Frauen sollten arbeiten, sich nicht um ihre Kinder kümmern“, weiß Heimatforscherin Anna Andlauer. Nur wenig ist über die Kinderbaracke im Landkreis Dachau bekannt, die die Nazis offiziell als „Kinderpflegestätte Indersdorf“ errichteten. Andlauer weiß, dass sie von 1944 bis 1945 dort stand, wo heute der Kindergarten St. Vinzenz ist. Sie weiß, dort sind „von 63 in dieser Baracke untergebrachten Kleinkindern osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen mindestens 35 an den Folgen der menschenverachtenden Zustände zu Tode gekommen“. Manche Mütter versuchten verzweifelt, ihre Kinder dort rauszuholen, „sie irgendwie zu retten, als sie bemerkten, in welch schlechtem Zustand ihre Kleinen waren“. Wie die Mutter von Wassili Pschika, die Ukrainerin Irene Pschika. Sie nahm ihren völlig unterernährten Sohn mit auf den Koanznhof in Untergeiersberg, wo sie als Magd arbeitete. „Die Familie muss das Kind dann illegal versteckt haben“, vermutet Andlauer. Doch nur kurz danach starb Wassili, sein Zustand war einfach zu schlecht. Nur wenige aus der Kinderbaracke haben überlebt. „Sie alle waren völlig unterernährt und unterversorgt“, sagt Andlauer. Eine Mutter habe gehört, Kindern sei Petroleum gespitzt worden, weiß die Heimatforscherin. In einem alten Kassenbuch waren Todesursachen notiert wie: angeborene Lebensschwäche, Brechdurchfall. Viele dieser Kinder sind auf dem Bezirksfriedhof in Indersdorf begraben, seit Jahren erinnern dort Stelen an ihre Namen – jetzt soll es zusätzlich einen Gedenkweg geben.

 

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