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Gedenken oder Andenken? Eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Austerlitz“, in der eine Familie für ein Foto vor dem historischen Eisentor der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen posiert. 

Massentourismus in KZ-Gedenkstätten

Selfies am Ort des Gedenkens

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Dachau - Nur ein weiterer Punkt auf der Urlaubsliste? Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa wirft in seinem Film „Austerlitz“ die Frage auf, ob KZ-Gedenkstätten zu reinen Sehenswürdigkeiten für den Massentourismus verkommen. In Dachau setzen die Mitarbeiter vor allem auf das Gespräch mit dem Besucher.

Die Menschen stehen Schlange vor dem Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Nicht, um hindurchzugehen. Sondern für ein Foto. Hände ans Gitter, Lächeln, Pose, Klick. Und der Nächste. Es wirkt wie eine Dauerschleife. Ist aber keine. Sondern eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Austerlitz“, der gerade in den Kinos angelaufen ist. 94 Minuten lang zeigt der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa darin Aufnahmen von den Besuchermassen in den KZ-Gedenkstätten Dachau und Sachsenhausen. Unkommentiert und in schwarz-weiß wird der Trubel an den ehemaligen Orten des Schreckens zur Studie über das menschliche Verhalten.

Ist es angemessen, in einer Gedenkstätte eine ausgiebige Brotzeitpause einzulegen? Sich vor Holzpflöcken, an denen früher Häftlinge gefoltert wurden, mit erhobenen Armen fotografieren zu lassen? Mit Selfiestick und Kamera jeden Winkel auszuleuchten, wie ein Sicherheitsmann am Flughafen beim Abtasten? Ist das noch Gedenken? Oder zählt nur noch das Andenken?

Das sind die Fragen, die Loznitsa aufwirft. Mit Bildern, die er bewusst ausgewählt hat aus über 200 Stunden Material – um die Motivation der Besucher zu begreifen, wie er sagt. Aber benehmen sich wirklich so viele daneben? Oder ist Loznitsas Werk nur ein zugespitzter Ausschnitt aus der Realität?

Uli Unseld muss es wissen. Er arbeitet seit acht Jahren in der Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte Dachau und ist verantwortlich für die Ausbildung der Guides, die die Rundgänge begleiten. Draußen pfeift ein eisiger Wind über den ehemaligen Appellplatz. Durchs Fenster des Verwaltungsbaus, in dem Unseld sitzt, kann man das eiserne Eingangstor sehen (eine Nachbildung – über die Rückführung des gestohlenen Originals aus Norwegen verhandeln noch immer die Behörden). Eine Gruppe steht vor dem Tor und macht Fotos.

Unseld hat selbst schon unzählige solcher Gruppen durch die Gedenkstätte geführt. Zu unangenehmen Zwischenfällen kam es dabei nur selten. „Jeder Guide löst das anders, aber ich weise die Besucher gleich am Anfang darauf hin, dass dieser Ort hier auch ein Friedhof ist. Das wirkt. Da braucht es keine Moralkeule.“

Im Zweifel kann Unseld auf die Besucherordnung verweisen. Darin heißt es etwa, dass das Essen auf dem ehemaligen Lagergelände nicht gestattet ist. Oder dass keine Kleidung mit rechtsradikalem Hintergrund erlaubt ist. Hin und wieder gibt es solche Fälle. Ein italienischer Besucher trug mal ein T-Shirt eines englischen Modelabels, dessen Logo dem NSDAP-Parteiadler ziemlich ähnlich sieht. „Als wir ihn darauf hingewiesen haben, war ihm die Sache ziemlich peinlich und er hat sein T-Shirt auf links angezogen.“

Gegen die vielen Fotos hat Unseld grundsätzlich nichts einzuwenden. „Ein Bild ist ja auch ein Mittel, um die Beweiskraft des Ortes zu zeigen. Ich halte das nicht für verwerflich – solange keine negative Inszenierung stattfindet.“ Wie bei dem rekonstruierten Prügelbock, an dem in Dachau hin und wieder Gäste posierten. Mittlerweile wird das Exponat anders, etwas erhöht, präsentiert. Seitdem gibt es keine unangemessenen Fotos mehr.

Aber was treibt so viele Menschen in die Gedenkstätten? Diese Frage bewegt nicht nur Regisseur Loznitsa, auch Forscher befassen sich mit dem Phänomen „dark tourism“, dem Bedürfnis, Orte des Schreckens zu besuchen. „Die Motive erfahren auch wir häufig nicht“, sagt Unseld. „Wichtig für uns ist, dass die Leute da sind.“ Und einen Eindruck gewinnen. „Wenn die Menschen mit mehr Fragen nach Hause gehen, als sie gekommen sind, dann haben wir vieles richtig gemacht.“

So wie bei einer Reisegruppe aus der Schweiz, die kürzlich in Dachau war. „Während des Rundgangs kamen kaum Fragen“, sagt Unseld. Unbefriedigend für einen Guide, der eigentlich das Gespräch suchen will. „Aber nach einer Woche kam die erste E-Mail mit einer Nachfrage.“ Seitdem meldeten sich immer mehr Besucher aus der Gruppe mit neuen Fragen, neuen Gedanken. Ziel erfüllt.

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