Maria Seidenberger wäre heute 85 Jahre alt geworden. kn

Mehr als eine Gewissensfrage

Dachau - Die Geschichte von Maria Seidenberger ist alles andere als gewöhnlich. Und doch war sie lange Zeit nicht bekannt. Die Dachauerin war viel zu bescheiden, um zu erzählen, wie sie als 17-Jährige ihr Leben riskierte, um KZ-Häftlingen zu helfen. Heute wäre die Trägerin des Zivilcourage-Preises 85 Jahre alt geworden.

Wäre es nach Maria Seidenberger gegangen, wäre ihre Geschichte niemals bekannt geworden. „Irgendetwas musste man ja machen“, sagte sie viele Jahrzehnte später, als ihr die Stadt Dachau 2005 den ersten Preis für Zivilcourage verlieh. Sie ist ihren Gewissen gefolgt, betonte Maria Seidenberger immer wieder.

Was sie damals getan hat, war weit mehr als eine Gewissensfrage. Die Hebertshauserin war mutiger als die meisten anderen Menschen in ihrem Umfeld. Sie hat jahrelang gemeinsam dem Häftling Karel Kasák Briefe der KZ-Insassen an deren Familien weitergeleitet - und damit Hoffnung gespendet. Sie hat verbotene Aufzeichnungen der Häftlinge in ihrem Elternhaus versteckt und heimlich aufgenommene Fotos in einem Labor in München entwickelt, in dem sie damals arbeitete. Immer in dem Wissen, damit ihr eigenes Leben und das ihrer Familie zu riskieren. „Ich hatte damals keine Zeit für Angst“, sagte sie viele Jahre später. „Warum hätte ich es nicht machen sollen, wenn die Möglichkeit bestand?“

Das Leben im Konzentrationslager zu dokumentieren war nicht nur für die Häftlinge ein großes Risiko. Die Lagerleitung hatte ein großes Interesse daran, keine Zeugnisse ihrer Taten nach außen dringen zu lassen. Maria Seidenberger hat nicht nur zahlreiche Tagebucheinträge und Briefe an Angehörige gerettet und weitergeleitet, sondern auch erschreckende Fotos entwickelt. Bis auf die Knochen abgemagerte nackte Häftlinge, grinsende Soldaten unter erhängten russischen Partisanen. Jeder einzelne Abzug bedeutete für sie höchstes Risiko - ein Negativschnipsel in den falschen Händen hätte ausgereicht, um verhaftet oder ermordert zu werden.

Erst durch das geheim geführte Tagebuch des tschechischen Häftlings Kasak ist die Öffentlichkeit nach vielen Jahrzehnten auf Maria Seidenberger aufmerksam geworden. Die Stadt Dachau verlieh ihr daraufhin die Auszeichnung. „Eine längst überfällige Ehrung“, hieß es damals. Doch auch der Preis änderte nichts an Seidenbergers Bescheidenheit. Was sie getan hat, blieb für sie immer eine Selbstverständlichkeit.

Maria Seidenberger starb vergangenes Jahr. Heute wäre die Trägerin des Zivilcourage-Preises 85 Jahre alt geworden. (kwo)

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