Mehr als ein Konzert: Jerusalem Academy Choir in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Dachau - Am Donnerstag gab der Jerusalem Academy Choir in Dachau ein Konzert. Schon das ist ein Ereignis. Die jungen Israelis traten auf dem Gelände des KZ auf - gemeinsam mit einem deutschen Chor, dem Vokal Ensemble München. Was folgte, war weit mehr als eine Musikveranstaltung.

Es war ein bedeutungsschwerer Abend, ein Abend voller Symbole. Nie zuvor waren ein israelisches Orchester oder ein Chor in Dachau aufgetreten. Doch jetzt fanden 40 junge israelische Sängerinnen und Sänger unter Leitung von Stanley Sperber den Mut und die Größe, diesen Graben zu überwinden.

Über 300 Zuhörer erwarteten sie auf der anderen Seite. Unter ihnen einer der großen Brückenbauer der vergangenen Jahrzehnte, Max Mannheimer, der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau und Ehrenbürger der Stadt. Die Tore der kleinen Versöhnungskirche waren weit geöffnet, auf dem Vorplatz mussten zusätzliche Stuhlreihen aufgestellt werden.

„Wir leben nicht mehr in der Vergangenheit“, erklärte Sperber, „wir alle leben heute und wir wollen gemeinsam mit Ihnen in die Zukunft schauen.“

Gemeinsam - das war das Schlüsselwort des Abends. Denn der Jerusalem Academy Choir gab sein Konzert gemeinschaftlich mit dem Vokal Ensemble München, das der Karlsfelder Pfarrer und Kirchenmusiker Martin Zöbeley leitet. Auch die Programmzusammenstellung war symbolträchtig. Der Jerusalem Choir eröffnete mit einem hebräischen Friedensgebet des US-Schweizer Komponisten jüdischer Herkunft, Ernest Bloch. Eine Gratwanderung zwischen Dur und Moll, wie der ganze Abend. Das Publikum folgte mit angehaltenem Atem. Wie halten diese jungen Musiker solch einem historischen Moment stand, fragte sich mancher der Zuhörer.

„Für manchen war es sehr schwierig“, berichtete Sperber nach dem Konzert. „Doch sie sind alle Sänger - Musik ist stärker als das individuelle Leiden, Musik ist die Sprache der Versöhnung.“ Wobei es eine der jungen Künstlerinnen nicht über sich brachte, an dem Ort, an dem ihr Großvater ermordet wurde, aufzutreten.

Michal Front (22) hingegen sang. Die Urgroßeltern der jungen Sängerin waren in Auschwitz ermordet worden. „Es ist wichtig, dass wir unsere Musik hierher bringen.“

Auch für das Vokal Ensemble München war es diffiziler Abend - musikalisch wie menschlich. „Wobei wir unsere Geschichte nicht mit der der Holocaust-Nachkommen vergleichen können und wollen“, betonte Martin Zöbeley. Doch sowohl seine Programmwahl als auch die Stimmkraft seiner Sängerinnen und Sänger waren der schwierigen Aufgabe gewachsen. „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu dir“. Die Vertonung des 130. Psalms in einer Version des katholischen Komponisten Heinrich Kaminski, der von den Nazis als „Halbjude“ eingestuft worden war, war als Antwort und Bitte Zöbeleys zu verstehen.

Die letzten Stücke des Abends hatten die beiden Chöre in kürzester Zeit gemeinsam einstudiert. Darunter ein Werk Paul Ben-Haims, der als Paul Frankenburger in München geboren wurde und 1933 emigrierte. Großer Jubel, Umarmungen und Tränen der Rührung zum Schluss. (kra)

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