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Bayern 1919: der Dachauer Schriftsteller und Schauspieler Michael Lerchenberg (rechts) mit der Revolutionskapelle im Ludwig-Thoma-Haus. 

Lesung im Thomahaus

Wild, aufregend und grausam: Michael Lerchenberg blickt auf die Zeit der Revolution vor 100 Jahren

Der Schauspieler, Kabarettist und Schriftsteller Michael Lerchenberg bringt seinem Publikum die Zeit vom November 1918 bis zum Frühjahr 1919 sehr nahe und damit, wie er sagt, „die Zeit der wildesten, aufregendsten und grausamsten der bayerischen Geschichte“.

Dachau –Es beginnt mit scheinbar heiterer bayerischer Volksmusik. Nach ein paar Takten erst kommt einem der Text dazu in den Sinn: „Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht, die Internationale erkämpft das Menschenrecht.“

 Die „Internationale“ also, das weltweit verbreitete Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, wird beschwingt von der „Revolutionskapelle“ angestimmt und führt direkt ins Thema: Bayern und die Revolution vor 100 Jahren. Der Schauspieler, Kabarettist und Schriftsteller Michael Lerchenberg bringt seinem Publikum die Zeit vom November 1918 bis zum Frühjahr 1919 sehr nahe und damit, wie er sagt, „die Zeit der wildesten, aufregendsten und grausamsten der bayerischen Geschichte“.

 Lerchenberg macht es mit Leidenschaft bei gleichzeitiger objektiver Distanz, mit Herzblut und analytischem Blick, mit eben so viel Gefühl wie mit unglaublich viel recherchierten Informationen. Nach diesen zweieinhalb Stunden im Ludwig-Thoma-Haus ist man zwar etwas erschöpft, aber auch erfüllt von der tiefen Menschlichkeit, die Lerchenberg ausstrahlt.

Es beginnt mit dem Traum von Friede, Freiheit und Sozialismus. Vor allem in Schwabing, „dem Zentrum des freien Denkens“, finden sich viele Intellektuelle, Künstler, Dichter, die sich eine friedliche Zukunft wünschen nach den Jahren des Ersten Weltkrieges.

Auch der Schriftsteller Ernst Toller gehört zu ihnen, für ihn sind Visionen wichtig: „Wer keine Kraft zum Traum hat, hat keine Kraft zum Leben.“ Idealist und Pazifist ist auch Kurt Eisner, bis 1917 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Danach trat er der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschland (USPD) bei. Er wurde zum führenden Kopf der revolutionären Umwälzungen in Bayern.

In der Nacht zum 8. November 1918 ruft er den berühmten Satz aus: „Bayern ist fortan ein Freistaat“ und erklärt das herrschende Königshaus der Wittelsbacher für abgesetzt. Ludwig der III. und seine Familie fliehen.

Michael Lerchenberg erzählt dazu eine Anekdote aus dem Königshaus: Prinzessin Pilar von Bayern sieht an diesem Novemberabend, dass sich ihre Mutter noch gar nicht die Haare zur Nacht gerichtet hat, also noch kunstvoll frisiert ist. Wenn schon Revolution, so deren Erklärung, dann den Revoluzzern gepflegt begegnen.

Es gründet sich der Arbeiter- und Soldatenrat. Er bleibt bis Ende April 1919 die maßgebliche Kraft der bayerischen Revolution. Kurt Eisner wird der erste bayerischen Ministerpräsident. Die Liste der politischen Erfolge der neuen Räteregierung ist lang: Frauenwahlrecht, Einführung des Acht-Stunden-Tages und einer 44-Stunden-Woche, Recht auf Gesundheit, Bildung und eine „gute Wohnung“.

Die „Revolutionskapelle“ um Simone Lautenschlager (Klarinette), Sabrina Walter (Harfe), Ferdinand Schramm (Trompete) und Martin Holzapfel (Tuba und Quetschen) umrahmt nicht nur die Lesung. Sie unterstützt sie in ihrer Wirkung, trägt zum Schmunzeln bei durch Lieder vom Weiß Ferdl oder Erich Mühsam. Aber vor allem berühren die Musiker. Mit dem dumpfen Trauermarsch etwa, den sie intonieren, als Lerchenberg vom Begräbnis Eisners erzählt. Der Ministerpräsident wurde am 21. Februar 1919 ermordet.

Michael Lerchenberg lässt vor allem Zeitzeugen zu Wort kommen, die mitten drin waren – als Täter, als Opfer oder Beobachter: Thomas Mann, Oscar Maria Graf, Victor Klemperer, Felix Fechenbach oder Erich Wollenberg, den Stabsadjudanten der „Bairischen Roten Armee“ in der „Schlacht von Dachau“.

Im zweiten Teil des Abends gibt Lerchenberg ein „Dachau-Special“, wie er es formuliert. Er ist hier geboren, hatte hier seine Großeltern väterlicherseits. Den Einsatz der Roten Armee im April 1919 im Landkreis beschreibt Lerchenberg so: „Ein wilder Haufen trifft auf den wohlorganisierten Feind.“ Der Feind sind die Regierungstruppen, die „weiße Armee“, die schon bis Karlsfeld vorgedrungen ist. „Karlsfeld kann nicht gehalten werden“, und so zieht sich die Rote Armee nach Dachau zurück. Es kommt unter der Einsatzleitung von Ernst Toller zur Schlacht, „die Weißen“ ergreifen die Flucht. Frauen und Arbeiter verhindern, dass es zu einem Blutbad kommt.

Trotz des Ausbaus einer befestigten Front zwischen Etzenhausen über Webling bis Günding mit 7,5 Kilometer Länge kommt es am 30. April zum Sieg der weißen Truppe und der Freikorps. Das Ende der Räterepublik ist eingeleitet. Und der Anfang einer antijüdischen, nationalsozialistischen Ära ist eingeläutet.

Wenn Lerchenberg von den Qualen, Folterungen und Erschießungen erzählt, die dieses Ende auslöst, liegt eine erschütterte Stille im Saal. Die anfangs so heiter – bayerische Internationale kommt jetzt in düsterem Moll ins Ohr und ins Herz.

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