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Minguet Quartett auf Spurensuche

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Über die Vielfalt seine Identität gefunden hat das Minguet Quartett (von links): Ulrich Isfort, Annette Reisinger (verdeckt), Aroa Sorin und Matthias Diener.  Foto: Horst Kramer
Über die Vielfalt seine Identität gefunden hat das Minguet Quartett (von links): Ulrich Isfort, Annette Reisinger (verdeckt), Aroa Sorin und Matthias Diener. Foto: Horst Kramer

Dachau - Eigentlich wollte sich das Minguet Quartett vor dem Klaviervirtuosen Glenn Gould verbeugen. Das Konzert im Dachauer Schloss entwickelte sich jedoch zu einer Suche nach den Spuren Johann Sebastian Bachs.

Ein renommiertes Streichquartett erweist einem Pianisten-Genie die musikalische Ehre. Eine nicht ganz einfache Disziplin, schon instrumententechnisch. Allerdings hatte sich Glenn Gould (1932 - 1982) auch kompositorische Sporen erworben. Mit einem Streichquartett; dem ersten und letzten nummerierten Opus des Kanadiers. Am Anfang steht bei Gould indes BACH, Johann Sebastian Bach (1685-1750). Den Namen des barocken Übervaters muss man groß schreiben, um dessen Bedeutung für den Klavier-Exzentriker zu betonen.

Der 22-jährige Gould gab zu Beginn seiner Karriere mit seiner Einspielung der Goldberg-Variationen (1954) gleichsam einen James Dean der Musikszene: Er kümmerte sich nicht um gängige Bach-Konventionen und propagierte das Recht des Interpreten auf eine Neuschöpfung der Klassiker.

Daran sollten wohl die vier Contrapuncti aus der Kunst der Fuge (BWV 1080) erinnern, mit denen das Minguet Quartett den Abend eröffnete. Sie nutzten das Stück als Medium, um ihr musikalisches Konzept vorzustellen. Das Tetrapack setzt dabei auf eine Klangdramaturgie, die sich aus den Bühnencharakteren ihrer Protagonisten ergibt. Die zweite Geigerin Annette Reisinger verkörpert die Passion der Gruppe, ihr leidenschaftlicher Ton reißt mit. Reisingers Gegenpol bildet der Cellist Matthias Diener, der einen kontrollierten Bogen, einen kühlen Strich bevorzugt.

Minguet-Gründer Ulrich Isfort an der ersten Geige gibt den Konzertmeister, lässt seinen Mitspielern viel Raum, um dann zuweilen durch hell glänzende Melodiebögen Akzente zu setzen. Das emotionale Zentrum des Ganzen und (mit Verlaub) die Hefe, die den Teig zum Quellen bringt - das ist die Bratschistin Aroa Sorin. Der daraus gemischte Vierer-Bach wirkte überraschend hell, freundlich und warm. Das selten gespielte Gould-Opus profitierte von diesem Rollenspiel. Denn das einsätzige Stück lässt einen großen Spannungsbogen vermissen. Eher könnte man von spätromantischen Fingerübungen (mit kontrapunktischer Themenbehandlung à la Bach) sprechen, immer an der historischen Grenze zwischen Wagner, Mahler und ihren Überwindern Schönberg, Webern und Co.

Gould selber nannte sein Einser-Werk „eklektizistisch“ - und er meinte das als Lob. Die Kritik hingegen schalt des Kanadiers Streichquartett in seinem Veröffentlichungsjahr (1956) als veraltet, vom Pianisten-Revolutionär und Apologeten der Neuen Musik hatte man anderes erwartet. Vielleicht eine Konzeption, die an Anton von Weberns (1883 - 1945) sechs Miniaturen opus 9 aus dem Jahr 1924 anknüpft: Kurze bis kürzeste musikalische Gedanken, zwischen ein bis drei Minuten. Pointiert, witzig. Selbstredend war der Wiener ebenfalls ein Bach-Bewunderer. Die Minguets sind in diesen so genannten „Bagatellen“ ganz bei sich: vielstimmig und vielfältig. Wie auch im abschließenden Werk des Abends: dem d-Moll-Quartett KV 421 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), dem zweiten der sechs Haydn-Quartette.

Die Besucher spendeten warmen Beifall. (kra)

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