Lyrikkostprobe: Sven Kemmler hat „Romeo und Julia“ „umgeschrieben“ mit einer eigenen Fassung. Foto: HAB

Im Moralkonflikt

Dachau - Er will der neue Helmut Schmidt werden. Kabarettist Sven Kemmler serviert bei seinem „MoralCarpaccio“ Werte-Nachhilfe in kleinen Häppchen. Ein Hindernis ist seine gespaltene Persönlichkeit.

Seine erste moralische Entscheidung musste Sven Kemmler im Alter von sechs Jahren treffen: Ob er der vergesslichen Nachbarin die geliehene Pumuckl-Schallplatte zurückgeben soll, oder nicht. „Da habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass ich aus zwei Personen bestehe, die nicht dasselbe wollen.“ Er gab die Platte nicht zurück. Dafür hält Kemmler mit seiner selbstdiagnostizierter Schizophrenie nun den Gästen in der Dachauer Kultur-Schranne einen Vortrag über die Moral.

„MoralCarpaccio“ heißt sein Programm - Moral in kleinen Scheibchen, denn „90 Minuten Moral hält man nicht aus“, findet der Moralapostel und legt los. Er plaudert über Deutschlands „größte moralische Instanz“ Helmut Schmidt, dessen Posten als oberster Werte-Guru Kemmler in Zukunft gerne übernehmen würde, über Lance Armstrong, bei dem man „Spuren von Blut in seinem Epo entdeckt hat“, und der sich damit endgültig den letzten Platz in der Sittlichkeits-Rangliste erarbeitet hat. Und über die Freiheit - freie Marktwirtschaft, freie Liebe und die „modernste Ausprägung der Freiheit“: das Internet. Den Gipfel besteigt Kemmler mit einer eigenen Version von Shakespeares Romeo und Julia - in Form einer Facebook-Lovestory.

Dass eine der beiden Personen in Kemmlers Kopf ein kleiner Lyriker ist, zeigt auch sein Trinkgedicht über das Vorglühen. „Besoffen erscheinen, um sich dann zu betrinken, ist wie zur Begrüßung zum Abschied zu winken“, schlussfolgert Kemmler in seinem Appell an „die Jüngeren“. Dumm nur, dass im Publikum fast ausschließlich „die Älteren“ sitzen. (dg)

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