+
Einweisu ng vom Wachleiter: Daniel Ernst (rechts) erklärt Thomas Benedikt, auf was es während der Schicht alles ankommt.

Wie sieht der Alltag des BRK-Rettungsdienstes aus?

Und täglich geht der Pieper

  • schließen

Bei einem Unfall oder einer plötzlichen, schweren Krankheit sind sie immer zur Stelle: die Sanitäter vom BRK-Rettungsdienst. Wie der Alltag der Retter aussieht, weiß aber kaum jemand. Unser Autor hat sich einen Tag lang selbst ein Bild von ihrem Job gemacht.

Odelzhausen –Es muss ein ungemein befriedigendes Gefühl sein, jeden Tag anderen Menschen helfen zu können. So war zumindest meine Vorstellung. Ob dem wirklich so ist, wollte ich selbst herausfinden und nutzte die Aktion „Rollentausch“ des BRK, um für einen Tag in die Rolle eines Rettungssanitäters zu schlüpfen.

Meine erste Erkenntnis: „Ziemlich müde müssen sie sein“, als ich noch ziemlich gerädert um sechs Uhr morgens an der Wache Odelzhausen zum Beginn der Tagschicht erschien. Dort angekommen, werde ich von meiner Schichtkollegin Andrea Treml erst einmal ordnungsgemäß eingekleidet. Hose, T-Shirt, Pulli und Jacke, dazu natürlich Sicherheitsschuhe und meinen eigenen Pieper. Rein optisch bin ich so von den anderen Sanitätern nicht mehr zu unterscheiden. So professionell ausgestattet, führt der erste Weg dann zu meinem wichtigsten Arbeitsplatz für den Tag: den Rettungswagen.

Dort erklärt mir Wachleiter Daniel Ernst, wie das Fahrzeug aufgebaut ist. Von Absaugegeräten über EKG bis hin zu Sauerstoffmasken – alles steht im Ernstfall zur Verfügung. Und in den sicher verschließbaren Fächern des Rettungswagens versteckt sich weitaus mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. All das muss im Notfall griffbereit sein. Deshalb führen wir eine Inventur durch und füllen bei Bedarf Medikamente und Verbandszeug wieder auf.

Doch nicht alles davon dürfen die Rettungssanitäter auch selbst verwenden: „Bei vielen Medikamenten ist es noch immer so, dass ein Arzt sie verabreichen muss“, erklärt Ernst. Aber oft sind die Helfer noch vor dem Notarzt am Unfallort – und dann kann jede Minute zählen. Ein neues Gesetz soll zumindest das Verabreichen einiger Medikamente durch die Sanitäter erlauben – auch weil die Zahl der Notärzte immer weiter abnimmt.

Nach der Inventur heißt es dann erst einmal Warten im Bereitschaftsraum. Ich nutze die Zeit, um meine beiden Kollegen besser kennzulernen. Was motiviert sie dazu einen solchen Beruf auszuüben? Beide sind Quereinsteiger, beide betonen, dass ihr Beruf eine Herzensangelegenheit sei. Ohne diese Überzeugung würde ohnehin niemand lange dabeibleiben.

Und bevor wir weiter ins Detail gehen können, ertönt unser Pieper. Ein Arbeitsunfall mit einer Fingerverletzung. Ich habe erwartet, dass alle hektisch aufspringen und zum Rettungswagen sprinten. Stattdessen gehen wir ruhig aber zügig zu unserem Fahrzeug. „Es ist keinem geholfen, wenn ein Sanitäter auf dem Weg stürzt und sich verletzt“, erklärt mir Ernst.

Am Unfallort eingetroffen, stellen wir fest, dass wir nicht die Ersten sind. Notarzt und Polizei sind bereits vor Ort. „Die Beteiligung der Polizei bei einem Arbeitsunfall ist ganz normal“, wird mir erklärt. Der verletzte Finger wird verbunden und der Patient zum Röntgen ins Krankenhaus gebracht. Nachdem wir den Verletzten dort übergeben haben, reinigen wir die Trage – eine Standardprozedur, die nach jedem Patienten durchgeführt wird. „Keiner liegt gerne auf dieser Trage, dann soll sie wenigstens sauber sein“, meint Treml.

Wie es mit den Patienten weitergeht, erfahren die Helfer in der Regel nicht. „Bei besonderen Fällen, oder wenn man die Kollegen im Krankenhaus wieder sieht, frage ich manchmal nach. Aber alleine schon aus Selbstschutz, versuche ich, nicht zu viele Fälle an mich ran zu lassen“, erzählt mir Ernst.

Es ist jetzt beinahe 9.30 Uhr und somit Zeit fürs Frühstück. Wir fahren zu einem Supermarkt und decken uns ein. An der Kasse dann die Überraschung. Statt uns in die lange Schlange stellen zu müssen, werden wir von der Kassiererin direkt nach vorne gebeten. „An solchen kleinen Dingen merkt man, dass die Menschen unseren Beruf doch wertschätzen“, sagt Ernst. Die Regel sei das aber nicht mehr.

Und gerade als wir mit unserem Frühstück fertig werden, geht schon wieder der Alarm los. Ein älterer Mann ist in seiner Wohnung im ersten Stock gestürzt und offensichtlich die ganze Nacht am Boden gelegen. Als wir bei ihm eintreffen, kümmert sich bereits der Hausarzt um ihn. Der Mann hat starke Schmerzen und kann nicht selbstständig zum Rettungswagen gehen. Meine Kollegen müssen ihn also durch das Treppenhaus tragen.

Während ich die Medikamente wieder im Fahrzeug verstaue, kommen die beiden auch schon schnaufend die Treppe herunter – eine ziemliche Plackerei. Behutsam legen sie den Patienten auf die Trage, und dann geht es in hohem Tempo, mit Blaulicht und Sirene, Richtung Krankenhaus, wo wir den Mann in die Hände der Ärzte übergeben. Zeit zum Durchatmen gibt es nicht. Noch während wir die Trage wieder im Rettungswagen verstauen, piept es schon wieder.

Ein kleines Mädchen hat auf der Couch geturnt, ist gestürzt und hat sich dabei anscheinend den Arm gebrochen. In der Wohnung angekommen, finden wir die Kleine völlig aufgelöst im Arm ihrer Mutter – auf den ersten Blick scheint sie nicht so ernst verletzt, wie zunächst angenommen. Trotzdem soll sie ins Krankenhaus. Zur Beruhigung erhält das Mädchen einen kleinen Teddy, und ihre Mutter fährt neben ihr mit.

Bisher bin ich immer nur im hinteren Teil des Rettungswagens mitgefahren. Jetzt sitze ich neben der Fahrerin und erlebe zum ersten Mal eine Blaulichtfahrt aus dieser Perspektive. Die Fahrt durch Stadtverkehr erfordert eine Menge Fingerspitzengefühl. Einerseits die anderen, teils unberechenbaren Verkehrsteilnehmer im Auge behalten. Andererseits möglichst schnell ans Ziel gelangen. „Ein gezieltes Fahrtraining habe ich dafür nicht erhalten. Man tastet sich langsam heran. Erst macht man Fahrten ohne Blaulicht, dann mit Blaulicht, aber ohne Patient und als letzte Stufe beides“, erzählt mir Treml und betont: „Das hat nichts mit Spaß zu tun, sondern ist purer Stress.“

Am Krankenhaus angekommen, ist die Kleine schon viel ruhiger. Den Teddy darf sie natürlich behalten, und wir machen uns auf den Rückweg zur Wache nach Odelzhausen. Ich frage meine Kollegen: „Zeigen sich die Patienten dankbar, oder melden sie sich noch einmal?“ Hin und wieder erhalte man Dankeskarten oder auch kleine Präsente, die die Patienten persönlich bei der Wache vorbeibringen. „Das sind die schönsten Momente an dem Beruf“, meint Treml. Im Regelfall bekommen die Helfer aber keine Rückmeldung mehr.

Und während wir schon gefühlt Richtung Feierabend gehen, werden wir zu einem vierten Einsatz gerufen. Ein Mann war beim Arbeiten aus vier Metern Höhe gestürzt. Äußerlich erscheint er bei unserem Eintreffen zwar unversehrt, aber ein solcher Sturz kann zu schweren inneren Verletzungen führen. Deshalb wird der Patient mit Hilfe einer Vakuummatratze und eines Stützkragens für die Halswirbelsäule stabilisiert.

Den zwischenzeitlich bestellten Hubschrauber benötigen wir zum Glück nicht mehr – sehr zum Bedauern des Patienten, der „so gerne einmal geflogen wäre“. Wieder geht es in hohem Tempo zum Krankenhaus. Dort wird der Gestürzte direkt in den sogenannten Schockraum gebracht, wo bereits zahlreiche Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen warten, um den Verletzten umfassend zu untersuchen. Unsere Arbeit endet an dieser Stelle. Es ist unser letzter Einsatz in dieser Schicht.

Für mich geht damit ein ereignisreicher und äußerst lehrreicher Tag zu Ende. Zuhause angekommen falle ich ziemlich erschöpft ins Bett. Für allzu euphorische Gefühle bin ich schlichtweg zu müde. Vor allem aber habe ich einen großen Respekt vor der Arbeit, die die Rettungskräfte Tag für Tag leisten. Und ein klein wenig stolz, zumindest für einen Tag mit dabei gewesen zu sein, bin ich auch.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Interview mit dem neuen Rektor der Grund- und Mittelschule Bergkirchen, Roland Grüttner
Zum Schuljahresbeginn hat Roland Grüttner als Rektor die Leitung der Grund- und Mittelschule Bergkirchen übernommen.  Wir haben ihn zu seiner neuen Aufgabe befragt.
Interview mit dem neuen Rektor der Grund- und Mittelschule Bergkirchen, Roland Grüttner
“Er ist für jeden Spaß zu haben“: So feiert eine ganze Schule ihren Hausmeister 
Irgendetwas lag in der Luft in der Grund- und Mittelschule Haimhausen. Das merkte auch Hausmeister Horst Keferloher gleich zu Beginn des Tages. Aber so recht wusste er …
“Er ist für jeden Spaß zu haben“: So feiert eine ganze Schule ihren Hausmeister 
Was passiert auf den Parteilisten? Dachauer Kandidaten hoffen auf Zuspruch aus München
Alle Informationen aus dem Stimmkreis Dachau: Über die Landtagswahl und ihre Nachwehen halten wir Sie in unserem Ticker auf dem Laufenden.
Was passiert auf den Parteilisten? Dachauer Kandidaten hoffen auf Zuspruch aus München
Tolle Bühne für den „Magic Maxl“: Dachauer Zauberlehrling in neuer Rolle
Maximilian Schmalhofer alias „Magic Maxl“, macht sich auf zu neuen Ufern: Im November wird der elfjährige Dachauer im Musical „Der Medicus“ in sieben Vorstellungen die …
Tolle Bühne für den „Magic Maxl“: Dachauer Zauberlehrling in neuer Rolle

Kommentare